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Krimi Nordica Award 2015 : „Ein Päckchen Tod“ - Klaus Stickelbroeck

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Blass ließ sich Scholle Harmsen an unseren Skattisch 
fallen. „Die Monika Hörsten ist tot.“

Paul Puls schnappte nach Luft.

„Ach?“, fragte Pit Brammer.

„Um Himmels Willen“, war ich ehrlich entsetzt. „Die Hörsten? Bist du sicher?“

„Tu mal frische Pils!“, orderte Scholle Kaltgetränke bei Werner Strohdiek, dem wortkargen, bärtigen Wirt der Alten Ziegelei in Remmels, und nickte ernst. „Ich hab gerade den Drage getroffen. Hat er mir erzählt.“

Schorsch Drage war unser Dorfsheriff. Der sollte es 
wissen.

Scholle schüttelte den Kopf. „Die ist nicht nur tot, die wurde ermordet!“

„Ermordet?“, rief Paul entsetzt.

„Wundert mich nicht“, erklärte Brammer gedehnt.

„Hä?“, fasste Paul unsere fragenden Blicke zusammen.

„Die hat mit jedem hier was gehabt“, erklärte Brammer. „Kein Wunder, wenn das irgendwann Ärger gibt.“

„Mit mir hat sie nichts gehabt“, erklärte Scholle. „Echt? Sonst … mit jedem?“

Schweigend leerten wir die Gläser. Ich kratzte mir den Kopf. Mit der rechten Hand. Meine linke ist aus Gummi. Die hatte ich mir als Jugendlicher während des Praktikums in einer Entgrätungsmaschine zerschreddert. Montage sind nicht mein Ding.

„Was Genaues wissen die noch nicht.“

Die Monika Hörsten. Neunundzwanzig Jahre alt, schlank, lange rotbraune Haare, grüne Augen und nett, keine Frage. Die wohnte in Osterstedt an der Triangel. Die Monika kam von hier, hatte einige Jahre in Rendsburg gewohnt und war erst im letzten Sommer als frisch Geschiedene zurück nach Remmels gezogen. Klar, die hatte hier für erhebliches Aufsehen gesorgt. Aber dass jetzt fast alle was mit der gehabt haben sollen …

Ich beugte mich zweifelnd über den Tisch. „Mit jedem was gehabt? Woher willst du das wissen?“

Pit grinste breit. „Ich habe alle ihre Urlaubskarten gelesen. Sehr aufschlussreich.“

Oha. Pit Brammer war unser Briefträger. Das Postgeheimnis hatte für ihn keine verbindliche, sondern lediglich hinweisende Bedeutung. Unter vier Augen und mit fast genauso viel Promille hatte er mir mal anvertraut, dass er seit März 2003 alle Postkarten, die es zuzustellen galt, gelesen hatte. Mit Ausnahme September 2007, da war Brammer in Kur auf Sylt. Pit hatte inzwischen seine Fähigkeiten so verfeinert, dass er die Einwohner von Remmels an der Handschrift erkennen konnte. Mög­licherweise auch am Satzbau, da übte er noch.

„Du darfst die Karten doch nicht lesen“, beschwerte sich Paul.

Pit summte geheimnisvoll. „Mit wem die Monika sich alles geschrieben hat.“

Ich meinte zu bemerken, dass Paul um die Nase herum ein bisschen bleich wurde. Ich wollte unseren Postschubser gerade bremsen, da flog die Kneipentür auf.

„Moin!“, grüßte Schorsch Drage, noch in Uniform.

„Moin!“

Schorsch lehnte sich an die Theke. „Tu mal einen Korn, Werner.“

„Sag mal, die Hörsten ist tot?“, fragte Pit.

„Ja. Tot.“

Wir kippten stumm unser Getränk, und ich winkte bei Werner eine neue Runde heran. Der ließ wortlos den Hahn schnellen.

„Erzähl mal!“, forderte Pit ihn auf.

