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KRIMI NORDICA AWARD 2015 : „Finstere Wellen“ von Leonie Lastella

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Es ist heiß und stickig. Mein Atem stößt unregelmäßig gegen muffig riechenden Stoff. Ich kann nichts sehen, mich nicht wehren. Meine Hände und Füße schmerzen, raue Stricke zwingen sie zusammen. Am abgestandenen Schimmelgeruch des Stoffs schiebt sich salzgeschwängerte Luft vorbei. Ein bisschen fischig, nach Tang und Sand riechend. Wenn ich mich konzentriere, höre ich das Schlagen von Wellen. Ich will schreien, jemand muss mich hören, mich retten, aber kein Laut dringt aus meiner Kehle. Und dann höre ich Schritte näher kommen. Ich wünschte, ich könnte einfach wieder in dieses Schwarz verschwinden, aus dem ich nur Minuten zuvor erwacht bin. Irgendjemand bleibt neben mir stehen, zieht mir den Sack vom Kopf und wirft ihn achtlos neben mich auf den Boden. Es ist ein Mann. Er ist groß. Ein wenig hager, mehr kann ich nicht erkennen. Meine Augen brauchen Zeit, um sich an die plötzliche Helligkeit zu gewöhnen.

„Du büs nu hier, versteihst du dat?“

Ich nicke, dabei verstehe ich gar nichts. Wo ist ‚hier‘? Tränen steigen mir in die Augen und tropfen auf die aufgerissene Haut meiner Handgelenke. Ich will nach Hause.

„Brukst nicht to heulen, dat hölpt di nicht wieder, mien Deern.“

„Was wollen Sie von mir?“ Ich quetsche die Worte an meiner Angst vorbei.

„Ik bün Hein.“ Der Mann kniet sich vor mich hin und streicht mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Kanns ruhig kieken, mien Deern. Wi wönt veel Spaß tosomen hem.“ Er lacht leise, aber es ist ein kaltes, leeres Lachen, das durch seinen Bart gedämpft wird.
Ich wünschte, er hätte mir nie den Sack abgenommen. Ich will ihn nicht ansehen. Er wird mich nie wieder gehen lassen, wenn ich sein Gesicht kenne. „Kumm med.“ Einladend hält er mir seine Hand entgegen.

„Dat lecht an die, wie dat hier löpp.“

Ich werde hier sterben. Die Erkenntnis lässt meine Angst in tausend scharfkantige Splitter zerfallen. Ich will ihn nicht berühren, aber die Angst knirscht leise und tückisch in meinen Ohren. Er erwartet Gehorsam.

„Kumm!“

Es steht außer Frage, nicht zu gehorchen. Seine Augen zeigen, zu was er dann fähig wäre. Zögernd nehme ich seine Hand und bin erstaunt, dass sie warm ist. Ich hasse ihn, aber seine Hände helfen mir auf die Beine, und diese plötzliche Zuwendung ist so tröstlich, dass Tränen über meine Wangen laufen und heiße Spuren auf meiner Haut hinterlassen. Er führt mich ins Badezimmer, und seine Berührungen fühlen sich grausam menschlich an. Ich fühle mich wie ein Mensch, nicht länger wie ein Spielzeug. Die Decken des Hauses sind niedrig, die Fenster schmal und mit Sprossen versehen. Altes Fachwerk bestimmt das Innere des Hauses. Eine alte Kate, ein Gehöft. Die liegen meistens einsam. Ich bin vollkommen allein mit ihm.

„Trek di ut!“, flüstert er dicht an meinem Ohr. Sein Atem streift meine Haut. Ich will mich schütteln, ihn von mir stoßen, aber stattdessen versteife ich mich und halte still. Instinktiv weiß ich, dass er mich töten wird, wenn ich nicht tue, was er von mir verlangt. Vermutlich wird er mich sowieso töten. Nervös lecke ich mir über die Lippen und unterdrücke das Zittern, das wie ein Tsunami durch meinen Körper brandet. Wenn sie mich nicht finden, werde ich hier sterben. „Trek di ut.“ Ungeduld liegt in seiner Stimme. „Dat gifft dat nich!“ Sein freundliches Gesicht wechselt wie ein Farbenspiel von warm zu ausdruckslos. Der Druck seiner Hände auf meinem Oberarm, der eben noch tröstlich war, wird stärker. Es tut weh.

