Schleswig-Holstein Musikfestival : Mit Ulrich Tukur durch die Nacht

Am Wochenende zelebrierten Ulrich Tukur und die sieben Musiker seiner Band "Lieder einer Nacht" in Lübeck und Husum.

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08. August 2011, 11:17 Uhr

Lübeck | "Mezzanotte" - auf der Bühne ist das Kunst mit Leib und Kehle. Am Sonnabend in Lübeck und gestern in Husum zelebrierten Ulrich Tukur und die sieben Musiker seiner herausragenden Band "Lieder einer Nacht". Mit Registern seiner Schauspielkunst möbelte Tukur die Basis-Lieder seiner gleichnamigen CD höchst unterhaltsam auf und gab noch ein paar Lieder dazu. Musik aus oder wie in den 1920, 1930er Jahren, vorgetragen von einem kritischen Verehrer - diesen Abend konnte man selbst in einem sterilen Event-OP wie der Lübecker Musik- und Kongresshalle (MuK) genießen.
Ein bisschen Zirkus (der besten Art), ein bisschen Frivolität der vermeintlich goldenen 20er, eine Prise Tucholskyscher Satire, ein Hauch Gemüt à la Kästner - die Texte, zumal die der deutschen Lieder; gehören zum Kulturgut. "Du und ich im Mondenschein", "Die kleine Nacht will schlafengehn", "Nachts ging das Telefon" sind ganz sicher trivial. Es geht um Herzschmerz und Sehnsucht, um Liebe und Leid. Dass sie dennoch anrühren, zeigt die Qualität Tukurs. Nie würde es im einfallen, sie einfach nur wie dunnemals zu trällern. Immer mischt er Brüche unter: einen rauen Ton, eine kleine Verzögerung, eine negierende Geste, ein roh überschminktes Gesicht oder einfach einen Rock, der zwei Nummern zu klein geraten ist. Tukur versteht es, die großen Gefühle wie sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Wer da gekommen war, um einen "Tatort"-Kommissar singen zu sehen, fand sich im falschen Film wieder. Tukur, zweifelsohne einer der bekanntesten deutschen Schauspieler, ist auch einer der besseren deutschen Musiker. Deutsch, französisch, italienisch, englisch parlierend leitete er von Stück zu Stück - 25 waren es am Ende, ein satter Abend, in den sich die beiden selbstgemachten Lieder "Die Großstadt träumt" (Text: Tukur) und "Willy Williams" (Text und Musik: Tukur) nahtlos einfügten.
Fast will die Nacht zu einer One-Man-Show werden, aber auch das fängt Tukur wieder ein, bietet seiner Band, die sich um den Arrangeur und Pianisten Lutz Krajenski gruppiert, Raum zur Entfaltung. Mit kleinen jazzigen Soli werden die musikalischen Persönlichkeiten präsent; ein Lächeln hier, gegenseitiger Szenenapplaus da, demonstriert, dass man einander lange kennt und schätzt.
Tukur ist aber vor allem einer der Künstler, die ihr Vermögen genau einzuschätzen wissen. "Schließlich habe ich keine große ausgebildete Stimme", wird er im Programmheft zitiert. Für die Stücke der Nacht ist sie indessen perfekt. Da wollen Finger mitschnipsen, Fußspitzen den Takt mitklopfen, Hüften rollen. Da hätte nicht mal Bierdunst gestört, selbst Zigarettenqualm wäre zur Not noch akzeptabel gewesen. In Lübeck waberte statt dessen einmal mehr der Geruch nach geschmacksverstärkter Bratensoße durchs Parkett. Ordentliche Sitzreihen wie in der MuK wirken da wie Gefängnisse. Schade.
(lub, shz)

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