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Interview : Lübecker Künstler zu Parteienlogos: „Die Farbgebung ist eine Katastrophe“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Absolutheitsanspruch, Stillstand: Designer Gerhard Backschat erklärt, was wirklich hinter den Farben der Parteien steckt.

von
erstellt am 06.Mai.2017 | 12:11 Uhr

Er gilt in Schleswig-Holstein als Experte für Farben: Gerhard Backschat (77). Der Lübecker Künstler und Designer hat das Thema nicht nur während seiner Lehrtätigkeit an der Muthesius-Kunsthochschule Kiel intensiv bearbeitet, sondern ist auch heute noch als Farbberater für Schulen, Krankenhäuser aber auch Verwaltungsbauten tätig.

Herr Backschat, kann eine Farbe politisch sein?
Jede Farbe hat eine Wirkung und kann damit das Streben einer Partei nach außen darstellen.

Und wie machen sich die Parteien als Gestalter?
Zu großen Teilen ist die Farbgebung eine schlichte Katastrophe. In der Wirkung erzielen die Parteien oftmals das Gegenteil von dem, was sie wollen.

Warum?
Schauen Sie sich das Rot an. Da stecken harte Brocken drin, die wir in der Psychologie und der Philosophie finden. Das Rot symbolisiert Eroberungswillen, wir erkennen den Drang nach Wirkung, Erfolge und Vitalität. Es entspricht dem Archetypus der Aggression, der Gewalt und der Zerstörung. Es geht also darum, den Status Quo um jeden Preis verändern zu wollen – notfalls mit Gewalt.

<p>Der Lübecker Künstler und Designer Gerhard Backstadt.</p>

Der Lübecker Künstler und Designer Gerhard Backstadt.

Foto: sh:z
 

Und doch ist es die Hauptfarbe der SPD, steckt in den Logos von CDU und Linken. Wie äußert sich so ein Farbeffekt?
Das zeigen Versuche, die ich auch an der Muthesius-Kunsthochschule durchgeführt habe. Wir haben einen Raum vom Boden bis zur Decke in einem reinen Rot gestrichen. In nur kurzer Zeit stellt sich eine körperliche Veränderung ein, die sich messen lässt. Der Blutdruck steigt und in vielen Fällen mussten wir die Versuche abbrechen, weil die Probanden aggressiv wurden.

Also doch lieber Schwarz?
Das Schwarz steht für die Ablehnung des Vitalen. Alles, was nicht schwarz ist, muss ausgerottet werden. Darin verbirgt sich ein starker Absolutheitsanspruch. Entweder Schwarz oder gar nicht.

Woran machen Sie das fest?
Das beschreiben Autoren und Studien. Es lässt sich auch in der Geschichte beobachten. Anfang des 20. Jahrhunderts war das Schwarz sehr dominant. Hintergrund ist die zeitgleiche Dominanz des Existenzialismus’ in Literatur und Kunst. Alles was mit einer vordergründigen, heiteren Lebensweise zu tun hat, muss bekämpft werden. Dafür steht diese Strömung. Man kann es auch an der Kleidung junger Menschen erkennen, die die Gesellschaft ablehnen.

Die CDU wird oft Schwarz dargestellt. Das Logo ist mittlerweile rot. Ein krasser Widerspruch – Absicht?
Nein, das ist meine Kritik an den Parteien, die sich oft nicht im Klaren über die Wirkung ihrer Farben sind. Und auch wenn sich diese Erkenntnis durchgesetzt hat, halten sie dennoch an den Farben fest.

... die Farbe hat sich etabliert.
Genau. Bei der CDU gab es bereits einen Prozess weg vom Schwarz hin zum Rot. Änderungen werden nur schleichend vorgenommen, ähnlich wie bei Firmenlogos in der Wirtschaft.

Die Grünen stehen für Natur. Da passt die Farbe doch.
Vordergründig mag das stimmen. Psychologisch betrachtet steht das Grün für Stillstand, Sicherung und Bewahrung.

Ich denke bei Grün an das Leben.
Sie gehen von der Natur aus. Im psychologischen Tiefgang wirkt die Farbe in ihrer Zusammensetzung. Das Grün ist keine Primärfarbe. Es besteht aus Gelb und Blau – beides Farben der Bewegung. Gelb ist expandierend. Es drängt nach außen. Blau hingegen wirkt nach innen. Beides zusammen endet im Stillstand.

Das Gelb steht für die FDP. Expansion passt ja zu einer wirtschaftsnahen Partei.
In Psychologie und Philosophie ist das Gelb die Farbe des Geistes, aber im Sinne der Intuition. Das Gelb ist schnell zu begeistern. Es hat schnell Ideen. Diese Ideen aber umzusetzen ist nicht Sache des Gelbes. Dafür braucht es Rot und Blau.

Der SSW kombiniert Gelb mit einem kräftigen Blau.
Ein knackiges Blau ist die Farbe des Verstandes und der Logik. Wo das Gelb flüchtig ist, kommt das Blau mit Beweisen. In Kombination funktioniert es allerdings nicht. Kräftige Farben grenzen das Gelb ein. Es wird hysterisch und man kann förmlich sehen, wie es versucht, auszubrechen.

Hilft es, wenn man eine Farbe aufhellt – wie beim Blau der AfD?
Nein, eine helle Farbe spiegelt nur den Wunsch wider, so zu sein wie die Wirkung der reinen Farbe.

... eine Möchtegern-Farbe. Dafür hat die Afd einen kräftigen roten Pfeil im Logo.
Auch hier haben wir wieder mit dem Rot einen unbedingten Machtanspruch – notfalls mit Gewalt.

Bleibt noch das Orange bei den Piraten – eigentlich sympathisch.
Das Orange ist die Farbe der Verbindung, der geselligen Gemeinsamkeit. Der Satz „Wir schaffen das“ ist wie gemacht für das Orange. Die Piraten kombinieren es mit dem Schwarz. Das funktioniert inhaltlich gar nicht.

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