„Das ist Dienstgeheimnis.“

Pit Brammer verdrehte unwillig die Augen. So weit kam das noch, dass irgendeiner im Ort besser informiert wäre als er. „Erzähl wenigstens das, was morgen in der Zeitung steht!“

Schorsch Drage seufzte. „Heute Vormittag hat man die Hörsten tot auf einem Parkplatz am Reher Kratt gefunden.“

„Wie kommt die denn nach Reher?“

„Auf jeden Fall lag sie in einem Leihwagen aus Itzehoe.“

„Was macht die denn in einem Leihwagen aus Itzehoe?“, runzelte Scholle seine hohe Stirn.

„Tot drin rumliegen“, erklärte Drage.

„Und wer war es?“, fragte Paul Puls mit glasklarem Blick für das Wesentliche.

Drage schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Die Kripo ist dran.“

„Der Klaus Borowski aus dem ,Tatort‘?“, fragte 
Scholle.

Ich blickte Scholle an. Der zuckte fragend mit den Schultern. Manche Menschen hat der liebe Gott ganz schnell noch kurz vor Feierabend gemacht. Scholle war definitiv einer davon.

Pit Brammer gluckste. „Ich könnte glatt eine Liste mit Verdächtigen machen.“

„Irgendwann kriegst du richtig fiese Scherereien“, zischte ich.

„Keine Sorge, ich hab was Neues.“

„Ach?“

Pit räusperte sich. „Wenn einer was in Flensburg bei Beate Uhse bestellt, kann ich durch Tasten und am Geruch erkennen, um welchen Artikel es sich handelt und unter welcher Artikelnummer der geführt wird.“

Für ein paar Sekunden war alles still.

„Wer in Remmels lässt sich denn was von Beate Uhse schicken?“, fragte Scholle.

„Du würdest dich wundern“, erklärte Pit, und ich meinte zu erkennen, dass Paul Puls schon wieder ein bisschen Farbe verlor.

„Werden die Sachen nicht in neutral verpackten Päckchen verschickt?“

„Die Päckchen sind so neutral, dass ich sie sofort erkenne. Ich taste das Paket ab, nehme eine Nase und weiß: Artikelnummer 5-439, Luxus Nappa Leder, Hodensackteiler mit Penisband, 18,95 Euro.“

„Hodensackteiler?“, fragte Scholle.

„Oder ich rassle am Paket, merke, das ist was Wabbeliges, Flüssiges, wiegt circa ein Kilo: Alles klar! Artikelnummer 4-251, Nuro Sex Gel, Ein-Liter-Packung, 25,50 Euro.“

Ich hätte mir am liebsten die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Ging ja nicht. Täte weh. Wegen dem Gummi.

„Du riechst an der Post?“, fragte unser Dorfsheriff entgeistert.

„Steht nirgendwo, dass das verboten ist, Schorsch.“

Paul Puls konnte es immer noch nicht fassen. „Da liegt die Monika tot in einem Leihwagen. Wie ist sie denn gestorben?“

Schorsch Drage kippte den Klaren. „Darf ich nicht sagen.“

„Der Leihwagen wird den Täter verraten“, behauptete Paul.

„Wieso?“

„Spuren!“

„Der Mörder wird seine Fingerabdrücke abgewischt haben! Kenn ich aus dem ,Tatort‘“, behauptete Scholle.

„Wahrscheinlich, aber in der Leihwagenfirma wird es Unterlagen geben, die lassen sich immer Ausweise zeigen“, erklärte Paul.

Werner Strohdiek ließ den Zapfhahn schnacken.

Ins folgende schwere Schweigen hinein fragte Scholle: „Kommt jetzt der Kommissar Borowski aus Kiel oder nicht?“

 

Am übernächsten Morgen sprangen mir in der Zeitung gleich mehrere Nachrichten ins Auge. Der Hamburger SV war bei den Bayern richtig unter die Räder gekommen. Auf der B 77 hatte es mächtig gerappelt. Und oben auf Seite 4 las ich:

„Itzehoe. Erheblicher Sachschaden entstand vorgestern Nacht bei einem Einbruch in eine Autovermietung am Graf-Egbert-Ring. Unbekannte Täter entwendeten Computer, Monitore sowie hochwertiges Spezialwerkzeug. Anschließend flüchteten sie mit einem ebenfalls entwendeten weißen Kastenwagen.“

Ich stutzte. Über die Autovermietung in Itzehoe hatten wir vorgestern Abend beim Werner Strohdiek noch geredet. Ein Zufall?

