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Oster-Interview : Landesbischof Ulrich: „Die Germanwings-Tragödie verleiht Ostern besonderes Gewicht“

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Landesbischof Gerhard Ulrich über eine moderne Kirche, laute und leise Positionen sowie die Frage: Wofür steht Kirche?

shz.de von
erstellt am 06.Apr.2015 | 12:06 Uhr

Ostern sind die Kirchen wieder voll. Reicht das der modernen Kirche?
Zunächst einmal freut es mich, wenn sich viele Menschen einladen lassen, die Osterbotschaft in den Kirchen zu hören: Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden! In dieser Botschaft bekommt all das, was uns das Jahr hindurch begleitet – auch die Geburt Jesu im Stall von Bethlehem, sein Weg zu den Menschen, der bis ans Kreuz führt – erst seinen Sinn. Deshalb ist Ostern das zentrale Fest der Christenheit.

In der Woche vor Ostern, der Karwoche, bedenken wir Christen das Leiden und Sterben Jesu. In diesen Tagen geschah das vor dem Hintergrund des Flugzeugabsturzes in Frankreich, der uns alle zutiefst erschüttert hat. Damit bekommt die Karwoche in diesem Jahr ein ganz besonderes Gewicht – und die Verheißung von Ostern will gerade die Trauernden erreichen. In Gedanken und Gebeten für die Opfer und Hinterbliebenen, für die Einsatzkräfte und Helfer wenden wir uns an Gott, der mit dem Gekreuzigten auch an der Seite aller Leidenden und Trauernden ist. Bei ihm suchen wir Halt. Schnellen Trost kann es nicht geben angesichts des entsetzlichen Leids. Doch wir haben die Möglichkeit, Leid und Trauer miteinander zu teilen, gemeinsam zu tragen.

Gott möchte nicht, dass wir gelähmt bleiben vor Entsetzen. In der Bibel wird von den beiden Frauen berichtet, die am Ostermorgen das Grab Jesu leer vorfinden. Sie werden die ersten Zeuginnen und Zeugen der Auferstehung. Sie erleben, dass sie nicht gefangen bleiben in Trauer und Angst, sondern erfahren die lebendig machende Kraft Gottes an sich selbst. Dass der Tod seine Macht verliert, nicht das letzte Wort hat, dass Leben aufsteht gegen den Tod – gerade diesen Impuls sind wir unserer modernen wie krisengeschüttelten Welt schuldig.

Und was wollen Sie machen, damit die Menschen kommende Woche wiederkommen?
Uns fragen lassen nach dem, was Menschen innerlich wirklich wichtig ist, was sie antreibt und umtreibt, ganz konkret in ihren eigenen Lebens- und auch Glaubensgeschichten, in Gottesbegegnungen aber auch in Zweifeln, in Klarheit und Verwirrung, in Gottvertrauen und Gottvergessenheit. Das geht nur, wenn wir selbst als Kirche in unseren Gemeinden und Einrichtungen energisch zu den Inhalten unseres Glaubens kommen.

Sind nicht aber genau diese großen Festtage ein Symbol dafür, dass die Kirche den Menschen nicht mehr zu sagen hat?
Es ist genau andersherum: die Tatsache, dass Menschen zu den großen Festtagen in unsere Gottesdienste kommen, sagt doch etwas darüber aus, dass sie etwas wissen von der Kraft ihrer Botschaft.

Viele Christenmenschen gestalten unsere Gesellschaft mit oder ermöglichen kirchliche Arbeit durch Spenden und Beiträge. Sie verkündigen auch auf diese Weise tatkräftig das Evangelium. Vieles würde fehlen ohne das, was Christen und Kirchen einbringen: Begleitung und Segen am Beginn des Lebens, beim Erwachsenwerden, bei der Trauung oder in Trauer. Seelsorgerinnen und Seelsorger in Krankenhäusern und Heimen; Notfallseelsorge bei Katastrophen und Unfällen; Klinken, Betreuungseinrichtungen, soziale Dienste in Trägerschaft der Kirche, evangelische Kindestagesstätten und Schulen. Unzählige Initiativen, die sich um Flüchtlinge kümmern. Christen engagieren sich für Schwache und Benachteiligte, setzen sich für Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfungsbewahrung ein. Nicht zu vergessen der reiche Schatz kirchlicher Kunst und Musik, die zahllosen Kirchen, Kapellen und kirchlichen Häuser, in denen bei uns im Norden Jahr für Jahr Einheimische und Urlauber Ruhe und Besinnung finden.

