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Unbekannte Gedichte : Lenz und die vergessene Lyrik

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Versteckt in einer vergilbten Mappe: Im Privatarchiv des Hamburger Schriftstellers Siegfried Lenz sind 80 bislang unbekannte Gedichte gefunden worden.

Hamburg | Die Überraschung war groß. Günter Berg durchsuchte die persönlichen Dinge von Siegfried Lenz, wie so oft in den vergangenen Wochen und Monaten, hatte in Ordner geschaut, Kisten geöffnet, Briefe gesichtet. Er durfte das, schließlich musste das private Archiv des Schriftstellers für die Übergabe an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach vorbereitet werden. „Jeder Zettel, jede Notiz, die das Werk betrifft, hat dabei Bedeutung“, sagt Berg.

Und dann fand er diese unscheinbare, vergilbte Mappe, mit dem Namen des Autors darauf. Als Berg hineinschaute, war ihm schnell klar, dass er einen unbekannten Teil des Werkes von Siegfried Lenz geöffnet hatte – in der Mappe lagen 80 Gedichte. Bis dahin war nicht bekannt, dass Lenz überhaupt lyrisch gearbeitet hatte. „Ich jedenfalls wusste nichts davon“, sagt Berg, Vorstand der Siegfried-Lenz-Stiftung und ehemaliger Geschäftsführer des Hoffmann und Campe-Verlages, der Lenz seit vielen Jahren verlegerisch betreut. Lenz selbst habe sich kaum daran erinnert, sagt Berg.

Die Gedichte sind direkt nach dem 2. Weltkrieg entstanden, von 1947 bis 1949, Lenz setzt sich in diesen mit dem Erlebten, aber auch mit dem schwierigen Übergang in ein normales, bürgerliches Leben im Nachkriegsdeutschland auseinander:

 

Wankelmütig,

wankelmütig –

wie die runde Blechlaterne

wankelmütig sich an diesem Abend tummelt;

wie ein wankelmüt’ger Jüngling,

der am Schilf vorübertaumelt:

so verwirrt und

wankelmütig

leben wir wohl unsre Tage.

 

Diese Zeilen sind von einem schwermütigen Ton getragen, der für Lenz eigentlich untypisch ist. Möglicherweise war er auf der Suche nach einem Ausdruck für seine schwierige emotionale Situation und hat die Gedichte nur für sich selbst geschrieben. Oder er war nicht sicher, ob ihre Qualität für eine Veröffentlichung reicht. Für die Literaturwissenschaft jedenfalls sind sie eine echte Entdeckung, wenn auch nicht die einzige im Archiv des Schrifstellers.

Günter Berg sitzt im Büro der Lenz-Stiftung im Hamburger Mittelweg, Umzugskisten verdecken die hohen Wände, davor stehen offene Kartons voller Bücher – und Fotos: Lenz mit Helmut Schmidt, Lenz bei der Gruppe 47, Lenz mit Schriftstellerkollegen. Alles kaum geordnet, darum werden sich bald die Wissenschaftler in Marbach kümmern. Es ist ein ganzes Autorenleben, das in diesen Ordnern und Kartons steckt.

Siegfried Lenz hat im vergangenen Jahr begonnnen, sein literarisches Werk zu sortieren. Spät, aber noch rechtzeitig genug. Er hat eine gemeinnützige Stiftung ins Leben gerufen, die junge Autoren unterstützen und dabei helfen soll, sein Werk wissenschaftlich zu erschließen. Und er hat in diesem Jahr einen Literaturpreis geschaffen, der mit 50 000 Euro zu den höchstdotierten in Deutschland gehört. Im November wird der Siegfried-Lenz-Preis erstmals verliehen, im Hamburger Rathaus, an den israelischen Autor Amos Oz.

Auch Oz, der jedes Jahr zu den Favoriten auf den Literaturnobelpreis gezählt wird, ist auf mehreren Fotos in den Kartons zu sehen. Einige davon sind noch schwarz-weiß. Was Lenz und den ersten Träger seines Literaturpreises miteinander verbindet, könnte man wohl in den Briefen nachlesen. Die füllen mehrere Aktenordner, ein roter Ordner trägt die Aufschrift SPD. Innen im Deckel klebt eine Autogrammkarte von Willy Brandt. Natürlich hat sich Lenz wie viele andere Autoren aktiv in die Politik eingemischt, er hat sich für die SPD starkgemacht, nicht so laut und donnernd wie Günter Grass, sondern zurückhaltend, mit dem ihm eigenen Witz, der gerade in seinen Kurzgeschichten häufig durchscheint.

