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KRIMI NORDICA AWARD 2015 : „Nur ein Fahrrad“ von Claudia Wenk

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Es war genau so, wie er es sich vorgestellt hatte. Es roch nach Bohnerwachs. Und Desinfektionsmittel. Wie im Krankenhaus, dachte Frieder Ohms. Aber hier war es ruhiger. Keine hektische Betriebsamkeit auf den Fluren. Der letzte Akt des Lebens spielte sich hinter geschlossenen Zimmertüren ab. Diskret und gedämpft. Es war sein erster Tag als Ehrenamtlicher in dem Seniorenheim. Bücher vorlesen, Karten spielen und eine Runde durch den Garten hinterm Haus drehen. Alles, wozu die unterbezahlten Pflegerinnen heutzutage keine Zeit mehr hatten, wurde an die ehrenamtlichen Engel abgegeben.

Dann weiß ich, was eines Tages auf mich zukommt, hatte Frieder Ohms sich gedacht. Er selbst war auch schon fast siebzig Jahre alt. Wir sind sehr froh, endlich einen Mann in der Runde zu haben, hatte die Heimleiterin zu ihm gesagt. Manche Bewohner seien doch etwas schwierig, und deren Ruppigkeit hätte schon so manch eine der ehrenamtlichen Damen verschreckt. Aber er als Mann sei doch sicher mit einem dickeren Fell ausgestattet. Und so hatte man ihm auch gleich einen der „Problemfälle“ anvertraut, wobei sie dieses Wort fast flüsterte, als wäre es etwas Unanständiges.

Jetzt klopften sie an die Tür des Problemfalls und traten ein, ohne eine Antwort abzuwarten. Die Vorhänge waren halb zugezogen, nur wenig Tageslicht fiel in das Zimmer. Frieder Ohms musste seine Augen anstrengen, um Einzelheiten zu erfassen. Staubflusen wirbelten auf, als sie über den dicken Teppich gingen, der ihre Schritte schluckte. Als sein Blick auf den Mann in einem Sessel in der Zimmerecke fiel, erschrak er, als hätte er nicht damit gerechnet, dass hier tatsächlich jemand lebte. Die Heimleiterin ging zu dem Mann hinüber und beugte sich zu ihm nach unten.

„Sind Sie wach? Dies hier ist Herr Ohms. Er wird Sie ab heute zweimal in der Woche besuchen und Ihnen etwas Gesellschaft leisten.“

Es kam keine Antwort. Nur ein abfälliges Schnauben. Sie drehte sich zu Ohms um, zwinkerte ihm aufmunternd zu und zog ihn näher zum Sessel.

„Herr Ohms, ich möchte Ihnen Herrn Joseph Scheer vorstellen.“

Es war Frieder Ohms, als bliebe die Zeit einfach stehen. Für mehrere Sekunden, in denen er nicht atmete, in denen er nicht einmal mehr denken konnte. Dann zog Übelkeit in seine Eingeweide ein.

Aber das konnte doch nicht sein, dachte er. Sicher war dies nur eine besonders makabre Namensgleichheit.

„Ich lasse Sie dann mal alleine“, hörte er die Heimleiterin sagen. Ihre Worte drangen von weit her zu ihm durch, als wären sie unter Wasser. Und dann stand er plötzlich allein in der Mitte des Zimmers und wusste nicht, was er tun sollte. Bis er einen langgezogenen pfeifenden Ton vernahm. Der alte Mann war eingenickt. Steifbeinig ging Ohms zum Fenster und zog einen der beiden Vorhänge zur Seite. Sein Blick fiel auf eine Kommode, auf der einige gerahmte Schwarz-Weiß-Fotografien standen. Ohms ging näher heran und nahm einen Bilderrahmen in die Hand. Das Foto zeigte einen jungen Mann in Uniform. Es war die feldgraue Uniform eines Unterscharführers, des niedrigsten Dienstgrads der Unteroffiziere der SS, einer Schutzstaffel, die bis 1945 Angst und Schrecken verbreitet hatte. Der Mann auf dem Bild blickte mit einer solchen Selbstsicherheit und unverhohlenem Stolz in die Kamera, dass Ohms fürchtete, es könnte den Bilderrahmen in seiner Hand zum Bersten bringen. Er wollte ihn zurückstellen, aber er glitt ihm aus der Hand und knallte auf die Kommode. Jetzt wusste Frieder Ohms, dass es sich bei dem Greis im Sessel um den Mann handelte, dessen Name sich für alle Zeiten in sein Gehirn eingebrannt hatte. Mit dem er unvorstellbares Leid, Tod und die ganze Tragödie seines Lebens verband.