Schorsch Drages Telefonnummer kannte ich auswendig, unser Sheriff ging sofort ran. „Polizeiwache.“

„Ich bin es. Hast du die Zeitung gelesen?“

Schorsch Drage zögerte mit der Antwort, und ich konnte hören, dass er nicht allein auf der kleinen Wache war. Wahrscheinlich hatten die Kriminalen aus Pinneberg sich bei ihm breit gemacht.

„Natürlich hab ich die Zeitung gelesen“, brummte Drage.

„Der Einbruch in Itzehoe, die Leihfirma, der Mord an Monika, da gibt es bestimmt einen Zusammenhang.“

„Ich bin hier nicht allein.“

„Der Computer wurde geklaut. Der Mörder verwischt seine Spuren.“

„Wie gesagt, ich bin nicht allein“, zischte Drage. „Lass uns die Arbeit machen, ich muss auflegen.“

Zack, hatte der das auch schon gemacht.

Ich malte nachdenklich mit meinem Gummizeigefinger ein paar Vierecke auf die Tischplatte und las den zweiten Zeitungsbericht auf Seite 4 gleich darunter. Am Ende des Artikels stand etwas Neues:

„… entdeckten Polizeibeamte die 29-jährige Tote auf dem Beifahrersitz, die – wie die Polizei inzwischen ermitteln konnte – offensichtlich vergiftet wurde.“

„Vergiftet“, flüsterte ich, als es plötzlich läutete.

Ich eilte an die Haustür.

„Moin!“

„Moin, Paul. Komm rein. Was …?“

Paul Puls schwankte an mir vorbei in die Küche. Er war weißer als die Großsegel der Gorch Fock. Kraftlos ließ er sich auf einen der Küchenstühle fallen. „Ich bin im Arsch!“

„Hä?“

„Ich hatte auch was mit Monika. Wenn die Polizei jetzt deren Leben umkrempelt, kommt alles raus. Anita macht mir die Hölle heiß.“

Ich war ehrlich entsetzt. Paul auch? Ich schnalzte mit der Zunge. Tja, so was musste man sich vorher überlegen. Oder gut planen. Ich musste an meine Marlies denken. „Paul, ich fass es nicht. Wieso fängst du was mit Monika an?“

„Du kennst doch meine Anita.“

Allerdings. Anita stammte aus der gleichen Baureihe wie Scholle.

„Abwarten, Paul. Vielleicht müssen die gar nicht lange ermitteln und finden den Täter schnell. Dann wühlen die nirgendwo drin rum, und du bist aus dem Schneider.“

„Oder soll ich reinen Tisch machen?“

Ich schüttelte heftig den Kopf. Die kräftige Anita konnte einem mit ihrer behaarten Hand verheerendere Verletzungen zufügen als eine Entgrätungsmaschine. „Auf keinen Fall!“

Zwei Klare später ging es Paul besser. Er liebte seine Anita mehr denn je. Ich konnte ihm gerade noch ausreden, ihr spontan einen Strauß roter Rosen zu kaufen. Eine Handlung, die an verräterischer Dämlichkeit nicht zu über­bieten gewesen wäre.

Dann fuhr draußen ein Auto in unsere Auffahrt.

„Das ist Marlies“, erklärte ich. „Kommt vom Einkaufen.“

Hastig sprang Paul auf. „Ich geh. Ich könnte ihr nicht in die Augen sehen, nachdem …“

Ich nickte, geleitete ihn zum Ausgang, sah ihm hinterher und hielt meiner Gattin die Tür auf.

„War das Paul?“, fragte sie und wuchtete schwungvoll ihre Einkäufe auf die Anrichte.

„Er hatte noch eine Frage. Wegen vorgestern. Beim Skat.“

„Der sah blass aus. Wenn sich da mal nicht ein schlechtes Gewissen bemerkbar gemacht hat.“

„Was?“, fragte ich entsetzt.