Da ging es dann auch mal um naheliegende Themen, wie etwa im März 1979 im Vorfeld der schleswig-holsteinischen Landtagswahl: „Man könnte zum Beispiel über die ‚Kurtaxe‘ reden, d.h. über die Erfindung, dem Mitmenschen den Strand, das Meer und vielleicht sogar den Sonnenuntergang zu verkaufen.“ Solche hintersinnigen politischen Aussagen sind heute ähnlich selten wie frei zugängliche Strandabschnitte.

Aus der Fülle des Materials ragen die Originalmanuskripte der Romane „Heimatmuseum“ und „Deutschstunde“ heraus, die beide in Schleswig-Holstein spielen. Sie sind in schlichten Ringheftern abgelegt, handschriftliche Seiten, jede einzelne von Lenz nummeriert, eindrucksvolle Exponate der deutschen Literaturgeschichte.

Da stellt sich ganz unweigerlich die Frage, warum der Vorlass eines Autors, der so eng mit der Region verbunden war, nicht in Norddeutschland bleibt – so wie der von Günter Grass in Lübeck. „Im Norden freut man sich, dass man Siegfried Lenz hat. Was sein persönliches Archiv wert ist, hat man hier oben aber nicht erkannt“, sagt Berg. Über ein paar unverbindliche Gespräche hinaus sei nie Interesse signalisiert worden.

Immerhin, die Stiftung sitzt in Hamburg. Deren Gründung hat dem Hamburger Schriftsteller, der zu den großen deutschen Nachkriegsautoren zählt, viel öffentliche Aufmerksamkeit beschert – und auch das ist ihr Zweck. „Herr Lenz sieht natürlich auch, dass Werke, deren Autoren nicht mehr leben, an Bedeutung verlieren“, sagt Berg. Beispiele könnte man viele nennen, den Nobelpreisträger Heinrich Böll etwa.

„Ein Autor muss immer in der Öffentlichkeit bleiben“, sagt Berg, „durch neue Ausgaben, durch Preisverleihungen, durch Verfilmungen“. Diesbezüglich scheint Lenz einiges richtig gemacht zu haben in diesem Jahr. Dieser Herbst ist Lenz-Zeit, in den nächsten Tagen erscheint der Band „Schmidt – Lenz. Geschichte einer Freundschaft“, dann folgt ein Band mit Lenz-Essays und eine Neuauflage der Erzählung „Leute von Hamburg“. Beim Filmfest Hamburg feiert Ende des Monats die ZDF-Produktion „Der Verlust“ Premiere, der Mainzer Sender plant zudem eine mehrteilige Verfilmung der „Deutschstunde“.

Überhaupt, die Deutschstunde. Auch sie hat dem Autor in den vergangenen Monaten Öffentlichkeit beschert, wenn auch nicht so, wie es sich Lenz und die Stiftung gewünscht hätten. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte eine Debatte darüber angestoßen, ob man dem Roman, eines der wichtigsten Werke der Nachkriegsliteratur, nicht die Bedeutung absprechen müsste, weil Lenz in seiner dem Expressionisten Emil Nolde nachempfundenen Romanfigur Max Ludwig Nansen die Biografie Noldes „schöngeschrieben“ habe. Eine Argumentation, die relativ schnell widerlegt wurde, aber für unschöne Schlagzeilen sorgte. In der Stiftung hatten sie entschieden, auf diese Behauptungen mit der größtmöglichen Strafe, die im Literaturbetrieb verhängt werden kann, zu reagieren – der Nichtbeachtung.

Denn was nicht beachtet wird, hat auch wenig öffentlichen Rückhall. Es ist, wenn man so will, die andere Seite der Strategie, die die Lenz-Stiftung verfolgt; sie will, soweit möglich, das öffentliche Bild des Autors positiv beeinflussen. Und das ist am Ende dann keine große Überraschung.

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erstellt am 06.Sep.2014 | 14:10 Uhr

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