Ohms wurde schwindelig, und er verspürte den Drang, eine Toilette aufzusuchen. Er sah seinen Vater vor sich an dem Tag, als er ihm alles erzählt hatte. Einen Tag bevor er dem zwölfjährigen Jungen jede Hoffnung nahm, dass sein Vater ihn, wenn es ihm besser ginge, aus dem Kinderheim nehmen und wieder zu sich holen würde. Einen ganzen Abend lang hatte sein Vater geredet, und der kleine Frieder hatte zugehört.

Ein rasselndes Husten hinter ihm riss Frieder Ohms aus seinen Erinnerungen.

„Stellen Sie das hin!“

Joseph Scheer mochte inzwischen ein alter Mann sein, dessen dürre Glieder wie die einer Vogelscheuche in den losen Kleidungsstücken steckten. Aber er beherrschte noch immer den schneidenden Ton eines befehlsgewohnten Unteroffiziers. Und Frieder Ohms gehorchte. Eine Welle der Selbstverachtung erfasste ihn für einen Moment. Aber dann überwog etwas anderes. Jahrzehntelang aufgestauter Hass, unterdrückte Trauer und nagende Bitterkeit krochen an die Oberfläche. Er war um sein Leben betrogen worden, von dem Mann, zu dem er sich jetzt umwandte. Und zum ersten Mal blickte er in dessen helle Augen, die ihn kalt wie gefrorenes Eis fixierten.

„Sie haben wohl nicht gedient?“, fragte Scheer mit einer Kopfbewegung in Richtung der Soldatenfotos.

Als Frieder Ohms nicht antwortete, fuhr Scheer fort. „Natürlich nicht. Sie sind zu jung. Sind wohl noch ein Kind gewesen, als wir unseren Führer noch hatten.“

Frieder Ohms verschlug es die Sprache. Der Alte sprach tatsächlich von „unserem Führer“. Magensäure stieg in seiner Speiseröhre auf, und er versuchte mehrmals, das schmerzhafte Brennen herunterzuschlucken.

„Nein, ich habe nicht gedient.“ Er spie dieses Wort fast aus. „Ich bin 1945 geboren worden. Nur wenige Tage vor Kriegsende.“
Scheer verzog das Gesicht, als wäre Ohms eine zu bedauernde Kreatur, die die Glanzzeit der deutschen Geschichte verpasst hatte.

„Aber mein Vater war Soldat im Zweiten Weltkrieg. Kurz vor Kriegsende kam er verwundet aus dem Osten zurück. Mit halb erfrorenen Füßen.“

„Eine beliebte Methode, um sich vor dem Fronteinsatz zu drücken. Marschieren ohne Stiefel. Frostbeulen und der Verlust von ein paar Zehen wurden gern in Kauf genommen von denen, die sich dem Dienen der Sache verweigert haben. Feigheit vor dem Feind nennen wir das. Hätten alle standrechtlich erschossen werden sollen.“

Frieder Ohms dachte nicht nach, bevor er handelte. Mit zwei großen Schritten war er bei Scheer und packte ihn am Hals. Der alte Mann röchelte. Ohms beugte sich über ihn und zischte ihm seine Worte voller Zorn ins Ohr.

