Kritischer Geist am Flügel: Fazil Say in Lübeck

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12. Juli 2013, 11:04 Uhr

Lübeck | Ist er eher Komponist oder eher Pianist? Ist er Pianist und Komponist? Fazil Say (Foto) bezeichnet sich als "komponierenden Pianisten". Superstar ist er so oder so. Heute ist der 43-Jährige in der Lübecker Musik- und Kongresshalle zu hören. Als Pianist. Auf dem Programm steht Mozarts Klavierkonzert C-Dur KV 467 und ihm zur Seite Dirigent Krysztof Urbanski sowie das Schleswig-Holstein Festival Orchester.

Am Klavier sitzt er, seit er vier Jahre alt ist. Fazil Say, in Ankara geboren, ist fleischgewordene Musik. "Den musst du dir anhören, der Junge spielt wie ein Teufel." Mit diesen Worten machte Aribert Reimann Mitte der 80er Jahre David Levine auf den Teenager Say aufmerksam und der holte das Wunderkind an die Musikhochschule "Robert Schumann" in Düsseldorf.

Da hatte Say sein erstes Werk, "Black Hymns" (1986) längst komponiert. Vom Rhein ging es 1992 (bis 1995) zum Studium nach Berlin - eine entscheidende Zeit, in die der Gewinn des ersten Preises bei den Young Concert Artists International Auditions in New York fiel. Seitdem gibt Fazil Say an die 100 Konzerte im Jahr, bildet mit der Geigerin Patricia Kopatchinskaja ein festes Duo, hat mit der Klarinettistin Sabine Meyer, der Cellistin Sol Gabetta und dem Borusan Quartet gespielt.

Dazu kommt eine bemerkenswerte Komposition nach der anderen; seine Liebe zu Jazz und zu Improvisation ist in ihnen gespiegelt, westliche Kultur mit der türkischen verbunden: In der Werkadaptionen für Klavier wie die Jazz-Fantasie nach Mozarts Alla Turca von 1993 ist das zu hören, in seinem Oratorium Nazim auf Verse des türkischen Dichters Nazim Hikmet (2001), in den 4 Pieces für DJ and Piano von 2003.

In der Türkei indessen polarisiert der komponierende Pianist seit Jahren. Denn ebenso wie der Musiker hat sich der Bürgerrechtler und scharfe Kulturanalytiker Say einen Namen gemacht - nicht erst, seit der bekennende Atheist nach religionskritischen Twitter-Mitteilungen wegen Blasphemie angeklagt und im April zu zehn Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt wurde. Schleswig-Holstein, das ist sicher, wird ihn begeistert empfangen.

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