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Plan für Schleswig-Holstein : Land will Schulnoten erst ab Klasse acht

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Die Bildungsministerin plant: Viele Grundschüler sollen ohne Noten lernen können. Erst in der achten Klasse sollen die Jugendlichen mit Notenzeugnissen konfrontiert werden. Stattdessen soll es Berichte und Tabellen geben.

shz.de von
erstellt am 14.Feb.2014 | 12:31 Uhr

Kiel | Ein Teil von Schleswig-Holsteins Schülern erhält künftig möglicherweise erst in Klasse acht erstmals Notenzeugnisse. Nach dem Willen von Bildungsministerin Waltraud Wende (parteilos) sollen Grundschulen stattdessen generell Berichts- und Tabellenzeugnisse erteilen, sagte eine Ministeriumssprecherin am Freitag und bestätigte damit einen Bericht der „Kieler Nachrichten“.

Gemeinschaftsschulen können bis Klasse sieben bereits jetzt auf Noten verzichten, es sei denn, die Schulkonferenz entscheidet anders. Schulkonferenzen können allerdings auch Notenzeugnisse für dritte und vierte Klassen beschließen.

Die Mehrheit der Gemeinschaftsschulen im Land verzichte auf Notenzeugnisse, sagte die Ministeriumssprecherin. Über ihre Pläne habe Wende bereits Einigkeit mit den Bildungspolitikern der drei Regierungsfraktionen erzielt. „Alle Bildungsexperten betonen, dass die Freude am Lernen und die unbeschwerte Neugier der Schüler durch Schulnoten gehemmt werden“, sagte Wende dem Blatt. Das sei auch Mehrheitsmeinung auf den Bildungskonferenzen gewesen.

Bislang durfte die Schulkonferenz über die Vergabe von Notenzeugnissen nur für dritte Klassen entscheiden. Für Grundschüler der vierten Klasse sind Notenzeugnisse bislang landesweit verbindlich. Das Ministerium überarbeitet derzeit die einzelnen Schulart-Verordnungen. Dazu zählt auch die Abschaffung der Schulübergangsempfehlungen nach der vierten Klasse. Ende März sollen die Verbände gehört werden. Zum neuen Schuljahr sollen die Änderungen dann in Kraft treten. Werden die Änderungen wie geplant umgesetzt, sind Zeugnisse mit Noten im Norden erst ab der achten Klasse verpflichtend. Ausnahmen sind die Gymnasien, die ab Klasse fünf Notenzeugnisse mit Ergänzungen austeilen.

Unterstützung erhält Wende von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. „Ziffernoten sind an Grundschulen völlig fehl am Platz“, sagte GEW-Landesgeschäftsführer Bernd Schauer. Sie seien pädagogisch nicht sinnvoll. Berichtszeugnisse wären wesentlich aussagekräftiger. Grundschulverbands-Landeschefin Beate Blaseio sagte, „wir finden die Änderungen ganz großartig“. Noten führten zu großen Ungerechtigkeiten. „Es geht uns um die individuelle Betreuung und nicht die Sortierung der Kinder.“ Die Vorsitzende des Kinderschutzbundes, Irene Johns, findet: „Angst blockiert nur das Leistungs- und Lernvermögen.“

Andere Verbände und die Opposition lehnen Wendes Vorhaben dagegen strikt ab. „Diese Regierung setzt darauf, dass verunsicherte Eltern ihre Kinder nicht auf das Gymnasium schicken werden“, sagte die CDU-Bildungspolitikerin Heike Franzen. Die Koalition senke das Leistungsniveau ab, wie die Senkung der verlangten Durchschnittsnote für die Oberstufe von 2,4 auf 3,0 zeige. „SPD, Grüne und SSW senken das Niveau, um möglichst viele Kinder in die Oberstufe zu bringen. Dabei sind ihnen die Gymnasien im Weg“, sagte Franzen.

Die FDP-Bildungspolitikerin Anita Klahn sieht in den Plänen einen weiteren Beweis, dass die Koalition jeglichen Leistungsgedanken aus den Schulen verbannen wolle. „In Schulen muss gefördert, zugleich aber auch gefordert werden - und Noten gehören in diesem Zusammenhang dazu“, sagte sie. „Große Teile der Lehrerschaft haben das Vertrauen in ernsthafte Bildungspolitik verloren bei dieser Ministerin“, sagte der Landesvorsitzende des Philologenverbandes, Helmut Siegmon. Der Wegfall von Noten schränke die Durchlässigkeit des Schulsystems weiter ein. „Ich halte die Pläne deshalb für absolut verrückt und kontraproduktiv.“ Schleswig-Holstein isoliere sich damit weiter. „Vermutlich werden die Lehrer künftig mehr Zeit mit solchem Papierkram verbringen als mit den Kindern direkt zu arbeiten.“ 

Widerstand kommt auch von der Interessenvertretung der Lehrkräfte (IVL). „Die Zeugnisse werden mehr Ähnlichkeit mit einem Lotto-Tippschein als mit einer beurkundeten Leistungsanalyse haben“, sagte die IVL-Landesvorsitzende Grete Rhenius. Die Koalition setze den „Trend der Entprofessionalisierung der Schule“ fort.

Die Grüne-Bildungspolitikerin Anke Erdmann wies die Vorwürfe zurück. „Warum ein sehr genaues und detailliertes Feedback zu weniger Leistung führen soll, warum eine Ziffernnote automatisch motivierender wirken soll: Das erschließt sich mir nicht“, sagte sie.

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