Video : Nord Art: Die Kunst der politikfreien Ausstellung

Durch echte Birken in eine riesige Kunstwelt: Der Eingangsbereich der Nord Art.  Fotos: michael staudt
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Durch echte Birken in eine riesige Kunstwelt: Der Eingangsbereich der Nord Art. Fotos: michael staudt

Die Nord Art 2014 hat ihren Schwerpunkt auf russische Kunst gelegt, will die Ukraine-Krise aber nicht zum Thema machen. Die Ausstellung im Video.

Martin Schulte ist Leiter der Kulturredaktion des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags. von
10. Juni 2014, 20:07 Uhr

Büdelsdorf | Putin schaut eigentlich ganz freundlich. Breitbeinig steht er da, den Hintern in Richtung des russischen Pavillons gedreht. Drei Tonnen geballte Kraft, drei Tonnen russische Kunst. Putin, der eigentlich gar nicht Putin heißt, ist mit Sicherheit eines der eindrucksvollsten Exponate auf der Büdelsdorfer Nord Art 2014. Winston ist der richtige Name der riesigen Bulldogge, eine Bronze-Arbeit des russischen Künstlers Alexander Taratynov.

Die Mitarbeiter der Nord Art, die am Sonnabend eröffnet wird, haben dem vierbeinigen Riesen seinen neuen Namen verpasst und damit unbewusst ein Thema in die Halle getragen, das hier eigentlich gar nicht Thema sein soll – der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. „Wir wollen keine Politik machen, sondern Kunst“, sagt Wolfgang Gramm. Der Chefkurator der Nord Art steht unter Zeitdruck, der Lastwagen mit der russischen Kunst ist viel zu spät angekommen. Der ganze Pavillon mit den 150 großformatigen Bildern muss noch gestaltet werden.

Bleibt die Frage, ob man in diesen Tagen einen Russland-Schwerpunkt machen kann, ohne über das politische Russland zu sprechen. Unpolitische Kunst – geht das überhaupt? „Das ist natürlich kein einfaches Thema, aber für die aktuelle Situation können wir nichts und wir haben auch keinen Einfluss auf ihren Ausgang“, sagt Gramm.

 

Die Macher der Nord Art wissen um die Brisanz ihrer Entscheidung für das diesjährige Schwerpunktland Russland und sie wissen, dass Fragen kommen werden. Dabei fiel die Entscheidung für Russland bereits im vergangenen Jahr, als die Ukraine-Krise noch lange nicht in Sicht war. Ein „einfaches Thema“, um bei dem Begriff zu bleiben, war Russland da aber auch schon nicht. Möglicherweise hilft es, dass die Entscheidung auch von den Mäzenen der Nord Art, dem Unternehmer-Ehepaar Johanna und Hans-Julius Ahlmann, mitgetragen wurde und vielleicht ist das am Ende das entscheidende Argument: In einer privatfinanzierten Ausstellung, die keine öffentliche Unterstützung erhält, lässt sich die Politik leichter ausklammern.

Wer sich tatsächlich allein auf die ästhetische Seite der Ausstellung beschränkt, der kommt jedenfalls auf seine Kosten. Die Hallen der stillgelegten Eisengießerei Carlshütte bieten auf ihren 22.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche schon rein quantitativ einen gewaltigen Eindruck nicht nur der russischen, sondern der internationalen Kunst. Aber auch qualitativ ist das, was in Büdelsdorf gezeigt wird, oft von hohem Niveau. Dass bei 1500 Arbeiten – Installation, Video, Foto, Skulptur, Malerei – von 250 Künstlern nicht alles diesen Ansprüchen genügen kann, ist auch klar. Gerade im Bereich der Malerei werden diese Unterschiede sichtbar.

Und nicht jedes Werk passt in die Carlshütte, zu den riesigen Räumen und Wänden der eindrucksvollen Industrie-Architektur, die schon für sich selbst als Kunstwerk gezählt werden muss. Alles jenseits des großen Formats hat es schwer, es sei denn, es wird ein eigener Raum geschaffen, der die gewaltigen Dimensionen einschränkt. So wie im sehenswerten „China Garden“, der chinesische Arbeiten von der letzten Biennale in Venedig zeigt und auch das kleine, filigrane Format zur Geltung kommen lässt. Ganz anders im Park neben der Carlshütte, auf dessen 80 000 Quadratmetern zahlreiche große Skulpturen präsentiert werden.

Mit mehr als 100.000 Quadratmeter Fläche ist die Nord Art nicht nur eine der größten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in Europa, sondern auch ein Konzept, das den Besucher mit seiner ganzen visuellen Fülle mitunter erschlagen kann. Sie ist ein Symposium, auf dem seit Anfang Mai rund 20 Künstler neue Arbeiten gestalten und sie ist ein Treffpunkt für die internationale Kunst. Wer die echte Birkenwiese im Eingangsbereich der ersten Halle passiert hat, betritt eine in vielerlei Hinsicht wunderbare Welt. „Die Nord Art ist ein Gesamtkunstwerk“, sagt Gramm: „Mir geht es hier nicht um einen musealen Blick, die Werke stehen alle in Verbindung zueinander und fügen sich zu einem Gesamtwerk zusammen.“

Ein Gesamtwerk, das so eindrucksvoll ist wie der riesige, drei Tonnen schwere Hund mit den zwei Namen.

> Nord Art: Eröffnung, Sonnabend, 14. Juni, 17 Uhr (Eintritt frei). Bis 12. Oktober, Di. bis So. 11 bis 19 Uhr.

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