Natürlich bin ich deswegen hier. Er zerrt an meiner Hose, bis der Stoff zu meinen Knöcheln hinabrutscht. Ich bin nackt und wage es nicht, die Hand vor meine Scham zu halten. Ich habe so sehr gehofft, dass es um Geld und nicht um mich geht. Ich habe gehofft und verloren. Ich sehe den Hunger in seinen Augen und schließe meine. Seine Hände berühren mich. Ich will hier weg. Und ganz plötzlich entfernt er sich, als hätte er mein Stoßgebet erhört. Es fühlt sich an, als hätte ich an einem Abgrund gestanden. Der Magen kribbelt, die Angst sitzt flimmernd in jeder Zelle, aber wider Erwarten hat er mich einen Schritt zurückgezogen, anstatt mich über die Kante zu stoßen. Das heißt nicht, dass er es nicht doch tun wird. Vorerst aber entfernt er sich. Erleichtert sinke ich gegen die Kacheln der Wand.

Der Mann öffnet den verkalkten Wasserhahn der Badewanne. Dampf breitet sich im Zimmer aus und umhüllt mich. Ich stelle mir vor, es wäre das Nichts der unendlichen Geschichte, in dem man einfach verschwindet und nie wieder auftaucht.

„Stieg in de Wann.“

Ich tue es, ohne zu zögern. Noch immer spüre ich den Druck seiner Hand auf meinem Fleisch. Mir ist schlecht.

„Lech din Been heer rop!“

Er klopft neben sich auf den Wannenrand und klappt dabei ein altes Rasiermesser auf. Tränen treten mir in die Augen. Mein Herz rast, als könnte es ohne mich von hier fliehen. „Bitte!“ Das Schluchzen zerhackt das geflüsterte Wort in unverständliche Fetzen.

„Ik mok di nich dod. Glövst du, ik wör mi so veel Mühe moken di hierher to bringen, blots um di denn dod to moken?“ Er lacht schallend, und das Lachen wirkt so unschuldig und ansteckend, als wäre das hier nicht mehr als ein Ausflug unter Freunden. Dabei ist es viel mehr. Das hier ist die Hölle, und ich frage mich, wieso ich hier gelandet bin.

„Been hoch, heft ik secht!“ Sofort ist die Kälte zurück und umschließt den Befehl wie einen Schraubstock. Er packt meinen Fuß und zieht mich mit einem Ruck unter Wasser. Ich bin nicht vorbereitet und verschlucke mich an dem mit penetrant stinkendem Tannenöl versetzten Badewasser. Ich werde nie wieder in einem Wald spazieren gehen können, ohne an das hier zu denken, nie wieder Weihnachten feiern, ohne Hein mit dem Messer zu sehen. Mein Gehirn hat noch nicht verstanden, dass ich sowieso nie wieder etwas anderes sehen werde als dieses Haus, diesen Mann, das Wasser, das uns umgibt.

„So löppt dat hier. Ik sech wat passeert und du mokst dat. Wenn nicht …“ Er drückt mit dem Zeigefinger gegen meine Stirn, bis das Wasser meinen Mund überflutet und den Rand meiner Nasenflügel erreicht. Ich kann die konzentrischen Wellen sehen, die mein Atem auf der Oberfläche hinterlässt. Der Mann, der sich Hein nennt, entfernt seinen Finger und lässt mich wieder auftauchen. Ruhig und absolut sachlich fährt er fort. „Wi sin hier op een Hallig, dor is keen een, blot wi twe beeden. Wi sünd alleen. Dor is blots Watt un Woter. Du kumms hier nich wech, brukst du gor nicht utprobeern. Dat weer doch bannig schod, wenn ik di dod in een Pril finnen mööt. De Strömung is doll, und denn müsst ik wohl dien lütte Schwester Lizzy holen.“ Er nickt bedächtig, während er mein Bein betrachtet. „Jo, dat wer vermutlich de einzige brukbore Ersatz.“

Wieder nicke ich, dabei weiß ich gar nicht, ob er eine Antwort erwartet. Wassertropfen fallen von meinen Haaren auf die Schultern und hinterlassen kalte Inseln, genau wie mein Gefängnis eine ist. Präzise zieht er das Rasiermesser durch mein Fleisch. Es ist so scharf, dass ich den Schmerz erst spüre, als er mein Bein zurück ins Wasser gleiten lässt. Blut breitet sich in der Wanne aus und verliert sich in rötlichen Schlieren. Das Öl brennt wie Feuer. Ich beiße die Zähne zusammen, um nicht zu schreien, während ich zähle. Ich zähle die leicht angeschimmelten Fugen. Ich zähle die Querstreifen der Handtücher im Regal, die nicht exakt übereinander gestapelt sind und einen schiefen Turm bilden, der nur von den Regalwänden gehalten wird. Ich zähle, während Hein mir erklärt, dass ich jetzt sein Brandzeichen trage. Ich gehöre ihm. Dann trägt er mich zu seinem Bett, und ich zähle. Ich zähle immer weiter. Als er hinter mir liegt und mir seinen Atem in den Nacken bläst, als sich sein Körper eng an meinen schmiegt, als sein Atem vom Schlaf gleichmäßig wird. Das Böse müsste einen eisigen Atem haben. Stattdessen ist er warm und sanft. Schweiß entsteht, wo seine Haut meine berührt. Er schläft und ich weine. Ohne mich zu rühren, ohne einen Laut von mir zu geben.

