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Krimi nordica award : „Die Boje“ von Kerstin Brichzin

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Büsum, 30. April

Liebste Imke,

ich mag das glucksende Geräusch, wenn die erste Welle der einsetzenden Flut über den Wattschlamm Richtung Ufer rollt. Noch ist es nicht so weit. Ich werde die Zeit nutzen, dir das hier zu erklären.

Wo fange ich an? Am besten mit dem Tag, als diese Frau unsere Polizeistation betrat …

Meine Imke, du teiltest frischen Kaffee aus, und Tinus erzählte wie so oft mit Händen und Füßen einen seiner Witze. Wir lachten gerade aus vollem Halse, als sie zerzaust und mit zerrissenen Klamotten einfach vor uns stand. An den Oberarmen prangten Spuren von Männerhänden.

Ich kann nicht mehr, ich halte das nicht mehr aus, er ist immerzu hinter mir her, ich weiß nicht mehr, was ich machen soll … waren ihre Worte, herausgepresst zwischen Schluchzen und Tränen.

Da gab’s nichts mehr zu lachen, wir lachten nie wieder so herzlich. Unsicher reichte ich ihr meinen frischen Kaffeepott. Heute weiß ich, das war der Fehler. Von da an saugten sich ihre Augen an mir fest.

Ein Frösteln kroch meinen Rücken herunter, wenn sich unsere Blicke trafen, während sie ihre Aussage machte. Ich schämte mich dafür, wurde rot, keine Ahnung warum. Eine Vorahnung?

Wir nahmen ihre Anzeige auf, besser gesagt, sie bestimmte mich dazu und dich, Imke, sie hatte die kleine Berührung unserer Finger bemerkt.

Leif A. stalkte sie also seit Wochen aus verschmähter Liebe, bis er ihr während eines missglückten Vergewaltigungsversuchs ins Ohr gezischt haben soll, wenn ich dich nicht haben kann, dann keiner.

Sie gab alles, also holten Tinus und Henk den Herrn A. aufs Revier.

Leif A., ihr ehemaliger Chef, saß dann im Verhörraum Nr. 2, den Kopf auf die Hände gestützt. Sein Hemd war zerrissen, das Gesicht zerkratzt und die Augen verquollen. Alles passte. Wir waren schnell mit ihm fertig, obwohl er beteuerte, dass sie die Stalkerin sei. Seine Frau habe ihn verlassen, weil er die getragenen Slips und die anderen platzierten Utensilien von dieser Irren, wie er sie nannte, nie schnell genug beseitigen konnte.

Wir schauten uns an, verhinderten das verächtliche Schmunzeln erst im letzten Moment. Wie fatal.

Am nächsten Tag schon, wir gingen wie jeden Dienstag in der Mittagspause auf den Wochenmarkt, fühlte ich es im Nacken. Du hast mich gefragt, warum ich mich andauernd umdrehen würde.

Keine Ahnung, da ist was, meinte ich.

Lachend hast du dich um die eigene Achse gedreht, den Kopf geschüttelt, mich einen „Kneepmaker“ genannt.

Sie war uns nachgegangen, vom Revier auf der Hafen­insel bis zum Parkplatz Lehnsweg, beobachtete, welche Sachen wir für gemeinsame Kochabende kauften. Wir führten sie sogar zu unserem kleinen Reich in der Moltkestraße, wo wir übermütig den Einkauf verstauten.

Drei Tage später setzte sie sich zu mir an den Tisch im Café Küpper. Sie tat überrascht, mich dort anzutreffen. Sie griff nach meinem Dithmarscher, kippte es hinunter, strich mir über den Arm, als du zur Tür hereinkamst. Sie erzählte uns ein Leben, irgendeins, nicht ihres. Vielleicht sieht man sich mal wieder, wäre doch schön.

Nein, wäre es nicht, sagte dein Blick.

Die Blumen, am Abend, in der Vase vor der Wohnungstür … ich erkannte sie wieder, nahm deinen langen Kuss auf und fühlte mich schlecht. Warum habe ich dir nichts erzählt? Es war nach Dienstschluss. Ich wollte nur noch zu dir, mich an dich kuscheln, dich riechen, da stand sie plötzlich neben mir, den Arm voller Rosen.

Sie strahlte, wollte mir danken für die Hilfe im Revier, für die Zeit, die ich mir bei Küppers für sie genommen hätte, um ihr zuzuhören … Sie würde sich wohlfühlen in meiner Nähe.