„Und Sie? Haben Sie jemals Feindberührung gehabt? Sie haben doch nur hier vor der Haustür die Menschen schikaniert. Sogar dann noch, als alles verloren und vorbei war.“

Und er dachte an das, was sein Vater ihm erzählt hatte. Er hatte vom Kriegsende erzählt. Nie von der Zeit, als er als Soldat in Russland gekämpft hatte. Oder davon, dass er in einem eisigen Winter drei Zehen an den Frost verloren hatte. Diese Zeit hatte er fest in einer Kammer seiner Erinnerungen verschlossen. Er sprach von den letzten Tagen vor der Kapitulation. Als mehrere Hundert KZ-Häftlinge sich unter strengster Bewachung durch die SS in Richtung Kiel schleppten. Ihr Weg hatte sie über die Ulzburger Straße geführt. Bis ins 19. Jahrhundert war diese Straße ein Nebenweg des Hauptochsenwegs gewesen, auf dem Ochsen von Dänemark aus durch Schleswig-Holstein Richtung Süden getrieben wurden. Und weiter durch das Harksheider Moor, bis sie dann am Ochsenzoll, der Zollstelle auf Harksheider Seite, die Grenze nach Hamburg überquerten. Am 12. April 1945 waren die ausgemergelten Männer in Sträflingskleidung nicht anders als Vieh in die entgegengesetzte Richtung über die Straße getrieben worden. Für viele der kranken und unterernährten Männer war es der letzte Marsch. Wer zurückblieb, wurde erschossen. Einer von den Verantwortlichen war SS-Unterscharführer Joseph Scheer gewesen.

„Was wissen Sie schon“, keuchte Scheer. Speichel lief ihm aus dem Mundwinkel und über sein Kinn. Er war glatt rasiert. Sein Haar war millimetergenau gescheitelt und von einer Kopfseite auf die andere gekämmt. Zucht und Ordnung, dachte Ohms.
„Ich weiß, was ich wissen muss. Mein Vater war Willibert Ohms.

Erinnern Sie sich an den Namen?“

Scheer antwortete nicht. Aber daran, wie Scheer für den Bruchteil einer Sekunde die Augen aufriss und sich versteifte, merkte Ohms, dass Scheer genau wusste, von wem die Rede war.

„Wenige Tage vor der Kapitulation, als Sie Ihren Hintern retten wollten, sind Sie ihm begegnet, richtig?“

Die Einwohnerzahlen von Friedrichsgabe, Garstedt, Harksheide und Glashütte, den vier Dörfern, die heute Norderstedt bilden, waren gegen Kriegsende stetig gestiegen. Ausgebombte aus dem nahe gelegenen Hamburg waren auf das Land zu Freunden und Verwandten geflüchtet, und der Strom der Vertriebenen aus den Ostgebieten riss nicht ab. Die meisten waren völlig entkräftet mit ihren Pferdewagen oder zu Fuß angekommen. Und auch Soldaten mussten untergebracht werden. Man hatte Räume in Privathäusern und Wohnungen beschlagnahmt, Ställe und Scheunen waren mit Strohlagern ausgestattet und ebenso Räume in öffentlichen Gebäuden bezogen worden. Auch das Schulhaus in Friedrichsgabe, das größte Gebäude im Dorf, hatte als Zufluchtsort gedient. Unterricht fand dort nur noch selten statt. Es hatte gekochte Rüben und Brotsuppe gegeben, und die Türen waren verschlossen gehalten worden, weil man Angst vor den Fremden hatte. Ärzte waren Mangelware gewesen, wie alles andere auch. Der letzte verbliebene Arzt in Friedrichsgabe war schon vor dem Krieg im Ruhestandsalter gewesen und kümmerte sich nun um die Soldaten, deren Versorgung Vorrang hatte.

Frieder Ohms sah wieder seinen Vater vor sich. Ein gebrochener Mann, der vor ihm saß und es nicht schaffte, seinen Sohn anzusehen, als trüge er irgendeine Schuld an dem, was dann passiert war. Er hörte wieder die Worte seines Vaters, die er mit immer leiser werdender Stimme vortrug.

„Deine Mutter lag in den Wehen. Sie hatte solche Schmerzen, und sie schrie und schrie und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Die Hebamme im Nachbarhaus konnte nicht helfen. Sie hatte zwei Tage zuvor die Nachricht erhalten, dass ihr einziger Sohn an der Ostfront gefallen war, und sie war noch ganz neben sich. Also musste ich Dr. Lürsen holen, der über seiner alten Praxis in Harksheide wohnte.“

Dann hatte Willibert Ohms eine Pause gemacht und beschämt auf seine Füße geblickt. Durch die Erfrierungen hatte er auch zwölf Jahre später noch einen leicht hinkenden Gang. 1945, als diese Wunden noch frisch waren und stark schmerzten, konnte er nicht mehr als wenige Minuten Fußmarsch auf sich nehmen. Das Fahrrad, das er besaß, war für ihn unendlich kostbar.