*

Dieses Gefängnis hat keine Mauern, keine Zäune. Nur die eiskalte Nordsee ist mein Wärter. Eisplatten verschieben sich knirschend im Gezeitenwechsel auf dem breiten Gürtel zwischen der Hallig und dem weit entfernten Festland. Mein Blick wandert zum Haus hinüber, dessen tiefliegende Fenster wie schwarze Abgründe in dem Rotklinker klaffen. Nur in einem Raum der windschiefen Kate brennt Licht. Eine kleine Tischlampe, die es Hein ermöglicht zu arbeiten. Solange er das tut, lässt er mich in Ruhe. Ich laufe über die winzige Hallig. Eine halbe Stunde jeden Abend bei Hochwasser gesteht er mir zu. Eine halbe Stunde, um die Übrigen mit ihm auszugleichen. Einhundertsechsundzwanzig Schritte, bis ich das Wasser erreiche, das schwarz und hungrig am Ostufer leckt. Ich wende mich nach links, vorbei am Fething, dem Süßwasserspeicher der Hallig. Das Gras ist feucht und durchnässt meine Schuhe. Meine Zehen werden so kalt, dass sie schmerzen. Es tut immer erst weh, bevor die Taubheit kommt. Taub ist gut. Dann spüre ich nichts mehr. Ich laufe weiter. Mein Atem kondensiert. Eintausendzweihundertvierzehn Schritte noch, dann werde ich die südlichste Spitze meines Gefängnisses erreichen. Ich schlinge die Strickjacke fester um meine Mitte. Es war Sommer, als ich hierherkam. Noch immer trage ich dieselbe Kleidung. Sie haben mich nicht gesucht. Vielleicht haben sie mich auch nur nicht gefunden. Auf jeden Fall haben sie aufgegeben.

Hein hat mir angeboten, seine Sachen zu tragen, aber ich hasse den Geruch, der fest in den Stoffen verankert ist. Allein der Gedanke daran lässt mich würgen. Eigene Kleidung wird er mir nicht kaufen. Manchmal sperrt er mich in den alten Apfelkeller und fährt hinüber zum Festland, um Vorräte zu kaufen, aber es wäre zu riskant, irgendetwas zu erstehen, das meine Existenz verraten würde. Eines Tages werde ich in diesen Sachen sterben. Ich versuche, mich auf die zerrissenen kleinen Wölkchen zu konzentrieren, die aus meinem Mund aufsteigen und mit der Nacht verschmelzen. Der Wind brennt auf meiner Haut wie tausend Nadelstiche. Irgendwann wird die Kälte nur noch Taubheit erzeugen, und wenn ich nichts mehr spüre, kann ich vielleicht weitergehen. Eintausendzweihundertfünfzehn Schritte, eintausendzweihundertsechzehn, einfach immer weiter, bis mich das hungrige, schwarze Nass verschlingt.

*

Hein liegt hinter mir. Seine Hand bedeckt besitzergreifend das Zeichen auf meinem Unterschenkel. Ich spüre genau, wo sein Körper meinen berührt. Wenn er einatmet, sind es nur drei Punkte. Beim Ausatmen schmiegt sich jeder Zentimeter von ihm an mich. Als würden wir zusammenpassen. Als wäre ich allein hierfür geschaffen worden. Mir ist schlecht. Ganz langsam rücke ich von ihm ab. Zentimeter für Zentimeter entferne ich mich von ihm, ohne dass ich mich aufrichte. Ich erreiche die Bettkante. Hein schläft noch immer. Seine Hand liegt jetzt auf dem Stück Laken, das mein Körper bis eben gewärmt hat. Ich bin nicht mehr für ihn als dieses warme Stück Stoff. Ein Gegenstand. Liegend lasse ich mich über die Kante gleiten und lande lautlos auf dem Holzboden. Die Bohlen drücken kalt ihre Fugen in mein Fleisch. Wenn er jetzt aufwacht, kann ich immer noch behaupten, ich wollte nur auf die Toilette. Unter der Badezimmertür kriecht ein schmaler Streifen Licht hervor, als ich daran vorbei durch das totenstille Haus zur Außentür laufe, die, wie jede Nacht bisher, verschlossen sein wird. Ich kneife die Augen zusammen und drehe den Türgriff. Obwohl ich nicht damit rechne, schwingt die schwere Holztür auf. Auf diese Möglichkeit habe ich so lange gewartet. Um diese Uhrzeit ist Ebbe. Ich hätte eine Chance, das Festland zu erreichen. Adrenalin brandet durch meine Adern und lässt mich vorwärtsstolpern. Frost überzieht das Gras und den unebenen Boden unter mir.