„Wegen der toten Monika Hörsten. Du hast mir das doch alles erzählt, als du vorgestern vom Skatabend nach Hause gekommen bist.“

Scheiß Schnaps, dachte ich. „Äh …“

„Im ganzen Dorf hörst du nichts anderes, als dass die Hörsten mit fast jedem Kerl aus dem Ort was gehabt hat.“

„Gerede.“

„Wo Rauch ist, Hase, da ist auch Feuer. Kommt aus Rendsburg hierher zurück und macht die Männer strubbelig. Wenn der Paul was mit ihr hatte, dann wird seine Anita das rauskriegen und ihm den Kopf abreißen.“

„Wenn sie es rauskriegt.“

„Wenn?“ Marlies lachte. „Frauen kriegen so was immer raus! Ich muss noch mal schnell weg, Hase. Bis später!“

Sagte sie und entschwand mit einem frechen Augenzwinkern. Ich sah ihr hinterher, wie sie unser Auto startete und davonbrauste. Ich ließ mich an den Tisch sinken. Frauen kriegten alles raus? Ich strich mir nachdenklich durchs Haar.

In diesem Moment schepperte das Telefon.

„Ja?“

„Hast du das in der Zeitung gelesen?“

„Äh, ja.“

„Ich kenne den Mörder“, flüsterte Pit Brammer. „Ich weiß, wer Monika Hörsten umgebracht hat.“

 

Ich räumte rasch Marlies’ Einkauf in die Schränke, schwang mich auf den Drahtesel und radelte los. Autofahren darf ich nicht mehr: die Gummihand. Eine knappe halbe Stunde später bog ich mit meinem Fahrrad in die Fliederstraße. Ich bremste hart ab. Rot-weißes Flatterband sperrte die Straße.

„Was ist denn hier los?“

Schorsch Drage löste sich von einem Kollegen und kam mit großen Schritten auf mich zu, das Gesicht in einer Farbe, wie ich sie sonst nur von Paul Puls kannte.

„Scheiße“, wisperte er. „Der Pit ist tot.“

Fast wäre ich mit dem Fahrrad umgekippt. „Was?“

„Unfallflucht. Soll ein weißer Kastenwagen gewesen sein. Das Schwein kriegen wir!“

Ich schluckte. „Das war doch keine Unfallflucht, Schorsch.“

„Was denn sonst?“, fragte der Sheriff mit lauerndem Blick.

Kurz überlegte ich, Schorsch von Pits letztem Anruf zu erzählen. Ich zögerte. Und fragte mich, warum ich es schließlich nicht tat. Die Antwort erschreckte mich.

„Was hast du?“, fragte Schorsch leise.

Ich kniff die Augen zusammen. „So wie Pit dich neulich in der Alten Ziegelei angeguckt hat … Du hast auch was mit der Monika gehabt!“

„Was soll das denn jetzt? Bist du bekloppt?“

„Hast du?“

Schorsch blickte über die Schulter zurück und wechselte das Standbein. „Alle haben was mit der gehabt.“

„Du glaubst doch nicht im Ernst, dass die beiden Unglücksfälle nichts miteinander zu tun haben? Wann ist hier das letzte Mal einer ums Leben gekommen? Hier stirbt doch keiner! Und jetzt zwei hintereinander?“

„Red keinen Unsinn!“

„Im ganzen Ort besitzt doch niemand einen weißen Kastenwagen.“

„Wir sind hier in Remmels doch nicht eingemauert.“

„Das war der weiße Kastenwagen, der vorgestern Nacht in der Autowerkstatt geklaut worden ist, wo die Unter­lagen jetzt weg sind, die einen Hinweis auf Monikas Mörder gegeben hätten. Und jetzt wird mit einem weißen 
Kastenwagen der Pit umgefahren.“

Weil ich ganz genau hinguckte, erkannte ich in Schorsch Drages Blick ein verräterisches Flackern.

„Ich muss wieder an die Arbeit. Tratsch kein dummes Zeug rum!“

„Auf keinen Fall“, rief ich ihm hinterher, weil ich ahnte, dass Pit Brammers loses Mundwerk etwas mit seinem Tod zu tun hatte.

