Lesen nach Noten

Nikola Anne Mehlhorn sieht der Lesung gelassen entgegen.  Foto: Baasch-Teichmann
Nikola Anne Mehlhorn sieht der Lesung gelassen entgegen. Foto: Baasch-Teichmann

Für die Autorin Nikola Anne Mehlhorn geht ein Traum in Erfüllung - die Schleswig-Holsteinerin ist für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert

shz.de von
03. Juli 2013, 03:59 Uhr

Heidgraben | Bereits die Nominierung für den Ingeborg-Bachmann-Preis ist eine Ehre. Von heute bis Sonntag tritt die schleswig-holsteinische Schriftstellerin und Musikerin Nikola Anne Mehlhorn (45) beim Klagenfurter Lesewettbewerb gegen 13 andere Autoren an, um die renommierte Auszeichnung zu gewinnen.

Frau Mehlhorn, in Klagenfurt lesen Sie vor einem großen Publikum, außerdem überträgt das Fernsehen die Veranstaltung live. Wie groß ist Ihre Aufregung?

Relativ gering, weil ich als klassische Musikerin bereits durch die "Hölle" gegangen bin. Jedes Konzert bedeutet Arbeit auf dem Präsentierteller, Fehler sind irreparabel. Es gibt Statistiken darüber, dass der Adrenalinspiegel eines Musikers beim Konzert so hoch ist, wie der eines Piloten bei Start oder Landung. Mir ist es vertraut, punktgenau Leistung bringen zu müssen. Das heißt, die Lesung schreckt mich nicht.

...sondern etwas anderes?

Was mir erhebliche Panik bereitet sind die unkalkulierbaren Risiken. Zum Beispiel, dass eines meiner Kinder krank wird. Das wäre katastrophal.

Ihre Kinder begleiten Sie?

Nein. Die sind ganz lütt. Der Kleine ist jetzt zwei. Das wäre stressig. Ich brauche vor Ort ein Minimum an Ruhe.

Wie haben Sie sich auf die Lesung für den Bachmann-Preis vorbereitet?

Tja, ich habe meine Umwelt genervt: Ich las meinem Mann, den Kindern, meinen Kollegen vor. Nein, nein, so weit kam es nicht. Aber im Familienkreis kennen alle den Text mittlerweile in- und auswendig.

Und können ihn bereits mitsprechen?

Fast. Und ich habe mir - ganz Musikerin - den Text wie eine Notenstimme eingerichtet - mit Atem- und Absatzzeichen. So kann ich mich in eventueller Aufregung an den Zeichen orientieren. Denn schlechtes Vorlesen ist die größte Gefahr. Die Qualität eines Textes kann sich dadurch enorm mindern.

Die Regeln des Bachmann-Preises sind streng. Wie kommen Sie damit klar?

Wirklich problematisch für mich war, dass wir Autoren unsere Texte Mitte Mai abgeben mussten und danach definitiv nichts mehr daran ändern durften. Ein totaler Stressfaktor, denn ich bin Perfektionistin und feile gewöhnlich bis zum Schluss. Nachts fällt mir plötzlich ein, dass ein Absatz falsch gesetzt, ein Wort peinlich schlecht ist. Jetzt muss ich zwangsläufig diese abrupt-finale Version des Textes akzeptieren. Eine Qual!

Außerdem müssen aus einem unver öffentlichten Text vorlesen. Welchen haben Sie ausgewählt?

Das ist der Romananfang meines fünften Buches "Requiem der Vierzigjährigen", das im nächsten Jahr erscheinen soll. Und davon die ersten 15 Seiten.

Wovon handelt der Roman?

Der Titel ist durchaus programmatisch. Es geht um Midlife-Crisis, ein Kind wird entführt, eine Ehe seziert. Wenn man Ehe als Kernzelle unserer Gesellschaft definiert, wird folglich auch ein Stück unserer Gesellschaft unter die Lupe genommen. Der Text besitzt Thriller-Elemente - und ein Happyend. Das Verschwinden des Kindes löst eine elementare Krise bei den Eltern aus, danach eine positive Wende. Denn wie meistens im Leben, reifen die Menschen - meine Protagonisten - durch Krisen.

Die Autoren müssen bei den Lesungen in Klagenfurt oft heftige Kritik durch die Jury ertragen. Können Sie gut damit umgehen?

Eigentlich ja. Ich bin jetzt zweckpessimistisch und stelle mich auf einen Jahrhundertverriss ein. Mein Ziel ist es, perfekt zu lesen. Der Rest liegt bei der Jury, deren Reaktionen sicherlich auch durch einen gewissen Profilierungswillen bestimmt sind. Ich sehe das Ganze mit einer Portion Distanz.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie erfahren haben, dass Sie für den Bachmann-Preis nominiert sind?