Ich renne bis zur südlichen Spitze der Hallig. Einen Meter unter mir glänzt dunkel das Watt, und ich springe. Wellen haben Rillenmuster in den brettharten Untergrund gezeichnet. Ich spüre sie unter meinen Sohlen, als ich mich aufrapple und losrenne. Meine Lungen stechen, ich stolpere und falle hin. Es tut weh, aber ich lache. Der Schmerz zeigt mir, dass ich es geschafft habe. Unter mir ist nicht länger die Hallig. Sand und Schlick bedecken meine Kleidung, meine Haut, während ich vorwärtshaste. Und dann höre ich sie: glucksende Schritte im Watt, die schnell näher kommen. Es sind seine Schritte. Das Erste, was ich hier auf der Hallig hörte, waren Heins Schritte. Ich würde sie überall wiedererkennen. Angst schnürt mir die Kehle zu. Ich kann nicht atmen. Abermals geben meine Beine auf dem schlickigen Untergrund nach. Ich stürze, und dieses Mal lache ich nicht.

Eine halbe Ewigkeit vergeht, bis ich meine Knie unter den Körper gezogen bekomme, um mich hochzustemmen. Heins Nähe ist wie ein Gewicht, das mich zu Boden drückt. Und dann sind da seine Hände. Sie graben sich in mein Haar, in meine Haut und pressen mich in das kalte Watt. Ich atme Wasser und Sand, keinen Sauerstoff. Es wird schwarz und ruhig. Aber plötzlich zerrt er mich an den Haaren in den Stand. Ich will in der Stille verharren, aber meine Lungen saugen gierig nach Sauerstoff. Ohne ein Wort zu sagen, schubst Hein mich vor sich her in Richtung Haus. Meine Hände sind schmerzhaft auf dem Rücken verknotet. Den Kopf zwingt er mir in den Nacken. Ich sehe Tausende von Sternen, die am Himmel flackernd ihr Lebenslicht aushauchen. Bald werde ich einer von ihnen sein.

Hein lässt das Haus links liegen. Ich wusste, dass ich nicht dahin zurückkehren würde. Unbeirrt steuert er auf das Räucherhaus zu. Ich war nie dort drinnen. Er hat mir nie gesagt oder gezeigt, was in dem kleinen Holzhaus ist, aber ich habe immer gewusst, dass es ein böser Ort ist. Noch böser als der Rest dieses Fleckens Erde. Er stößt die Tür auf und schubst mich hinein. Ein beißender Geruch umgibt uns, Rauch, geschwängert mit dem Geruch nach Blut und Tod. Es gibt hier weder Fisch noch Fleisch. Nur er und ich sind hier, zusammen mit den drei Mädchen, die er vor mir getötet hat. Sie liegen ordentlich aufgereiht auf dem Boden. Ihre Haut ist bräunlich, ledern. Er hat sie haltbar gemacht, damit sie ihm bis in alle Ewigkeit gehören.

Heins Lippen sind nur schmale Striche in einem blassen, angespannten Gesicht, als er seine Hände um meinen Hals legt. Sie streicheln meine Haut.

„Ik lot di nich gohn!“

Es ist kein loses Versprechen, sondern die kalte Wahrheit. Ich will mich wegdrehen, seinen Fingern ausweichen, aber er lässt mir keinen Platz, und dann stoppen seine Bewegungen. Er drückt zu. Ohne zu zögern, als wäre es von meinem ersten Tag an nie um etwas anderes gegangen, als hier zu sterben, mit seinen Händen auf meiner Haut und der Gewissheit, dass diese Hütte meine Ewigkeit sein wird. Ich will weinen, schreien, aber mein Körper reagiert nicht mehr. Es ist, als würde er nicht mehr zu mir gehören. Wenn ich abwarte, wird die Ruhe zurückkehren. Sie wird mir ein Leben ohne Hein schenken. Ich will fort von dieser Insel, und aufzugeben ist der einzige Weg. Aber plötzlich ist da ein winziger, scharfer Splitter. Mitten zwischen den schwarzen Flecken und meinem röchelnden Atem glüht er wie ein entzündeter Stachel.