Viele gehen doch nur noch an Weihnachten und vielleicht auch Ostern in die Kirche, weil „man das so macht“. Was Pfingsten bedeutet oder Ostern tatsächlich ist, wissen aber nur noch die wenigsten. Was will beziehungsweise tut die Kirche dagegen?
Ihre Frage beinhaltet Unterstellungen, die ich nicht teile. Also, zunächst mal ist jeder Mensch, der in die Kirche kommt, herzlich willkommen. Außerdem sind die Zeiten vorbei, in denen es angeblich „zum guten Ton“ gehört haben soll, sonntags in die Kirche zu gehen.

Ein weiteres großes Thema, das Sie ansprechen, ist die Vermittlung von Kenntnissen über Glauben, Kirche und christliche Tradition. Selbstverständlich gehört das zu den Kernaufgaben evangelischer Kirche – besonders seit der Reformation. Die Demokratisierung von Bildung war neben der Mündigkeit in Glaubensfragen ein wichtiges Ziel der Reformatoren. Neben Konfirmanden- und Religionsunterricht gibt es inzwischen eine beeindruckende Vielfalt von Angeboten. Da absolvieren Schüler in Eutin und Greifswald die Ausbildung zu Kinderkirchenführern. Da vermitteln Religions- und Gemeindepädagogen Schülern Basiswissen über Religion. Evangelische Schulen in der Nordkirche, die meisten in Mecklenburg und Pommern, verzeichnen nach wie vor großen Zulauf.

In der DDR hatte die Kirche ein hohes Renommee, weil sie den Bürgerrechtlern Schutzräume bot – entsprechend nahm die Bürgerbewegung auch von dort ihren Ausgang. Doch nachdem die Mauer gefallen war, gingen die Bürgerrechtler in die Politik, für die Kirche hingegen blieb nichts von dem einstigen guten Ruf und Ansehen. Wie erklären Sie sich das?
Auch über diese Wahrnehmung kann ich mich nur wundern. Sie übersehen zum Beispiel völlig, dass die Bürgerinnen und Bürger der DDR viele engagierte Kirchenmenschen zu ihren Sprechern machten und in die Politik schickten. Und der gute Ruf und das hohe Ansehen der Kirchen sind nach wie vor zu spüren – vielleicht sollten Sie einmal nach Mecklenburg-Vorpommern fahren. Ich erlebe das, seit ich als Landesbischof meinen Sitz in Schwerin habe, sehr intensiv bei meinen Kontakten gerade in einem Umfeld, in dem die Kirchenmitglieder deutlich in der Minderheit sind. Ich erlebe Neugier und Provokation im besten Sinn.

Beim traditionellen Reformationsempfang in Mecklenburg-Vorpommern habe ich im vorigen Jahr in Schwerin an den hoffnungsvollen Aufbruch im Herbst 1989 erinnert. Viele Gemeinden in der damaligen DDR öffneten ihre Kirchen für Christen wie Nichtchristen, damit sie frei reden und diskutieren konnten. Das war der erste Schritt, gegen Angst, Ohnmacht und Sprachlosigkeit aufzustehen, mit der Botschaft Jesu Christi Hoffnung, Gewaltlosigkeit und Friedfertigkeit einzuüben.

