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Unternehmensberatung Actori : Landestheater Schleswig-Holstein auf dem Prüfstand

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Erhöhte Warnstufe für das Theater. Heute präsentiert die Unternehmensberatung Actori den Gesellschaftern erste Ergebnisse.

shz.de von
erstellt am 06.Feb.2015 | 08:27 Uhr

Seit dem Sommer 2012 wird in Berlin eine Rote Liste geführt. Nicht für bedrohte Tierarten, sondern für bedrohte Kulturinstitutionen. Der Deutsche Kulturrat, Spitzenverband aller nationalen Kulturverbände, will damit möglichst plakativ auf Einrichtungen hinweisen, deren Existenz – meist aufgrund finanzieller Probleme – bedroht ist. Auf dieser Liste stehen Büchereien, Archive, Museen, Festivals und Bühnen aus ganz Deutschland – und seit April 2014 auch das Landestheater Schleswig-Holstein.

Eine rote Zwei prangt dabei neben dem Bild des Schleswiger Stadttheaters, die Zwei steht für den Status „gefährdet“. Mittlerweile ist diese Darstellung von der Aktualität überholt worden; das baufällige Theater in Schleswig ist längst nicht mehr gefährdet, es wird gerade abgerissen. Damit droht bekanntlich auch einer der Hauptgesellschafter der Landestheater GmbH wegzubrechen, weil Schleswig in absehbarer Zeit keine geeignete Spielstätte vorweisen kann.

Für das Landestheater gilt also nach wie vor die erhöhte Warnstufe, auch weil der individuellen Krise des Gesellschafters Schleswig ein paar grundsätzliche Fragen an das Gesamtkonstrukt folgten: Dabei geht es um die Kosten und die Qualität, um die Standorte und die Zukunftsperspektiven, und die erste Antwort auf all diese Fragen war, dass sich die 17 Gesellschafter untereinander nicht einig sind. Zu viele unterschiedliche Interessen, zu viele unterschiedliche Meinungen – externe Hilfe musste her. „Die Situation war schon sehr zerfahren“, sagt Pierre Gilgenast, an dessen Person man das ganze Dilemma der GmbH eindrucksvoll nachzeichnen kann: Gilgenast möchte als Bürgermeister von Rendsburg den Theaterstandort in der eigenen Stadt stärken, auch gegen Mitbewerber aus der Gesellschaft. Gleichzeitig muss er als Aufsichtsratsvorsitzender das ganze Unternehmen Landestheater im Blick haben. Dass sich dabei subjektive Interessen mit objektiven Kriterien vermischen, bestreitet Gilgenast nicht. „Auch deshalb ist der Blick von außen wichtig.“

Also holte man sich einen Gast aus München ins Haus: Die Actori GmbH ist nach eigener Aussage die größte Beratungsagentur für Kulturbetriebe in Deutschland, seit rund zehn Jahren ist das Unternehmen am Markt aktiv. Seit die Bayern im Herbst mit ihrer Arbeit beim Landestheater begonnen haben, ist es still geworden innerhalb des Hauses. Und auch außerhalb. Keine öffentlichen Kommentare vom Intendanten, keine von den Gesellschaftern, derzeit wird fast nur über die Inszenierungen am Landestheater gesprochen; die Bühnenkunst im Mittelpunkt – das hat es schon lange nicht mehr gegeben.

Heute kommen Gesellschafter und Intendanz zusammen, dann wird Actori das erste Mal Ergebnisse der Gesellschafter-Befragung und mögliche Szenarien präsentieren, wie das Landestheater der Zukunft aussehen könnte. Eine GmbH mit Schleswig als Hauptgesellschafter oder als kleinem Gesellschafter und ganz ohne Schleswig sind naheliegende Modelle. Zusätzlich wird es sicherlich noch einige Varianten mehr geben, auch weil der Hauptgesellschafter Flensburg nichts gegen die Reduzierung des eigenen Beitrags von rund zwei Millionen Euro hätte. Ganz im Gegenteil – auch wenn dieser Wunsch bislang nur hinter verschlossenen Türen geäußert wurde. Im April werden die Münchner ihr endgültiges Gutachten vorlegen. Was drinstehen könnte in dem Papier, darüber will sich derzeit niemand konkret äußern.