Dann müsste ich wohl deine kleine Schwester Lizzy stattdessen herholen. Ja, das wäre vermutlich der einzige brauchbare Ersatz. Meine Arme hängen wie unnütze Stümpfe an mir herab, aber ich zwinge sie, mir zu gehorchen. Kraftlos packe ich nach Heins Unterarmen und versuche, seine Umklammerung zu lösen. Mehrfach rutsche ich ab, bevor meine Nägel in sein Fleisch eindringen. Blut quillt hervor. Lizzy. Noch immer gibt er nicht nach. Mit dem letzten Funken Kraft drücke ich in die bereits aufgerissene Wunde. Hein heult auf und lässt tatsächlich los. Nur Sekunden, in denen ich Sauerstoff in meinen Körper pumpe und mich schreiend auf ihn stürze. Er hat nicht damit gerechnet. Taumelnd stolpern wir gemeinsam rückwärts. Ich spüre, wie er dabei ist, sich wieder aufzurichten. Verzweifelt rudere ich mit den Beinen, bis ich den Boden erreiche, mich abstoße und der Schwung Hein aus dem Gleichgewicht bringt. Ineinander verkeilt krachen wir zu Boden. Sein Rücken bringt die Wand des Häuschens zum Beben. Ich erwarte einen neuen Angriff, aber Hein verharrt in einer unnatürlichen Haltung auf halber Höhe. Ein metallener Räucherhaken ragt aus seinem Brustkorb. Seine Füße versuchen, das Gewicht seines Körpers abzufangen und schaben unkoordiniert über den trockenen Lehmboden. Fassungslos sieht er mich an. Ein breiter Speichelfaden, durchzogen mit Blut, hängt an seiner Lippe. Er hört nicht auf, mich anzustarren, auch nicht, als das Leben in seinen Augen erlischt. Mein Wärter ist tot, und ich weine. Um ihn, um mich. Ich kann nicht aufhören. Ich habe ihn getötet. Tränen tropfen auf meine nackten Beine, zerplatzen kalt auf meiner Haut. Ein schmaler Streifen Dämmerung zerteilt das Dunkel der Nacht. Ich höre Stimmen. Meine Hände ertasten ein steifes Laken. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich Hein, die Hütte, die raue Nordsee, aber die Dämmerung breitet sich aus und löscht die Realität um mich herum, bis nur noch Helligkeit unter meinen Lidern ist. Ich öffne meine Augen und starre auf ein wirklich schreckliches pastellfarbenes Bild, das an einer steril weißen Wand hängt.

„Du bist endlich wach, Kleines.“

Irritiert blicke ich mich um und schaue direkt in das rundliche Gesicht einer Krankenschwester. Wie kann das sein? Bis eben war ich noch mit Hein auf der Hallig, und jetzt liege ich in einem Bett mit kratzigem Laken. Ich versuche zu sprechen, aber mehr als ein schwaches „Hallig?“ bekomme ich nicht über die Lippen.

„Nicht aufregen, Liebes.“ Sie tätschelt meinen Kopf. „Du bist in Sicherheit.“ Sie sagt es, als würde ich das hier nicht allzu bald verlassen.

„Ich will nach Hause.“

Sie schüttelt nachsichtig den Kopf. „Das geht nicht, mein Liebes.“

Mein Brustkorb ist wie zugeschnürt. Ich will hier weg. Nach Hause, zu Lizzy und Mama. Ein Schrei bricht aus mir heraus. Ich brülle und kann nicht mehr aufhören. „Katrin, ich brauche hier Haloperidol.“ Die Schwester hält mich fest, eine Zweite taucht mit einer Spritze neben ihr auf, und dann spüre ich einen Stich in meinem Arm. Wenig später werden meine Augen schwer. Sie schließen sich, ohne dass ich etwas dagegen tun kann.

„Armes Ding. Er wird sie nie loslassen.“ Die Stimme der Schwester klingt verzerrt. Sie seufzt leise, während es langsam dunkel um mich wird.

Eine furchtbare Hitze weckt mich. Es ist stickig. Mein Atem stößt unregelmäßig gegen muffig riechenden Stoff. Ich kann nichts sehen, mich nicht wehren. Meine Hände und Füße schmerzen, raue Stricke zwingen sie zusammen. An dem abgestandenen Schimmelgeruch des Stoffs schiebt sich salzgeschwängerte Luft vorbei. Ein bisschen fischig, nach Tang und Sand riechend. Und wenn ich mich konzentriere, höre ich das Schlagen von Wellen.

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