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Hamburger Kunstwerke : Museen suchen nach NS-Raubkunst

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Herkunftsgeschichte von Kunstwerken ist selten lückenlos. Das gilt auch für mehrere Millionen Hamburger Exemplare, die aus der Nazizeit stammen könnten.

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erstellt am 09.Jan.2014 | 10:36 Uhr

Hamburg | Fast sechs Millionen Kunstwerke mit einem Wert von 3,1 Milliarden Euro befinden sich derzeit im Besitz der Stadt Hamburg. Rund 10.700 davon könnten Raubkunst aus der Nazizeit sein. Das geht aus einer Parlamentarischen Anfrage der Grünen hervor. Dazu zählen neben Bildern, Grafiken und Skulpturen auch Gegenstände von kunst- und kulturgeschichtlicher Relevanz. Provenienzrecherche ist demnach ein wichtiges Thema – aber nicht nur in der Hansestadt, auch in Schleswig-Holstein wird geforscht. Wobei hier wesentlich weniger Raubkunst vermutet wird.

Eine Frage der Herkunft
Die Herkunftsgeschichte von Kunstwerken ist selten lückenlos. Insbesondere weil viele Werke oder Gegenstände sich zuvor in privatem Besitz befanden, bevor sie in die Museen kamen. Nach derzeitigem Kenntnisstand ist bei nur 4628 der zwischen 1933 und 1945 in den Hamburger Besitz gekommenen Kunstobjekten die Herkunftsgeschichte vollständig geklärt. Insgesamt sind in dieser Zeit 15.329 Kunstgegenstände in das Eigentum der Stadt übergegangen. „Da die Inventarisierung in den meisten Museen noch nicht abgeschlossen ist, liegt dazu – wie auch in vielen betroffenen Behörden und Einrichtungen – keine vollständige Übersicht vor“, so der Senat in seiner Antwort auf die Grünen-Anfrage.

In den Augen der Hamburger Grünen ist das ein nicht hinzunehmender Zustand. „Die öffentliche Hand muss im Umgang mit Kunstwerken Vorbild sein“, sagt Christa Goetsch, kulturpolitische Sprecherin der Grünen Bürgerschaftsfraktion, vor dem Hintergrund des Kunstfundes bei Cornelius Gurlitt in München. „Die Forschung zur Herkunft von Kunstwerken muss dringend gestärkt werden.“

Denn bei rund 10.700 Kunstwerken, die theoretisch NS-Raubkunst sein können, fehlt eine lückenlose Herkunftsgeschichte. Zwar kann für den allergrößten Anteil der Kunstobjekte und Kulturgegenstände im Besitz Hamburgs ausgeschlossen werden, dass es sich um NS-Raubkunst handelt, nach derzeitigem Kenntnisstand lässt sich dies jedoch nur für 429.389 Kunstobjekte belegen. 90 Prozent der Museumsbestände seien noch nicht systematisch erforscht, so der Senat.

Erst 1998 unterzeichnete Deutschland zusammen mit 43 weitere Staaten die Washingtoner Erklärung, in der sich die Länder verpflichteten, Raubkunst in ihren Museen aufzuspüren, die Erben der Eigentümer zu finden und sich mit ihnen zu einigen. Seit 2008 fördert die Berliner Arbeitsstelle für Provenienzforschung bundesweit Projekte.

In Hamburg sind derzeit drei Mitarbeiter mit insgesamt zwei Stellen mit der Provenienzenforschung, also Aufarbeitung der Herkunftsgeschichten von Gemälden beschäftigt. Davon entfällt eine Stelle auf die Hamburger Kunsthalle sowie jeweils eine halbe Stelle auf das Museum für Kunst und Gewerbe und das Museum für Hamburgische Geschichte.

57 Fälle von Raubkunst

Aus der Senatsantwort geht hervor, dass seit Ende des Krieges 57 Fälle von NS-Raubkunst im Hamburger Bestand festgestellt wurden. 51 Werke konnten ihrem rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben werden. In den übrigen sechs Fällen läuft die Rückgabe noch. Der Wert der bisher zurückgegebenen Werke beträgt mehr als 2,3 Millionen Euro, die sich fast ausschließlich auf drei Werke des Museums für Kunst und Gewerbe beziehen.

Auch in Schleswig-Holstein kommt die Provenienzforschung nur langsam in Gang. Im Landesbesitz gibt es laut Aussage des Kulturministeriums in Kiel keine Nazi-Raubkunst. „Mit dem Ankauf von Bildern wurde erst in den 50er Jahren begonnen“, sagt Anne Nilges, die den etwa 4000 Werke umfassenden Kunstbesitz des Landes verwaltet.

Forschung auf Gottorf

In den schleswig-holsteinischen Museen kann das Vorkommen von Raubkunst nicht ausgeschlossen werden. Daher startete kürzlich in den Landesmuseen auf Schloss Gottorf ein Forschungsprojekt, das von der Arbeitsstelle für Provenienzrecherche gefördert wird. Dabei werden die Ankäufe für die Sammlung im Zeitraum zwischen 1933 und 1945 untersucht.

Dem wollen es die Lübecker Museen gleichtun. „Wir wollen die Provenienzforschung systematisch angehen und werden im nächsten halben Jahr bei der Arbeitsstelle für Provenienzrecherche ebenfalls einen Antrag auf Fördermittel stellen“, sagte Alexander Bastek, Leiter des Museums Behnhaus Drägerhaus. „Allerdings wird nicht viel zu finden sein.“ Bastek vermute vielleicht drei verdächtige Kunstwerke in der Sammlung zu finden, die 10.000 Grafiken und 2000 Gemälde umfasst. Am ehesten könne Raubkunst beim Kunsthandwerk im St. Annen Museum zu finden sein.

In der Kieler Kunsthalle sei man mit der Provenienzrecherche beschäftigt, teilte Sprecherin Natascha Driever mit. „Wir nehmen den Forschungsauftrag sehr ernst.“ Es gebe bisher noch keinen Fall.

Während in Museen nach Raubkunst geforscht wird, ist es schwierig herauszufinden, ob es welche in privaten Sammlungen gibt. Denn Privatpersonen sind nicht verpflichtet, dies zu melden.

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