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Ernst Barlach : Nordisch, gespenstisch, hexensüchtig

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vor 75 Jahren starb Ernst Barlach. Seine Kunst ist stark von der norddeutschen Landschaft geprägt.

von
erstellt am 24.Okt.2013 | 08:28 Uhr

Schleswig | Ernst Barlach nimmt mit seinem bildhauerischen Werk im wahrsten Sinne des Wortes Raum ein. Auf der Gottorfer Museumsinsel füllen seine Skulpturen gleich einen ganzen Saal. Auch an anderen Orten spielt Barlach (1870-1938) als eine der herausragenden Künstlerpersönlichkeiten der Moderne eine große Rolle. Die Barlach-Museen in Wedel, Ratzeburg, Hamburg und Güstrow sind bis heute Publikumsmagneten. „Ernst Barlach war einer der großen deutschen Bildhauer seiner Zeit“, sagt Uta Kuhl vom Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum. „Sein Schaffen als Bildhauer wurde stark von der norddeutschen Landschaft geprägt. Das macht ihn für uns so interessant.“

Doch der expressionistische Bildhauer, Grafiker und Schriftsteller erfuhr nicht immer diese Anerkennung. Als er vor 75 Jahren am 24. Oktober 1938 in Rostock starb, wurde er von den Nationalsozialisten verfolgt. Sie hatten 1937 ein Ausstellungsverbot verhängt und mehr als 400 seiner Werke als „Entartete Kunst“ aus öffentlichen Sammlungen entfernen lassen.

Der „Schwebende“, eine seiner bekanntesten Bronzeplastiken, wurde 1937 aus dem Güstrower Dom in Mecklenburg herausgeholt und während des Zweiten Weltkriegs für neue Kanonen eingeschmolzen. Ursprünglich gedacht war die Plastik als Ehrenmal für die Opfer des Ersten Weltkrieges. Doch die Nazis schafften es nicht, Barlachs Werk zu vernichten: 1953 kehrte der „Schwebende“ als Nachguss in den Güstrower Dom zurück. Im Gottorfer Barlach-Raum hängt ebenfalls ein Nachguss.

Geboren wurde Ernst Barlach 1870 in Wedel als ältester von vier Söhnen eines Arztes. Aufgewachsen im mecklenburgischen Schönberg und im holsteinischen Ratzeburg, studierte er Kunst in Hamburg und Dresden. Von 1897 an arbeitete er als freischaffender Künstler unter anderem in Hamburg, Paris und Berlin, allerdings ohne großen Erfolg. Er verfiel in Selbstzweifel, hinzu kam materielle Not.

Aus einer schweren Lebenskrise heraus reiste Barlach 1906 mit seinem Bruder Nikolaus nach Russland. Die dort gesammelten Eindrücke, die er in vielen Skizzen und im „Russischen Tagebuch“ verarbeitete, waren die Grundlage für einen ästhetischen Neubeginn. Waren seine Werke vorher eher vom Jugendstil geprägt, so vereinfachte er jetzt die Formgebung. Gewand und Körper verschmolzen mehr und mehr. Zudem stellte sich nach der Russlandreise auch wirtschaftlicher Erfolg ein: Der Berliner Kunsthändler Paul Cassirer übernahm Barlachs Arbeiten gegen ein festes Jahresgehalt.

1910 ließ sich der Künstler in Güstrow nieder, wo er bis zu seinem Lebensende bleiben sollte. Hier schuf er sein Hauptwerk – und fand im Alter von 56 Jahren auch die Liebe seines Lebens: Die Bildhauerin Marga Böhmer (1887-1969) wurde seine Gefährtin ohne Trauschein.

Barlach war in einem protestantischen Elternhaus aufgewachsen, aber kein regelmäßiger Kirchgänger. Und doch ging er davon aus, dass sich seine Werke gut in einen sakralen Raum fügen würden. Es entstanden Ehrenmale für den Güstrower und den Magdeburger Dom, der „Geistkämpfer“ für die Stadtkirche Kiel und die „Gemeinschaft der Heiligen“ für die Lübecker Katharinenkirche. Viele Werke fanden ihren Platz auch in der Güstrower Gertrudenkapelle, in der vor 60 Jahren das erste Barlach-Museum eröffnet worden war.

„Barlach ist häufig mit dem Etikett christlicher Künstler versehen worden“, sagt Helga Thieme, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Güstrower Ernst-Barlach-Stiftung. Über sich selbst aber hatte er geschrieben: „Ich bin viel Christ, viel Heide, viel Buddhist, viel, viel sonst. Nordisch, gespenstisch, hexensüchtig.“

Im Laufe seines Lebens hat Barlach rund 2000 Zeichnungen, 450 Plastiken, 100 Skizzenbücher sowie Lithographien und Holzschnitte geschaffen. Die 1994 gegründete Ernst-Barlach-Stiftung in Güstrow bewahrt die umfangreichste Sammlung seines Werks auf. Hier wird am
10. November ein neues Werkverzeichnis vorgestellt.

Barlach starb in der Rostocker St. Georg-Klinik im Alter von 68 Jahren an einem Herzinfarkt. In Ratzeburg, wo er neben seinem Vater begraben ist, wird Barlach am 26. Oktober mit einem Festakt gewürdigt. Prominenter Gast ist Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD).

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