Friedrichstadt : Mario Levis Plädoyer für die Literatur

Die Unterschiede gehen verloren. Für Mario Levi bedeutet dies den Verlust des Besonderen. Dagegen will der Schriftsteller ankämpfen. Seine Waffe: Die Literatur.

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22. Juli 2011, 08:10 Uhr

Rendsburg | Eine Kostprobe seiner Werke stellt er zum Auftakt des Literatursommers vor, der passend zum Schleswig-Holstein Musik Festival im Zeichen der Türkei steht.
Mario Levi, Jahrgang 1957, ist ein eher unscheinbarer Mann. Mit "Merhaba" begrüßt er am Mittwochabend das Publikum im Jüdischen Museum in Rendsburg. Es ist nach dem Literaturhaus in Kiel die zweite Station. Und wäre da nicht der Nachhall in dem hohen Raum - der die Konzentration erschwert - wäre es ein bestens geeigneter Ort: Denn Mario Levi ist ein Nachkomme sephardischer Juden, einer Minderheit innerhalb der Minderheit. Allerdings gesteht er: "In den Augen vieler Juden bin ich kein guter Jude." Für das Beten könne er nicht mehr die nötige Naivität aufbringen, den Sabbat würde er nicht einhalten, sondern lediglich das Pessach-Fest mit Freunden feiern.
Sechs ehemalige Istanbuler einer Theatergruppe im Mittelpunkt
Dennoch: Eine Fremdheit bleibt für den gebürtigen Türken. Und dieses Gefühl thematisiert er in seinem neuen Roman "Wo wart ihr, als die Finsternis hereinbrach?" (Suhrkamp). Ich-Erzähler Izak musste "schmerzlich erleben, dass ich nicht wirklich akzeptiert wurde, weil ich Jude bin" - obwohl er in Istanbul geboren wurde. Oliver Kontny übersetzt die leise gesprochenen türkischen Worte von Mario Levi, liest die Passage aus dem neuen Roman auf Deutsch und vermittelt, wie Levis Idee zum Buch (seinem dritten) entstand. Inspiriert durch Erinnerungen eines Bekannten wollte er die Geschichte eines Mannes erzählen, der auf seine Kindheit zurückblickt und die ehemaligen Gefährten wieder einladen möchte.
"Wäre dies eine Fußballmannschaft gewesen, hätte es keine Liebesgeschichte und keine Erotik gegeben", verrät Levi augenzwinkernd. So stehen im Mittelpunkt sechs ehemalige Istanbuler einer Theatergruppe, die in der Zeit der Militärdiktatur getrennt wurden. "Ich habe die gesellschaftliche und geschichtliche Entwicklung der Türkei geschildert - und das, was ich selbst erlebt habe", erklärt der Schriftsteller.
20.000 Juden leben laut Levi in der Türkei, die meisten von ihnen in Istanbul. Eine Stadt, von der Levi sagt: "Es ist ein Unterschied, ob man in Istanbul lebt oder ob man Istanbul lebt." Eine Ahnung davon vermitteln seine Geschichten, die ein Plädoyer für die Vielfalt sein sollen. Frei nach Proust postuliert Levi: "Das wahre Leben, das ist die Literatur". Informationen zum Literatursommer unter
www.literaturhaus-sh.de.
Levi-Lesung heute (Freitag, 22. Juli) um 20 Uhr in Friedrichstadt in der ehemaligen Synagoge.
(sab, shz)

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