 

Was war zwischen vorgestern Abend und heute Vormittag passiert? Welche Informationen hatte Pit Brammer verknüpft? Welche Informationen hatte der Täter verknüpft?

Ich steuerte die Post an.

Gerda Winkelzopf stand mit verheulten Augen hinterm Schalter. „Hast du das auch schon gehört? Ob das stimmt? Der Pit Brammer ist tot? Ich glaub, ich mach gleich zu.“

Ich beugte mich über den Schalter. „Gerda, du musst mir einen Gefallen tun.“

„Einen Gefallen?“

„Genau genommen tust’ dem Pit den Gefallen.“

„Dem Pit?“, schluchzte Gerda.

Ich beugte mich weiter nach vorne. Zur Not würde ich zu ihr in den Postschalter kriechen. „Gerda, ich muss wissen, wem der Pit in den vergangenen Tagen Päckchen angeliefert hat.“

„Das darf ich dir doch nicht sagen.“

„Dürfen vielleicht nicht, aber ich muss das wissen.“

„Das ist Postgeheimnis.“

„Wenn du es mir sagst, ist es ja kein Geheimnis mehr.“

Sie zog die Augenbrauen zusammen. „Ich komme in 
Teufels Küche.“

„Auch in des Teufels Küche wird nur mit Wasser gekocht. Das erfährt doch keiner. Gib dir einen Stoß. Für Pit!“

Ich gebe es an dieser Stelle zu: Das war mies. Aber es funktionierte.

Gerda griff unter die Theke und legte ein schwarzes Buch auf den Tresen. „Ich bin eben nach hinten.“

Ich wartete, bis Gerda aus dem Raum war, und klappte es auf. Schnell fuhr meine Gummihand über die Zeilen. Auf der letzten Seite, fast ganz am Ende, bremste die Hand quietschend in den Stand.

„Verdammt.“

Mit zittrigen Fingern klappte ich das dicke Buch wieder zu und verließ grußlos und mit weichen Knien schwankend das Postamt.

 

Scholle Harmsen schloss ich als Verdächtigen aus.

Ich ging davon aus, dass der Täter eine Frau ermordet hatte, in Itzehoe in eine Firma eingebrochen war, um Spuren zu beseitigen und einen Kastenwagen zu klauen. Ein gewiefter Täter, der dann das Erfordernis erkannt hatte, einen Zeugen martialisch zu beseitigen. Das waren für Scholle eindeutig zu viele, voneinander unabhängige Denkleistungen. Gewieft und Scholle passten nicht zusammen.

Paul Puls traute ich die Tat nicht zu.

Werner Strohdiek, der Wirt, hatte kein Motiv. Werner war so typisch Norden, der hatte nie ein Motiv.

Blieben nur zwei übrig, die an dem denkwürdigen Abend in der Alten Ziegelei dabei waren, als Pit Brammer sich trottelig ums Leben gequasselt hatte.

Und in Gerdas Liste war ich ja auch fündig geworden.

 

Schorsch Drage war sichtlich angeschlagen. Und genervt. Trotzdem ließ er mich ein. „Was willst du? Ich hab Feierabend!“

„Geht schnell.“

„Sagt deine Frau auch immer“, knurrte der Polizist, der zur Uniformhose ein weißes Feinrippunterhemd trug.

„Es geht um Monika.“

Drage ließ sich müde in einen Stuhl fallen. „Kommst du wieder mit deiner Verschwörungstheorie? Dann kannst du dich gleich wieder verabschieden.“

Ich schnaufte. „Das ist inzwischen mehr als eine Theorie, Schorsch. In der Alten Ziegelei hat Pit Brammer erzählt, dass er nicht nur regelmäßig die Post liest, sondern wusste, mit wem Monika alles ein Verhältnis hatte.“

„Das waren ja nun einige. Und ja, ich geb zu, ich hatte auch was mit der. Aber das macht mich noch nicht zum Mörder. Und ein Mordmotiv hatte ja wohl eher einer, der nichts mit ihr hatte. Aus Neid!“

Ich stutzte. Interessanter Punkt. Aber natürlich eine Blendgranate. „Alle waren überrascht, als Paul Puls mit dem Ansatz kam, dass die Unterlagen zum Leihwagen den Täter verraten würden. Daran hatte der Täter nicht gedacht.“

„Vielleicht war es sein erster Mord“, versuchte es Schorsch diesmal witzig.

