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Kloster Cismar : Nackte Körper, zweifache Farbenlust

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen zeigt ab Sonntag im Kloster Cismar Werke von Georg Tappert und Ernst Straßner.

Es darf geschwelgt werden: In Farben, Stimmungen, Gesichtern. Mit Georg Tappert und Ernst Straßner widmet das Kloster Cismar von Sonntag an seine Sommerausstellung zwei ganz und gar unterschiedlichen, aber dennoch in Achtung voreinander verbundenen Künstlern. „Expression und Farbenlust“ lautet der Titel. Und genau so geht es zu.

Wenig haben die beiden auf den ersten Blick miteinander zu tun. Menschen stehen im Fokus des Großstadtkindes Tappert (1880 bis 1957), vor allem um Landschaften, Bäume, Blumen ging es dem ländlich geprägten Thüringer Straßner (1905 bis 1991). Zentrale Persönlichkeit des deutschen Expressionismus der eine, ihm gegenüber Straßner, „den der Expressionismus kalt gelassen“ hat, wie es Thomas Gädeke von der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen formuliert. Er war Ideengeber für diese insgesamt 120 Bilder und Zeichnungen starke Schau, die auch ein Licht auf das Lehrer-Schüler-Verhältnis wirft, das beide Künstler miteinander verbindet.

„Großherzig“ nennt Gädeke den Berliner Tappert, der schon 1906 unterrichtetet und 1921 eine Professur in der Kunsterzieherausbildung erhielt. Hier wurde Strasser 1924 sein Schüler. „Er hat seine Schüler bestärkt, ohne ihnen seinen Stil aufzuzwingen“, sagt Gädeke. „Viele kleine Tapperts“ zu formen, sei seine Sache nicht gewesen. Und tatsächlich gelingt es Gädeke und der Ausstellungskuratorin Gesa Bartholomeyczik, fast ausschließlich mit Bildern genau dieses besondere Lehrtalent an den Tag zu holen: Die Schau startet mit frühen Arbeiten Tapperts, Blumenstillleben, Bäumen, Porträts, die den Expressionisten schon zeigen, der sich im zweiten, dem Haupt-Tappert-Raum, mit meist üppigen weiblichen Akten präsentiert. Nicht einfach schöne Nackte sind da zu begucken, sondern unbekleidete Persönlichkeiten zu entdecken.

Tappert stellt nicht bloß, er nimmt gelebtes Leben ernst. Bis zur Karikatur arbeitet er Charaktere in Zeichnungen heraus. Der nächste Raum beschert mit Landschaftsbildern einen Kontrapunkt. Tappert, von den Nazis aus dem Lehramt gejagt und mit Ausstellungs- und Malverbot belegt, flüchtet sich in unverfängliche Motive. Noch im Krieg bricht er seine künstlerische Arbeit ab. 1945 konzentriert er sich auf den Wiederaufbau der Hochschule für Kunsterziehung und unterrichtet bis 1953. Seinen Schülern ist das bildnerische Werk ihres Lehrers so gut wie unbekannt. Dass dessen Bedeutung posthum ans Licht kommt, ist hauptsächlich dem ehemaligen Direktor des Landesmuseums, Gerhard Wietek, zu verdanken, der 1980 die erste umfassende Monographie mit dem Werkverzeichnis der Gemälde herausgibt und Ausstellungen unterstützt.
Talente neidlos erkennen, ohne sie zu verformen – der leidenschaftliche Maler und Zeichner Ernst Straßner hat von der Begabung Tapperts profitiert.

Im Kloster Cismar ist ihm das zweite Obergeschoss gewidmet, und wer sich im ersten Stock an Tappert lustvollen Halbweltstudien berauscht hat, erlebt hier die größte Überraschung der Schau: So groß die Unterschiede zwischen Lehrer und Schüler auch sind, so erstaunlich sind ihre Gemeinsamkeiten. Wie Tappert sich auf malerische Wanderungen durch die Natur begibt, macht sich der Naturinterpret Straßner an das „Abenteuer Mensch“, porträtiert seine Tochter, seinen Sohn, experimentiert mit Farbgebung und Pinselführung.


„Expression und Farbenlust“wird am Sonntag um 12 Uhr eröffnet (Zugang für jedermann) und ist bis 1. November 2015, Di. bis So. von 10 bis 17 Uhr, zu sehen. Kloster Cismar, Bäderstraße 42, Grömitz.


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