Ich schüttelte den Kopf, murmelte was von Pflicht und Arbeit, schob sie beiseite, rannte weg mit brennendem Magen.

Sie stellte die Blumen vor unsere Wohnung mit dem Zettel dran: In Liebe …

Und dann kamen die beiden Wochen, als du zum Lehrgang in Flensburg warst. Ich traf sie auf dem Wochenmarkt, hatte ich doch versprochen, mich gesund zu ernähren. Sie tat so, als wäre sie gestoßen worden, als sie mir die Papiertüten mit dem Grünzeug aus der Hand schlug. Was ich auch sagte, sie wollte einfach nicht gehen. Also trug sie mir die Kartoffeln nach Hause.

Schön habt ihr’s, könnte mir gefallen.

Danke, nun bitte raus.

Nicht so schnell, einen Kaffee vielleicht? Wir wären doch mehr als Freunde, meinte sie noch und platzierte ihre Handtasche mit dem fingerdicken Loch auf dem Sideboard gegenüber dem Sofa.

Als ich aus der Küche kam, rekelte sie sich in knallroter Unterwäsche auf der Couch.

Sie zerriss mein Hemd, befingerte meinen Rücken, meinen Hintern … Ich packte ihre Schultern, sie wand sich heraus. Ich suchte ihre Hände. Sie ließ sie mich fangen, um meine Finger an sich zu pressen, daran zu lecken, zu küssen. Wie wild du doch bist, ich liebe das, wie unsere vergangene Nacht!

Ich stieß sie beiseite, raffte ihre Sachen, auch die Tasche, warf alles hinaus, vor die Tür. Das wirst du büßen! Sie lachte. Hab mich abgesichert, du wirst schon sehen!

Von da an war sie überall, auch in meinem Handy. Danke für den wunderschönen Abend … Zauberhaft, wie deine Zunge über meinen Rücken streicht … Ups, mein Höschen muss noch bei dir liegen …

Ich suchte die ganze Wohnung ab, fand eins zwischen den Matratzen. Das rote in der Sofaritze fand ich nicht. Auch das Duschbad war nicht deins.

Sie schickte mir eine Mail. Schau doch, mein Schatz, welche Leidenschaft uns verbindet. Du willst mich, ich weiß es! Ein Videoclip: wir vorm Sofa, ich von hinten, ihre Hände überall, meine darüber – sie mit gespreizten Beinen in unserem zerwühlten Bett, so als würde sie mich anmachen.

Unser dritter Wohnungsschlüssel fehlte. Seit wann? Ich bestellte den Schlüsseldienst.

Ich kenne deine Kollegen. Bestimmt werden sie sich freuen, dass es mir so gut geht mit dir. Mögen sie Filmchen?

Tinus und Henk richteten Grüße von ihr aus, beinahe jeden Tag. Ich fing schon an zu schwitzen, wenn ich nur das Revier betrat. Die Jungs runzelten die Stirn: Pass auf, Imke ist eine von uns! Nicht doch, meinte ich, das ist nicht so, wie ihr denkt. Diese Frau ist aufdringlich, mehr nicht. Ich liebe Imke!

Mein Handy lag neben dem Kaffeepott, es vibrierte kurz, eine Nachricht von dir? Heute Abend 22 Uhr am Leuchtturm, ich bin so heiß.

Tinus und Henk grinsten über meine roten Ohren, meinen offenen Mund, klatschten mir auf die Schulter. Pass auf dich auf, Alter. Die Weiber bringen uns um den Verstand.

Ich suchte ihre Akte, fand die Adresse von Leif A. Er lachte seltsam, als ich vor ihm stand. Schau dich um, sagte er unter Tränen und schwenkte eine Flasche Wein. Mein Leben ist im Arsch. Geschäft futsch, Frau futsch, angeklagt wegen Stalking und Körperverletzung. Hab ’nen guten Anwalt. Hier, seine Karte. Sie ist noch nicht fertig mit dir, mein Freund, mach’s besser als ich.

Warum bin ich nicht zu diesem Anwalt gegangen? Vielleicht hätte ich uns retten können.

Aber ich wollte es selber klären.

ICH, ein guter Bulle, Freund und Helfer bei der Wasserschutzpolizei, schaffe das Problem doch alleine aus der Welt!

Leuchtturm, Südstrand, 22 Uhr, ich sah sie schon von Weitem. Hab mich schön gemacht, für dich!

Hände weg von meiner Hose, zischte ich und ging einfach los, dachte immerzu an ein klärendes Gespräch. Schweigend liefen wir am Südstrand entlang, bis vor an die Spitze zum roten Leuchtfeuer der Hafeneinfahrt.