„Was immer dabei rauskommt, wir müssen die richtigen Schlüsse aus dem Gutachten ziehen“, meint der Aufsichtsratsvorsitzende Gilgenast. Die Münchner können lediglich analysieren und Handlungsempfehlungen geben, handeln müssen die Verantwortlichen des Landestheaters. Genau an diesem Punkt, zwischen Gutachtern und Gesellschaftern, liegt in der Tat die Schnittstelle, an der sich der Sinn der rund 80  000 Euro teuren Zusammenarbeit mit Actori entscheiden wird.

Im Jahr 2011 etwa wurde Actori von der Stadt Leipzig beauftragt, eine mögliche Zusammenlegung von Musikalischer Komödie und einem Jugend-Theater mit der Oper Leipzig zu prüfen. Das Gutachten war sogar noch teurer als das des Landestheaters, es soll rund 130  000 Euro gekostet haben. „Passiert ist da bis jetzt allerdings nichts“, sagt Peter Korfmacher von der Leipziger Volkszeitung. „Das Gutachten hat viel Geld gekostet, aber außer ein paar Binsenweisheiten ist nicht viel dabei rausgekommen“, sagt Korfmacher, der das Thema als Leiter des Kulturressorts seit Jahren begleitet. Bis heute habe es keine nennenswerten Konsequenzen gegeben. Die Empfehlungen aus dem Gutachten wurden nicht umgesetzt.

Spricht man direkt mit deutschen Theatern und Opernhäusern, dann scheitern die Actori-Konzepte nicht selten an dem gleichen Problem. „Je mehr Personen am Ende über das Gutachten entscheiden müssen, desto unwahrscheinlicher ist die Umsetzung“, sagt ein führender Mitarbeiter einer renommierten deutschen Bühne, der anonym bleiben will. Bei Actori bestreitet man dieses Problem nicht. „Leider haben wir keinen Einfluss darauf, ob unsere Konzepte umgesetzt werden. Manchmal scheitert es am politischen Willen, tiefgreifende strukturelle Veränderungen anzugehen“, sagt Actori-Geschäftsführer Maurice Lausberg.

Actori hat einen guten Ruf an deutschen Bühnen: Von allen Anbietern in diesem Bereich hätten die Münchner die meiste Kenntnis vom mitunter komplizierten Innenleben eines Kulturbetriebes, zudem sei die Dialogbereitschaft groß. Diese Stärke ist aber auch gleichzeitig Schwäche: Je mehr Intendanz und Management mit den Unternehmensberatern sprächen, je enger die Zusammenarbeit ist, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit eines Gutachtens im Sinne des Hauses. Lausberg verteidigt diese Arbeitsweise: „Es ist unerlässlich, das wir uns intensiv mit den beteiligten Institutionen auseinandersetzen. Nur so kommen wir zu fundierten Ergebnissen“.

Diese Ergebnisse werden heute erstmals präsentiert. Im Rendsburger Rathaus sind ab 10 Uhr die Bürgermeister der GmbH-Städte und die Theater-Intendanz zu Gast. Dann werden sie hören, welche Ideen Actori hat und eigene Spezifizierungen des Arbeitsauftrages formulieren können. Zwei Monate später soll dann das endgültige Gutachten folgen.

Nicht nur zu diesem Zeitpunkt, sondern auch in den folgenden Wochen und Monaten wird sich zeigen, was die Arbeit der Unternehmensberatung wert war. „Ich hoffe, dass Actori nicht nur berät, sondern auch ein paar Forderungen formuliert“, sagt Gilgenast. Das klingt schon beinahe wie ein Hilferuf nach Moderation. Interessant wird auch sein, welche Rolle die Landesmittel in dem Konzept spielen. Egal wie sehr sich die Gesellschafter am Ende zusammenraufen, um das komplizierte Gebilde Landestheater vor dem Einsturz zu retten, wenn das Land nicht mitspielt und ab 2018 die dynamische Erhöhung der 13,5 Millionen Euro an Landeszuschüssen beendet wird, droht die nächste existenzielle Krise. Dann könnte in nicht allzu ferner Zukunft auf der Liste der bedrohten Kultureinrichtungen hinter dem Landestheater die rote Null leuchten – die Null steht für: Geschlossen.

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