„Auf dem Weg nach Harksheide begegneten mir auf den Straßen immer wieder Soldaten, die sich von ihrer Truppe entfernt hatten. Sie flohen vor den vorrückenden britischen Truppen, aber wohin genau sie wollten, wussten sie selber nicht. Und dann  …“

Frieder Ohms erinnerte sich, wie an dieser Stelle die Stimme seines Vaters brach und er mehrere Augenblicke brauchte, bis er weitererzählen konnte.

„Kurz vor dem Falkenberg in Harksheide, wo die SS 1936 ihren Exerzierplatz eingerichtet hatte, stand er dann plötzlich vor mir. Joseph Scheer, der SS-Mann, den so viele fürchteten. Fast noch grün hinter den Ohren, aber grausam und unbarmherzig. Er stellte sich mir in den Weg und packte den Lenker, sodass ich fast auf die Straße gestürzt wäre. Er forderte mich auf, ihm das Fahrrad zu überlassen. Auch er gehörte zu denen, die vor den Tommies flüchteten.“

„Aber hast du ihm denn nicht gesagt, dass es dein Fahrrad ist? Und dass du es ganz eilig hattest?“, hatte der kleine Frieder unschuldig gefragt. Sein Vater hatte freudlos aufgelacht und sich mit der Hand müde über die Augen gestrichen. Und dann unbeholfen seinem Sohn den blonden Schopf getätschelt.

„Oh doch, mein Junge. Das habe ich ihm gesagt. Ich habe ihn angeschrien. Aber es hat ihn nicht interessiert. Er hat mir eine Ohrfeige verpasst. Dann habe ich ihn angebettelt, aber immer noch den Lenker festgehalten. Und dann hat er eine Handgranate gezückt. Eine Eihandgranate 39, die die deutsche Wehrmacht verwendete. Er schrie mich an, er würde uns beide in die Luft jagen, wenn ich nicht augenblicklich das Rad losließe, und dann begann er, an dem blauen Kopf des Zünders zu schrauben. Er sah mich an wie ein Wahnsinniger, und ich zweifelte keine Sekunde daran, dass er es tun würde.“

Der Junge hatte ihn mit weit aufgerissenen Augen angesehen, als würde sein Vater ihm eine Abenteuergeschichte erzählen, die mit ihm selbst gar nichts zu tun hatte.

„Ich gab ihm das Fahrrad. Ich dachte, alles ist besser, als gar nicht ankommen. Aber meine verdammten Füße!“

Er stampfte mit beiden Füßen auf, als hoffte er, sie würden einfach abfallen und nicht mehr zu ihm gehören.

„Ich fand Dr. Lürsen. Er hatte schon deine Mutter auf die Welt geholt und zögerte keine Sekunde, mit mir zu kommen.“

Frieder Ohms erinnerte sich, wie der Vater die Hände vors Gesicht geschlagen, gezuckt und gebebt hatte. Und da er nicht gewusst hatte, was er tun sollte, saß er viele Minuten da und zeichnete die Kringel nach, die die einfallende Sonne auf die abgewetzte Tischplatte geworfen hatte. Es war ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen, bis sein Vater fortfuhr. Bei der Erinnerung klammerten sich seine Finger noch enger um den Hals von Scheer.

„Aber es war nur ein Fahrrad“, fiepte Scheer, dem die Luft wegblieb.

Willibert Ohms waren Tränen über die kratzigen Wangen gelaufen, als er damals den kleinen Frieder bei den Händen gepackt hatte, während er fortfuhr.

