Flensburg : Kriminalfall um Gerhart Bettermann

Selbstbildnis Bettermanns.  Foto: Museen Lübeck
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Selbstbildnis Bettermanns. Foto: Museen Lübeck

Der Künstler Gerhart Bettermann wurde 1935 verhaftet, da er in die Machenschaften eines Betrügers verwickelt war - und entging nur knapp einer Gefängnisstrafe.

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05. August 2011, 08:04 Uhr

Flensburg | Es ist der 8. April 1935 als der Maler Gerhart Bettermann in ernste Gesichter blickt. Beamte der Flensburger Gestapo bauen sich vor ihm auf. Der Künstler wird verhaftet und mit seinem Freund Walter Reichart abgeführt. Der Vorwurf: Betrug. Sie kommen ins Flensburger Polizeigefängnis. Vier Tage später wird auch Bettermanns damalige Freundin Glore Bauch inhaftiert.
Es geht um ein gestohlenes NSDAP-Parteiabzeichen, einen falschen Doktortitel und die Behauptung, im Auftrag von Propagandaminister Joseph Goebbels die Kulturlandschaft Schleswig-Holsteins neu ordnen zu sollen. Der Kriminalfall blieb lange verborgen. Nun hat ihn Matthias Schartl, Direktor der Kulturstiftung des Kreises Schleswig-Flensburg, ans Licht gebracht. Gerhart Bettermann (1910-1992), der bekannte Künstler und spätere Vorsitzende des Landesberufsverbandes bildender Künstler Schleswig-Holstein, war in die kuriose Geschichte verwickelt, die stark an Carl Zuckmayers "Hauptmann von Köpenick" erinnert. Der Maler hat nie davon erzählt - und andere beteiligte Personen hatten offenbar großes Interesse daran, den spektakulären Fall zu vertuschen.
Ihren Anfang nehmen die Ereignisse im Jahr 1930. Bettermann lernt Walter Reichart am Rande einer Ausstellung in Leipzig kennen. Sie verstehen sich auf Anhieb; vielleicht weil sie ein ähnliches Schicksal teilen, beide leben in ärmlichen Verhältnissen. Reichart verdient sein Geld mit Auftragsarbeiten für Zeitungen. Bei den Justizbehörden ist er schon damals als notorischer Betrüger bekannt - er ist 17 Mal vorbestraft, unter anderem wegen Urkundenfälschung und unberechtigter Führung eines akademischen Titels.
Bettermann und Reichart mieten sich eine Wohnung in Berlin. Der eine malt, der andere kümmert sich um den Verkauf der Bilder. "Bettermann ist eben Maler und kein Händler", sagte Reichart später.
Legende von der Flucht nach Schleswig-Holstein
Dann ändern sich die Zeiten. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten werden die Bilder Bettermanns zwar als entartet bezeichnet und aus Museen entfernt - beschlagnahmt werden sie aber nicht; Bettermann darf sie abholen. Der Künstler nutzt seine Kontakte in das von Goebbels geführte Propagandaministerium. Ein befreundeter Beamter hält ihn auf dem Laufenden und vermittelt Aufträge, so dass Bettermann ein Ölgemälde mit dem Titel "Sonnenblumen" für 2000 Reichsmark (etwa 6600 Euro) verkaufen kann.
Vielleicht hat sich Bettermann von diesem Geld das Auto gekauft, mit dem er und Reichart Ende 1934 nach Schleswig-Holstein kommen. Sicher ist, dass seine Schilderung, er sei mittellos vor den Nazis in den Norden geflüchtet, eine Legende ist.
In Schleswig-Holstein angekommen, produziert Bettermann einige Gemälde und Holzschnitte in Nordfriesland. Mit diesen fahren er, seine Freundin und Reichart nach Flensburg, wo Reicharts Schauspiel beginnt. Er sucht den Direktor des Flensburger Kunstgewerbemuseums, Fritz Fuglsang, auf. Dieser erzählt der Polizei später: "In den ersten Tagen des Novembers 1934 betrat ein jüngerer, an einem Bein lahmender Mann mit einem Arm voll Gemälden mein Büro, stellte sich als Dr. Reichart aus Berlin vor, sagte er sei mit Herrn Bettermann, dem Maler der Bilder, lange an der Westküste gewesen und fragte, ob er mir die Bilder zeigen dürfte. Er erzählte äußerst lebhaft und interessant über sich und den Maler, legte mir ein Schreiben des Reichskulturministers vor, aus dem hervorging, dass das Kulturministerium Bilder Bettermanns gekauft habe und zeigte mir die Bilder, die sich durch eine ungemeine Frische auszeichneten." Fuglsang hielt Reichart für einen einflussreichen Kunstkritiker - vermutlich wegen des (gestohlenen) goldenen Parteiabzeichens an dessen Revers - und hegte kein Misstrauen. Stattdessen willigte der Museumsleiter ein, Bettermanns Werke in einer Ausstellung zu zeigen, "vor allem in der Meinung, den Wünschen des Kulturminsteriums, Herrn Bettermann zu fördern, zu entsprechen."
Bettermann hatte später eine andere Erinnerung daran, wie er zu der Ausstellung kam - nämlich als Ersatz für Käte Lassen. "Käte Lassen war krank geworden. Und ich werde nie vergessen, wie er (Fuglsang, Anm. d. Red.) sagte: Der liebe Gott schickt Sie mir." Schartl bewertet dies so: "Es besteht keine Veranlassung, der Version des Flensburger Museumsdirektors zu misstrauen." Der Anfang der Hochstapelei.
Erfundene Freundschaft zu Joseph Goebbels
Während der Bilderschau in dem Flensburger Museum lernen Reichart und Bettermann die politischen Größen der Region kennen. So öffnen sich viele weitere Türen für das Duo, Bettermann findet zahlreiche Käufer für seine Bilder.
Reicharts Betrügereien werden mit der Zeit immer dreister. Er traut sich immer mehr, da er merkt, dass er mit seinen Machenschaften Erfolg hat. So gibt er sich als Beauftragter des Propagandaministeriums aus - wenig später sogar als Freund von Goebbels. Er prahlt damit, Hitlers Vertrauten in Berlin persönlich zu treffen.
Doch dann fliegt der Schwindel auf. Wie genau, konnte der Historiker Schartl nicht herausfinden. Bettermann, Reichart und Bauch werden inhaftiert. Die Ermittlungen im Verfahren gegen "Walter Reichart und Genossen" beginnen, alle wichtigen Akteure des Falls werden verhört. "Die drei Beschuldigten waren von Anfang an geständig", erklärt Schartl. Doch plötzlich nimmt Reichart alle Schuld auf sich. Somit sitzt er im August 1935 alleine auf der Anklagebank. Bettermann und seine Freundin nehmen nur noch als Zeugen an dem Prozess teil. Schartl vermutet hinter Reicharts Schuldbekenntnis eine Art Freundschaftsdienst für Bettermann.
Der Maler wird vom Gericht entlastet; aber Reichart wird verurteilt, er kommt für zwei Jahre und sechs Monate ins Gefängnis. Was dann mit dem Hochstapler geschieht, ist unklar. Bettermann hingegen setzt seine Karriere als Künstler fort. Der Maler etabliert sich in der schleswig-holsteinischen Kunstszene.
Warum Gerhart Bettermann ungeschoren davonkommt, wird sich vermutlich nie abschließend klären lassen. Auch die Angehörigen Bettermanns können hier nicht weiterhelfen. "Die Verwandten des Malers wissen von nichts", sagt Schartl. Bettermann habe nie mit ihnen über die Verhaftung gesprochen.
(shz)

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