Das ist ein Traum, der in Erfüllung geht. Dieses Jahr sind gleich zwei große Träume von mir Realität geworden. 2013 ist wirklich ein gutes Jahr bisher. Der erste Traum: Meine Trilogie "Windschrift Nord" erscheint in diesen Tagen. Und der zweite Lebenstraum ist die Nominierung. Ich habe immer davon geträumt, eingeladen zu werden, weil es so eine Art Legitimation für das Weiterschreiben ist. Sagen wir mal so: Schreiben bedeutet eine erhebliche Investition an Lebenszeit und, in meinem Falle, Familienzeit. Meine Umwelt muss auf mich verzichten, wenn ich in meinem Arbeitszimmer verschwinde, auch wenn ich meistens nachts arbeite, um tagsüber viel Zeit mit den Kindern verbringen zu können. Zwar ist auf der literarischen Habenseite viel Ehre durch Preise zu verbuchen, aber relativ wenig Geld. Die materielle Seite des Schriftstellerlebens ist oftmals ernüchternd - der "Arme Poet" ist auch heutzutage Realität. Lediglich ein Prozent aller Autoren kann von seinen Tantiemen leben. Insofern bedeuten Auszeichnungen eine wichtige materielle und auch mentale Unterstützung für Schriftsteller.

Sie sagen, zwei Träume hätten sich erfüllt. Haben sie nun noch offene Träume?

Ja, ein dritter Traum bezieht sich nicht explizit auf das Literarische: Ich träume von einer Reetdach-Kate an der Nordseeküste. Das soll dann meine Schreib-Klause sein - insofern hat es dann indirekt doch wieder mit dem Schreiben zu tun. Bevorzugt Eiderstedt. Das ist der dritte Traum. Dann ist aber auch gut.

Demnach wissen Sie jetzt schon, was sie im Falle eines Sieges mit dem Preisgeld (25 000 Euro) machen würden…

Ja, ich würde das wahrscheinlich als Grundstock nehmen für diese Schreib-Oase. Die norddeutsche Landschaft inspiriert mich extrem. Meine ersten drei Bücher sind in Dithmarschen am Deich entstanden. Sobald ich dort bin, fängt die kreative Quelle an zu arbeiten.

Ihre Geschichten spielen in Norddeutschland und handeln von menschlichen Schicksalen. Das ist ihre literarische Welt?

Vorerst ja, aber ich habe noch etliche andere literarische Projekte, die in der Warteschleife kreisen. Für meine Erzählungen wähle ich das norddeutsche Setting, weil ich diese Landschaft liebe. Als Kind war ich in der ganzen Welt unterwegs, bin teilweise in Argentinien und Südfrankreich aufgewachsen. Aber nur in Schleswig-Holstein fühle ich mich zu Hause. Es schmerzt richtig, wenn ich woanders bin. Ich vermisse dann die Klarheit der Landschaft, die Weite; mich stört schon ein Baum am Horizont.

Stört es sie auch, dass der Bachmann-Preis wegen Sparmaßnahmen vom Aus bedroht ist?

Ich sehe das nicht so dramatisch. Es wäre ja nicht nur eine heilige Kuh, die da geschlachtet werden würde, sondern ein Mammut. Ganz klar. Die Tradition, die großen Namen - es wäre blamabel für den ORF und ganz Österreich, diese Veranstaltung zu eliminieren, und möglicherweise durch eine weitere Sport- oder Heimatsendung zu ersetzen. Für uns Autoren bedeuten die "Tage der deutschsprachigen Literatur" eine extraordinäre Plattform, der Verlust wäre überaus schmerzhaft. Trotzdem sehe ich Umstrukturierungsbedarf. Die Veranstaltung könnte insgesamt reduziert, und mit Hilfe einiger großer Sponsoren sicherlich gut weiter geführt werden.

Bei einem Aus des Preises könnten viele Schriftsteller nicht mehr träumen.

Ja, genau. Es ist ein ganz besonderer Preis. Schließlich existieren etliche literarische Auszeichnungen, die schweigend aus heiterem Himmel kommen, ohne Bezug zur Jury, ohne Medienbeteiligung. Der Bachmann-Preis hingegen mit seinem medialen Großaufgebot, seiner hohen Dotierung und der Chance, vor Ort literarisches Networking zu betreiben - ist schon etwas ganz Besonderes. Die Einladung nach Klagenfurt kann als Höhepunkt eines Schriftstellerlebens bezeichnet werden.

Ingeborg-Bachmann-Preis: Die Lesungen, die vom 3. bis 7. Juli stattfinden, werden live im Fernsehen auf 3sat und im Internet unter www.bachmannpreis.eu übertragen.

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