„Deine Mutter hatte viel Blut verloren, so viel Blut. Es hatte Probleme mit der Plazenta gegeben, erklärte mir Dr. Lürsen, und ich verstand nicht, was das bedeutete, welche Folgen es hatte. Er sagte, ich hätte früher zu ihm kommen sollen, dann hätten wir deine Mutter noch in ein Krankenhaus nach Hamburg bringen können. Aber nun wäre es zu spät, und er könnte nur noch das Kind holen. Einen Jungen. Ich hätte früher zu ihm kommen sollen, hatte er gesagt. Wie viel früher, habe ich ihn angeschrien. Fünf Minuten? Eine halbe Stunde? Einen Tag? Der arme Dr. Lürsen war ganz bestürzt. Er konnte ja nicht wissen, dass ich früher bei ihm gewesen wäre, wenn nicht Scheer meinen Weg gekreuzt hätte. Wir haben dir den Namen Frieder gegeben. Deine Mutter wollte es so, weil du ein Kind des Friedens werden solltest.“


Der Abend war hereingebrochen, und im Pflegeheimzimmer war es dunkel geworden. Ohms nahm die Hand von Scheers Hals, drückte ihn aber weiter in seinen Sessel, indem er ihm die flache Hand auf den Brustkorb presste.

„Ich habe meine Mutter nie kennengelernt, und das ist Ihre Schuld. Mein Vater ist an ihrem Tod zerbrochen. Er hat sich das Leben genommen, am Tag nach seinem Besuch bei mir im Kinderheim. Er hat sich von einer Brücke gestürzt, weil er sich nie von seinen Schuldgefühlen freimachen konnte. Auch das ist Ihre Schuld. Ich bin danach von einem Waisenhaus an das nächste weitergereicht worden. Wissen Sie, in wie vielen Pflegefamilien ich gelebt habe? Und wie viele Elternpaare mich nicht wollten, weil ich kein Kleinkind mehr war? Haben Sie eine Ahnung, was aus meinem Leben hätte werden können, wenn es Sie nicht gegeben hätte, Scheer?“

„Hab ich doch gesagt“, krächzte Scheer. „Einmal ein Drückeberger, immer ein Drückeberger. Willibert Ohms war zu schwach für den Krieg und zu schwach, einen deutschen Jungen zu einem anständigen Mann zu erziehen. Hat lieber feige Hand an sich selbst gelegt. Nicht schade drum.“

Ohms’ Hand war schneller an Scheers Gurgel, als der auch nur mit dem Augenlid zucken konnte.

„Sie sind ein Dieb, Scheer.“

Mit der freien Hand griff Ohms nach einem Kissen und legte es Scheer über das Gesicht.

„Aber es war doch nur ein Fahrrad“, presste dieser mühevoll hervor. „Nur ein schäbiges Fahrrad.“

„Nein, es war das Leben meiner Mutter. Es war der Lebensmut meines Vaters und es war die Familie, die wir hätten sein sollen.“

Scheer wand sich, aber Ohms gab nicht nach. Mit all seiner Kraft und beiden Händen drückte er das Kissen auf den Mund, der selbst heute noch so viele Gemeinheiten ausspie. Scheer war zäher, als Ohms vermutet hatte. Er sträubte sich mit aller Macht gegen das Unausweichliche.

„Wehren Sie sich doch nicht, Scheer. Es ist doch nur ein Kissen. Nur ein schäbiges Kissen“, äffte Ohms den alten Mann nach. Und dann ließen dessen Kräfte nach. Dem unkontrollierten Zucken der Gliedmaßen folgte das Erschlaffen, als hätte man die Luft aus einem Ballon gelassen. Die knochigen Hände fielen zur Seite und hingen über die Armlehnen. Ohms wartete noch einen Moment, legte dann das Kissen beiseite. Er legte sich seinen Mantel über den Arm, ging aus dem Zimmer und schloss leise die Tür hinter sich.

Es war vorbei. Er hatte sich nie vorgestellt, wie es war, einen Menschen zu töten. Aber was er jetzt empfand, war weit entfernt von innerer Aufruhr oder Angst davor, gefasst zu werden. Noch viel weniger verspürte er ein schlechtes Gewissen oder ein Entsetzen über seine Tat. In ihm kam etwas zur Ruhe, von dem er gar nicht gewusst hatte, dass es ihm die ganzen Jahre seinen inneren Frieden genommen hatte. Er fühlte sich ganz leicht. Beinahe heiter.

Morgen, wenn man ihm mitteilen würde, dass Joseph Scheer in der Nacht unerwartet verstorben wäre, würde er ihnen sagen, dass diese Beschäftigung doch nichts für ihn sei. Für einen weiteren „Problemfall“ würde er jedenfalls nicht zur Verfügung stehen.

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