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Schleswig-Tatort : Nach dem Mord zurück ins Schulbüro

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Das Dänische Gymnasium war im Tatort Schauplatz eines Krimis rund um die deutsch-dänische Geschichte. Der Leiter der realen Schule freut sich - quicklebendig - über die Darstellung der Minderheit - auch wenn die Kommissarin eher "deutliches Ikea-Deutsch" sprach.

shz.de von
erstellt am 14.Mai.2013 | 05:53 Uhr

Schleswig | Über neun Millionen Zuschauer verfolgten Sonntagabend, wie der Schulleiter der A. P. Møller Skolen in Flammen aufging. Einen Tag später sitzt Jørgen Kühl in seinem Direktoren-Büro an der Fjordallee 1 und bekräftigt: "Alles in bester Ordnung. Ich war es nicht."
Der Tatort "Borowski und der brennende Mann" nahm seinen Ausgangspunkt im dänischen Gymnasium der Stadt Schleswig. Hunderte Schüler und Eltern wirkten bei den Dreharbeiten mit, Schulleiter Jørgen Kühl gab als Historiker Fakten und Bücher zur Dänischen Minderheit weiter und nun war das fesselnde Ergebnis im Fernsehen zu sehen. "Wir haben den Tatort im Schleswiger Kino verfolgt. 360 Leute waren da. Unsere Lucia-Mädchen haben ein Lied gesungen und wir haben Interviews gegeben. Der Drehbuchautor war auch da", so der quicklebendige Schulleiter Jørgen Kühl. Dass sein fiktiver Kollege im Film als Mordopfer den Auftakt zur Mörderjagd gab, sorgte bereits im Vorfeld für manchen Klarstellungsbedarf. "Einzelne Schüler haben schon gesagt: Das ist aber ganz schön mutig von dir, so zu brennen. Aber ich habe dann immer erklärt, dass die Dreharbeiten nichts mit der Realität zu tun haben. Und ich habe immer hinzugefügt: Es ist wichtiger, wenn Lehrer nicht verbrennen. Die brauchen wir am meisten", lacht Kühl.

"Deutliches Ikea-Deutsch"


Und so habe sich der gesamte Tatort stets zwischen Fiktion und geschichtlichen Fakten bewegt. "In meinem Büro hängen zum Beispiel keine Bilder der dänischen Königin. Aber natürlich muss ein Film in klaren Bildern und Botschaften seine Aussagen machen. In dem Fall war das: "Hier gibt es eine dänische Minderheit", so Jørgen Kühl. Ob der Fall, der in die Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik zurückblickt und im Jahr 1960 mit einem auflodernden Konflikt zwischen deutsch-dänischen Einheimischen und Flüchtlingen aus dem Osten seinen Anfang fand, geschichtsgetreu eingebettet war? Auf die Frage, ob es jene Anfeindungen seitens Deutscher und Dänen gegen die Kriegsflüchtlinge 1960 noch gegeben habe, sagt Kühl: "Geschichte ist ja immer gleichzeitig und ungleichzeitig. Die eine Million Flüchtlinge aus dem Osten haben 1944/45 für Unmut gesorgt und sie waren Anfeindungen ausgesetzt. 15 Jahre später war das nicht einfach vergessen, auch wenn es keine große Rolle mehr spielte. Aber solche Gefühle verschwinden ja nicht einfach, die Spannungen waren da. Konkret war es aber vor allem eine sehr gute Drehbuchidee. Doch die Grundkonzeption mit deutschen und dänischen Bürgern, die sich näher waren als den Flüchtlingen, das kann man so stehen lassen." So habe der 1948 gegründete Südschleswigsche Wählerverband (SSW) als Partei der dänischen Minderheit im Landesteil Schleswig und der nationalen Friesen in Nordfriesland gefordert, die Flüchtlinge zu entfernen. Die Heimatverbliebenen Dänen sprachen sich gegen die Heimatvertriebenen aus dem Osten aus.
"Zu dieser Thematik hat das Drehbuch dieses Tatorts schon ein sehr gutes Gespür aufgebaut", sagt Jørgen Kühl. Er hofft, dass der Tatort dazu beigetragen hat, ganz Deutschland die regionale Grenzlandgeschichte aufzuzeigen. "Ich glaube, es war eine gute Sache, durch die filmische Erzählung haben zig Millionen erfahren, dass es hier eine dänische Minderheit gibt, die heimisch ist. Der Tatort hat nun auf einen Schlag ein breites Publikum erreicht! Und für unsere Schule war es ein tolles Erlebnis."
Dass die gespielt dänische Kommissarin Frau Einigsen von der in Uppsala geborenen Schwedin Lisa Werlinder gespielt wurde, entging Jørgen Kühl und seinen Zuschauern in Schleswig natürlich nicht. "Naja, es war schon eher ein deutliches Ikea-Deutsch. Vermutlich so, wie sich die Deutschen skandinavischen Dialekt vorstellen. Ich denke, außer uns hier im Norden, die wir dänisch sprechen, hat das aber niemand in Deutschland bemerkt." Dass im Film an einer Stelle von "südschlesischen" Kindern die Rede war, hat Jørgen Kühl nicht recht zu deuten gewusst. "Es war doch eher selten, dass Flüchtlinge aus Schlesien kamen. Meist kamen sie aus Pommern und Preußen. Aber wie gesagt - es war ein Film."
Und so kann der Schulleiter der A. P. Møller Skolen seine Arbeit uneingeschränkt fortsetzen - auch wenn er am Sonntag vor den Augen von 9,31 Millionen Zuschauern in Flammen aufging...
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