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Versteigerung in Kiel : Muthesius Kunsthochschule: Gescheiterte Werke unterm Hammer

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kieler Muthesiusschüler versteigern ihre ungeliebte Kunst. Alle Bilder finden einen Käufer – wenn auch nur für kleines Geld.

shz.de von
erstellt am 11.Feb.2015 | 08:54 Uhr

Kiel | Sie kann das Bild nicht mehr sehen. Also bietet die Kunststudentin Lara Kneesch ihre Collage „ohne Titel“ bei der Auktion der gescheiterten Bilder an. Seit zwei Jahren stand das abstrakte Werk im Atelier der 23-jährigen Kunststudentin an der Wand, nun muss es weg. Bei der Versteigerung in der kleinen Kieler Kneipe „Prinz Willy“ kommen Kunstwerke von Muthesiusschülern unter den Hammer, von denen sich die Nachwuchstalente trennen wollen. Allesamt Arbeiten, die im Unterricht durchgefallen sind. Trennungsschmerz Fehlanzeige: „Das Bild ist in meinen Augen einfach schlecht“, sagt Lara Kneesch, die auf ein Gebot von 15 Euro hofft, „mal sehen, zu wem es heute geht.“

So sieht Selbstkritik aus. 47 Kunstwerke von Schülern der Malereiklasse von Antje Majewski werden angeboten. Zusammen mit ihren Kommilitonen Elvira Bäfverfeldt, Katharina Kenklies und Johannes Buller moderiert Lara Kneesch den Abend in lockerer Clubatmosphäre mit Bier, Partylicht und Musik. Dabei ist die Disziplin nicht so hoch wie in den renommierten Auktionshäusern von Christie’s und Sotheby’s. Immer wieder kommt es zur Verwirrung: „Sehe ich da ein Gebot?“ – „Nein, das war nur ein Hallo!“

In der Bar drängeln sich die Interessenten. Swantje Geercken geht die Aktion locker an. „Je nachdem, ob mir etwas gefällt, biete ich spontan mit.“ Sie sei eine Bauchkäuferin. Dagegen geht Tobias Nachtmann gezielt vor. „Ich biete auf die Werke von Maxim Brandt“, sagt Nachtmann. Denn dessen Arbeiten würden auf dem Kunstmarkt schon zu relativ hohen Preisen gehandelt. „Da kann es nicht schaden, hier ein Frühwerk für wenig Geld zu ergattern.“

Diese Wertschätzung macht es einfacher für die Kunststudenten, die aber ohnehin über sich selbst und ihre erfolglosen Kunstwerke lachen können. Spaß ist überlebenswichtig. Schließlich haben es angehende Künstler nicht leicht. Die wenigsten der Studenten – laut Schätzungen etwa fünf Prozent – können später von ihrer Kunst leben. Jahresgehälter von weniger als 14  000 Euro sind die Regel. Doch bei allen ist der Traum vom großen Durchbruch irgendwie vorhanden. „Wenn man Künstler sein will, darf man nicht pessimistisch sein“, sagt Lara Kneesch, die dennoch froh ist, dass sie Kunst immerhin auf Lehramt studiert. „So muss ich mein Geld später nicht zwingend mit der Kunst verdienen“ Wobei sie schon den Gedanken im Kopf hat, sich in ein Künstlerleben zu stürzen, wenn sie Erfolg haben sollte.

Der Erfolg kommt vielleicht Schritt für Schritt. Von Gebot zu Gebot erhöht sich der Preis für ihre Collage. Bei 20 Euro ist Schluss. „Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten, verkauft!“ Mit einem Hammer aus dem Baumarkt schlägt Lara Kneesch auf ein Buch, Émile Zolas „La Bête Humaine“ („Die Bestie im Menschen“). Den Zuschlag erhält Daniel Dalaske, dem vor allem die kontrastreichen Farben gefielen. Nun nimmt er das Werk mit und sucht dafür einen passenden Platz in seiner Wohnung. Lara Kneesch freut sich nicht nur, dass ihre Erwartung um fünf Euro überboten wurde, sondern auch darüber, dass ihr Bild Gefallen fand.

Aber selbst die Bilder, an die sich die Augen der Betrachter erst gewöhnen müssen, finden einen Käufer. So etwa ein düsteres Gemälde mit einer Frau in einer Badewanne, die ein Baby im Arm hält, das vielmehr ein gesichtloses Etwas, als ein süßer Säugling ist. „Meine Dozentin sagte, ich solle wie Francis Bacon malen“, sagt Johannes Buller, „aber das kann ich nicht.“ Seine Kommilitonin Katharina Kenklies bemüht sich, dass Bild schön zu reden: „Wenn man das hier ins Wohnzimmer hängt, hat man immer etwas, worüber man reden kann“. Der Maler selbst meint dagegen: „Vielleicht ist es eher etwas für die Kellertreppe.“ Das bleibt die Entscheidung des Käufers.

Alle Bildmotive kommen an diesem Abend unters Volk – egal ob es ein Kaffeebecher in grau und grün, ein süßer Affe oder eine Serie aus drei Teilen mit den Titeln „Gedärm“, Fahrrad“ und „Dickicht“ ist. Das Höchstgebot erzielt eine nächtliche Szene von Alexandra Gauß. 50 Euro ist einem Käufer das Bild wert. Insgesamt werden 630 Euro eingenommen, Geld das an die Künstler geht und für neue Farben und Leinwände ausgegeben werden kann. Um neue Versuche zu starten, Erfolg zu haben oder erneut zu scheitern.

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