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Paolo Giordano: "Die Einsamkeit der Primzahlen" : Nur mit sich selbst geteilt

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Ein steifes Bein und eine verlorene Schwester - Alice und Mattia sind schon früh zu Außenseitern geworden. Sie finden zusammen. Aber nie ganz, so wie Primzahlen.

Alice hasst das Skifahren. Nur um ihrem Vater zu gefallen, stellt sich das Mädchen immer wieder oben an den steilen, weißen Anhang. Die anderen Kinder meidend. Sie bleibt allein zurück, im dichten Nebel, findet kaum den Weg - und stürzt schwer.
Mattia schaut genervt zu seiner Zwillingsschwester. Er muss sie mit zum Kindergeburtstag nehmen. Die Zurückgebliebene, den Klotz am Bein. Niemals ist er frei von ihr. Bis er sich entscheidet, sie während der Party im Park zurückzulassen.
Ausgezeichnet und verfilmt
Die Geschichte zweier Außenseiter, "Die Einsamkeit der Primzahlen" war in Italien ein Bestseller. Jung-Autor Paolo Giordano wurde ausgezeichnet, der Stoff verfilmt. Im Hörbuch verzaubert die sensible Geschichte über Mattia und Alice auch wegen der schönen Lesestimme von Daniel Brühl.
Die beiden Außenseiter lernen sich als Teenager kennen: Alice zerrt Mattia während einer Feier in das Kinderzimmer. Sie will die Klassenkameradinnen damit beeindrucken - doch sie schafft es nie, bei den Mädchen dazu zugehören. Mattia lässt sich mitzerren, obwohl er nicht weiß, warum. Die Jugendlichen gehören irgendwie zusammen. Und dann wieder doch nicht. Sie sind wie Primzahlen: Jede steht für sich. Beide tragen dieses unaussprechliche Unglück seit ihrer Kindheit mit sich. Alice hat seit dem Ski-Unfall ein steifes Bein, Mattia zieht sich nach dem Verschwinden seiner Schwester immer mehr in sich zurück.
Einsame Primzahlen
Seit der Jugendfeier sind Alice und Mattia wie die einsamen Primzahlen verbunden miteinander, sind die einzigen wahren Vertrauten. Primzahlzwillinge nennt sie Giordano. Zwei Primzahlen, die so nah aneinander stehen, dass sie nur durch eine gerade Zahl getrennt werden voneinander. Bei Alice und Mattia ist das mal ein Freund, mal die eigene Zurückgezogenheit. Sie nähern sich an, küssen sich - um sich dann wieder zurückzuziehen. Wie Primzahlen werden sie immer einsam bleiben.
Giordano blickt voller Poesie in das Leben der beiden Eigenbrödler. Alices Magersucht, ihre Komplexe wegen des lahmen Beins, Mattias Flucht in die Mathematik, seine verzweifelten Schnitte in die Hand - immer wieder werden die Zwänge der beiden jungen Menschen eindrucksvoll, beängstigend nah beschrieben. Doch im entscheidenden Moment blendet er aus. Schon die unaussprechlichen Traumata der Kindheit werden nur angedeutet. Was tatsächlich passiert ist, kann man nur erahnen.
Selten passten Mathematik und Poesie so gut zusammen. Der Vergleich mit den Zahlen zieht sich durch das Hörbuch "Die Einsamkeit der Primzahlen". Diese Zahlen, die nur durch sich selbst und durch 1 teilbar sind, faszinieren Mattia, er schreibt sogar seine Diplomarbeit darüber. Nachdem er seine eigene Zwillingsschwester verloren hat, ist er auf der ständigen Suche nach immer höheren Primzahl-Zwillingen - Zahlen, die so sind wie er und Alice.
Doch auch wenn "Die Einsamkeit der Primzahlen" immer wieder stark plastisch wird, bleibt vieles diffus. Der Ort liegt irgendwo in Italien. Die Zeit liegt um die Jahrtausendwende, aber die Figuren wirken merkwürdig zeitlos und fern. Und so liest auch Daniel Brühl die Geschichte sehr einfühlsam und still. Nachdenklich - und manchmal zieht sich der Plot in sich zurück, als sollte man seine Geschichte nie ganz erfahren.

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erstellt am 23.Dez.2010 | 08:09 Uhr

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