Einer der Bürgerrechtler, die Sie ansprechen, der spätere Ministerpräsident Dr. Berndt Seite, sagte noch 1994: „Allein, dass in der Kirche ein Raum blieb, der dem totalitären Anspruch trotzte, dass wir in der Kirche eine Ordnung ohne Partei und Staat am Leben erhielten, allein das war letztlich Sprengstoff für die Mauern aus Beton und Ideologie, in denen uns das Regime gefangen halten wollte.“

Gott ist das eine, die Kirche als Vertreterin von Ethik und Moral das andere. Ist die Kirche da nicht einfach zu leise?
Ist Lautstärke wirklich entscheidend? Die Kirchen äußern sich immer wieder nicht nur öffentlichkeitswirksam zu ethischen Themen. Das geschieht in vielen Gremien, in denen wir gefragt sind und mitarbeiten, zum Beispiel im Deutschen Ethikrat. Auch den Ethikkommissionen in Kliniken und Krankenhäusern gehören vielfach Krankenhausseelsorgerinnen und -seelsorger an. In die Debatte um die sogenannte Sterbehilfe bringen wir uns profiliert ein. Erinnert sei auch an die Diskussion zur Flüchtlingspolitik und das breite Engagement von Christinnen und Christen für Flüchtlinge, das Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig gerade vor einigen Tagen ausdrücklich gewürdigt hat. Kirche und Diakonie nehmen zu sozialethischen Fragen regelmäßig Stellung. Kirchen und Christen beteiligen sich an friedensethischen Diskussionen.

Zum anderen ist Kirche nicht nur eine Ethik-Agentur. Den moralischen Zeigefinger zu heben, darin geht unsere Aufgabe nicht auf. Vielmehr müssen wir davon reden, was unser Glaube zu den Themen des Lebens sagt.

Mein Eindruck ist, dass die Kirche sich einfach nicht klar positioniert, sondern versucht so zu formulieren, dass sie niemanden vor den Kopf stößt. Selbst in der Frage des Gottesbezuges in der Verfassung Schleswig-Holsteins werden sie erst laut – jetzt – wo das Kind nach der Abstimmung doch eigentlich in den Brunnen gefallen ist.
Da haben Sie wohl einiges verpasst: Schon im Vorfeld der Landtagsabstimmung 2014 über einen Gottesbezug in der Präambel der Landesverfassung haben wir eine breite öffentliche Diskussion angestoßen. Die Nordkirche hat – auch im Blick auf die verheerenden Folgen menschlichen Überlegenheitswahns in der NS-Zeit – für den Hinweis auf die Grenzen und die Fehlbarkeit menschlichen Handelns plädiert, die Abgeordneten zur Diskussion eingeladen und hat im Landeshaus selbst eine Veranstaltung dazu organisiert. Wir haben immer gesagt: es gibt gute Gründe für einen Gottesbezug in der Verfassung, der sich übrigens auch im Grundgesetz findet.

Nun haben prominente evangelische und katholische, muslimische und jüdische Bürger Schleswig-Holsteins eine Volksinitiative für den Gottesbezug gestartet. Wir als Kirche unterstützen das. Es geht darum, was Gott in unserer Gesellschaft bedeutet. Glaube ist eben nicht nur Privatsache! Übrigens zeigen Reaktionen gerade zu dieser Debatte, dass wir einigen Menschen viel zu laut sind, uns zu sehr einmischen. Viele andere sagen: Gut, dass ihr den Mund auftut!

Also dann: Wofür steht die Kirche?
Die Kirche mischt sich ein, weil sie von Gott redet, weil sie Gott feiert. Sie steht für die gute Botschaft, dass diese Welt nicht aufgeht in dem, was wir sehen, erleben, errechnen können. Gott meint es gut mit seiner Welt, mit seinen Menschen. An Jesus Christus sehen und erfahren die Menschen, dass sie ihren unveräußerlichen Wert und ihre unantastbare Würde von Gott haben – ohne jeden Unterschied. Ihr Wert hängt nicht ab von dem, was sie leisten und können. Wir müssen uns nicht zufrieden geben mit Hass und Gewalt, Unfrieden und Verfolgung. Gott ist ein Gott des Lebens, nicht des Todes! Gott ist Lebenshilfe, den Menschen nah, auch im tiefsten Leid. Das ist die Botschaft von Tod und Auferweckung Jesu Christi.

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