John Neumeier : "Mein Blick auf Nijinsky ändert sich stündlich"

Arbeitet weiter an seinem Puzzle Nijinsky: Choreograf John Neumeier neben einer Büste der Tänzerlegende. Foto: dpa
Arbeitet weiter an seinem Puzzle Nijinsky: Choreograf John Neumeier neben einer Büste der Tänzerlegende. Foto: dpa

Vor 100 Jahren bescherte das Ballets Russes dem Ballett als Kunstform eine neue Blüte. Zum Jubiläum sprach Brita Janssen mit dem Choreografen der Hamburger Staatsoper, John Neumeier, über Nijinskys Tanz und seine Bilder.

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19. Mai 2009, 10:16 Uhr

Warum sind die Ballets Russes tanzgeschichtlich so wichtig?

Die Ballets Russes unter ihrem Gründer Sergej Djagilew haben eine Geschichte von 20 Jahren, die von sehr unterschiedlichen Choreografen wie Fokin, Nijinsky, Massine oder Balanchine geprägt wurde. Das Entscheidende ist aber das Konzept der Compagnie, nämlich die Gleichstellung von Choreografie, Libretto, Musik, Bühnenbild und Kostüm. Mit den Ballets Russes erfuhr das Ballett nicht zuletzt durch die Kraft der männlichen Tänzer seine Bestätigung als Kunstform.

Wie würden Sie den Impresario der Ballets Russes, Sergej Djagilew, beschreiben?

Zuerst war er ein Mensch, der die Kunst Russlands liebte und der sie in den Westen exportierte. Aber er war auch sozusagen ein Mensch mit großen Augen und großen Ohren für das Neue. Ohne selber ein ausübender Künstler zu sein, hatte er große Zukunftsvisionen. Er interessierte sich für neue Formen der Musik und hatte Gespür für neue Malerei und tänzerische Ausdrucksformen. Das Ballett brauchte damals diese Erneuerung und einen Erneuerer, der aus dieser Schule kam, die Instrumente beherrschte und sie in neue Formen bringen konnte - das war meiner Ansicht nach Waslaw Nijinsky.

Nijinsky wurde geradezu vergöttert, erlangte mit seinen Auftritten Kultstatus - wie kann man sich so einem Mythos nähern?

Wenn man so will, kann man Nijinsky als einen der ersten Superstars bezeichnen. Das liegt an seiner ungeheuren Ausstrahlung, seiner verblüffenden Technik, der Verwandlungsfähigkeit und an seiner Gabe, Sinnlichkeit zu transponieren.

Es ist Ihnen gelungen, allein aus dem Nachlass der Familie Nijinsky, ein Konvolut von 72 Bildern für Ihre Stiftung zu erwerben. Sie besitzen jetzt weltweit die größte Sammlung zu Nijinsky. Was hat Sie dazu getrieben, diese Ausstellung zu initiieren?

Bislang hat man Bilder von Nijinsky nur in kleinen Mengen gesehen und sie auch eher als Kuriosität betrachtet. Häufig wurden sie als Bilder eines Wahnsinnigen abgetan, da sie alle zwischen 1917 und 1919 entstanden, bevor Nijinskys Wahn völlig ausbrach. Sinn dieser Ausstellung "Tanz der Farben. Nijinskys Auge und die Abstraktion" ist es daher, Nijinsky einmal nicht als Tänzer, nicht als Choreografen und nicht als Kranken zu präsentieren, sondern als bildenden Künstler.

Hat sich Ihr Bild von Nijinsky durch diese Werke gewandelt? Wie werden sie in der Ausstellung präsentiert?

Mein Blick auf Nijinsky ändert sich stündlich, würde ich sagen. Aber ich muss zugeben, dass ich seine Bilder früher auch als Kuriositäten betrachtete. Mehr als sein Blick auf die Welt interessierte mich der Blick anderer Künstler auf ihn. In einer Abteilung der Ausstellung werden diese Werke gezeigt. Durch die eigenen Bilder Nijinskys können wir dann quasi mit seinen Augen sehen.

Was kennzeichnet die Bilder Nijinskys?

Er hat sich wiederholt mit bestimmten Themen ausein andergesetzt. Alles sind raffinierte Bildwerke. Auch lassen sich Parallelen zu seinen Choreografien erkennen: In Richtung Reduktion und einer Konzentration auf das Wesentliche. Ganz bestimmt bieten diese Blicke aus seinen Augen sehr viel Neues über ihn. Zugleich vergrößern sie das Rätsel Nijinsky. Ich verstehe zum Beispiel nicht, wie er ohne Kunststudium einen so feinen Strich und zugleich so viel Kraft haben konnte. So arbeite ich persönlich weiter an meinem Puzzle Nijinsky.

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