„Noch in der gleichen Nacht hat der Täter jedoch plötzlich seinen Fehler korrigiert, indem er in Itzehoe eingebrochen ist, den Computer mit den Unterlagen geklaut und einen weißen Kastenwagen entwendet hat.“

„Weiter“, flüsterte Drage.

„Als Pit am nächsten Morgen liest, dass Monika vergiftet wurde, fällt ihm ein Päckchen ein, das er ausgeliefert hat und das ihm jetzt verdächtig vorkommt. Möglicherweise wegen des Absenders, was weiß ich? Er erinnert sich an sein argloses Gequassel beim Werner und fürchtet, dass der Täter und Empfänger dieses Päckchens jetzt ihn in den Fokus nehmen würde. Pit rief mich an, um mir mitzuteilen, dass er den Mörder kennt.“

Drage sprang auf. „Was?“

„Aber bevor ich mit meinem Fahrrad bei ihm war, hatte der Täter ihn mit dem Kleintransporter überfahren, den er eigens zu diesem Zweck gestohlen und inzwischen bestimmt schon spurenfrei irgendwo abgestellt hat.“

Drage ballte seine Fäuste, die Ader an seiner Schläfe pochte. „Das hättest du mir sofort erzählen müssen!“

Ich trat vorsichtig einen Schritt zurück. „Mach keine Dummheiten, Schorsch! Du kannst nicht noch jemanden umbringen! Es muss Schluss sein!“

„Du verdächtigst mich? Pit hat dir nicht ausdrücklich, namentlich, gesagt, wer der Mörder ist?“

„Aber bei Gerda in der Post gab es eine Liste. Du hast vorgestern ein Päckchen bekommen.“

Schorschs Augen waren nurmehr Schlitze. Entsetzt fiel mir plötzlich auf, dass im Gürtelholster seiner Uniformhose die Dienstwaffe steckte.

„Dich hat der Brammer angerufen?“, fragte Drage. „Dieser Trottel! Und du, du bist auch einer!“

 

Marlies erwartete mich zu Hause und hatte mir eine Tasse mit Tee zubereitet, der nun in meinen Fingern wohlig dampfte.

„Du siehst müde aus, Hase.“

Ich ließ mich an den Tisch sinken. „Der Fall ist aufgeklärt. Genau genommen sind beide Fälle aufgeklärt.“

„Ach?“

„Was war in dem Paket, das neulich für dich mit der Post gekommen ist?“

„Ich habe kein Paket bekommen. Trink, Hase, dann geht es dir besser.“

Ich hob die Tasse an die Lippen. Fast. Ich ließ den Tee sinken. „Besser? Das glaube ich nicht. Und du hast ein Paket bekommen. Du stehst ganz unten auf einer Paket-Aus­liefer-Liste. Du hast gesagt, jede Frau merkt, wenn ihr Mann sie betrügt. Ich habe mich auch mit Monika Hörsten getroffen.“ Meine Stimme wurde leise. „Du bist nicht wie Pauls Anita kräftig genug, mir den Kopf vom Rumpf zu reißen. Du benutzt Gift, um zu töten. Oder einen weißen Kastenwagen.“

„Sie kam. Und machte alles kaputt. Nahm sich, was mir gehörte.“

„Wie konntest du nur?“

„Ich musste sie töten, sie hätte nie aufgehört. Um Pit tat es mir leid, aber er wusste zu viel. Nicht ich, sondern seine verdammte Neugier hat ihn umgebracht.“

Mein Blick fiel auf die Tasse in meiner Hand. „Und warum ich?“

„Weil du mir … nicht mehr gehörst.“

Blitzschnell griff sie nach der Tasse, aber ich zog sie weg und schleuderte die vergiftete Plörre an die Küchenwand.

Jedes Wort, das ich jetzt sprach, schmeckte bitterer, als es der Tee jemals hätte tun können.

„Es ist vorbei. Schorsch und seine Kollegen stehen draußen vor der Tür.“

 

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