Lauer Wind streifte über das bleigraue Watt. So ein Abend mit dir, Imke, hätte schön sein können…

Was willst du von mir? fragte ich sie.

Dich, ich will dich, du gehörst mir für immer!

Ich schob sie derb beiseite und drehte mich weg.

Ich wollte Tinus anrufen, alles beenden und suchte in meiner Jacke nach meinem Handy.

Da zog sie diesen Gummiknüppel, schlug auf sich ein, überall hin – immer wieder und schrie: Hör auf, ich will nicht mehr, verschwinde! Blut rann über ihre Stirn, beschmierte meine Arme, mein Hemd, tropfte auf meine Jeans, als ich ihr das Ding aus der Hand nehmen wollte.

Wie aus dem Nichts kamen Leute gerannt … Warum jetzt, warum so spät? Männerarme hielten mich fest, nahmen mir das Tatwerkzeug weg, zwangen mich zu Boden.

Tut mir leid, Freund, es muss sein. Tinus nahm meine Sachen, nahm alle Spuren mit, auch ein Stäbchen mit Spucke. Kollegen fanden mein Handy am Tatort und eine zweite Karte, Prepaid, in der Arschtasche meiner Jeans. Der Videoclip auf unserem Laptop sagte viel, die Prepaidkarte mit ihren liebestollen Nachrichten an sich selber noch mehr.

Eine Nacht in der Zelle, weitere in Untersuchungshaft. Suspendiert ab sofort … bis?

Ich bin’s, Sven, euer Kollege! Sie lügt, schaut nach der Akte: Leif A.!

Haben wir, du aber auch. Hier, dein Sperma, eingetrocknet auf dem roten Slip vom Sofa, nebst ihrer DNA, du Wichser. Tinus schmiss die Tüte mit dem Beweisstück auf die Tischplatte im Verhörraum Nr. 2. Sie rutschte auf mich zu, wie ein Puck ins Tor.

Unser Müll! Das Kondom der letzten Nacht vor deinem Lehrgang! Ich hatte sie wühlen gesehen. Sie lachte, hielt etwas hoch, bevor sie in ihr Auto stieg. Warum habe ich sie nicht aufgehalten?

Dumm gelaufen, meinte Tinus, ich sag’s dir ja nur. Alles Weitere – der Staatsanwalt, du weißt.

Anklage: Stalking mit Körperverletzung. Ich durfte vorerst raus, genauso wie Leif A.

Die Wohnung war leer ohne dich. Du wärst erst mal zu deiner Freundin gezogen, stand auf dem Zettel. Und was von Abstand, Vertrauen und Klarheit.

Ohne mit mir zu reden, dachte ich. Hatte ich mit dir geredet? Ich hatte ihn verdient, deinen Abstand.

Gestern besuchte mich dann mein Anwalt. Er sprach von exakt identischem Ablauf wie bei Leif A. Die Akte hätte ich ja selber angelegt und später illegal abgerufen, vielleicht um mich zu informieren? Ein Opfer, ein zweites Opfer? Ob ich mit Leif A. gemeinsame Sache machen würde, um ihn und mich reinzuwaschen? Der Besuch bei ihm – eine Absprache?

Dieser Anwalt faselte was von Anklageschrift, wo das und noch viel mehr drin stünde. Ich solle das wissen, wegen meiner Verteidigung. Er streckte seine Beine unter unseren Tisch, trank unseren Kaffee und zitierte weiter ihre Aussagen, ein Sammelsurium von Lügen.

Ich schmiss ihn raus.

Heute, gegen Mittag, stieg ich in meinen kleinen Ford und fuhr ziellos umher. Ich musste mal raus, den Kopf freikriegen. Hatte Zeit, viel Zeit.

Irgendwann nahm ich die Deichhausener Straße und bog in den Rotdornring ein, stand vor ihrem Haus. Bald kam sie, in schwarzen Jeans, mit Lederjacke 
und Sonnenbrille. Von der Kopfverletzung war nur noch das Pflaster zu sehen. Sie hatte genäht werden müssen.

Dann ging alles schnell. Sie war neben mir. Ich stieg aus, kurzer gezielter Griff an die Halsschlagader, bis ihre Beine versagten. Ich fing sie auf, legte sie in den Kofferraum. Klappe zu. Fertig.

Mir war klar, dass sie hinten bald Rabatz machen würde, also fuhr ich drauflos, erst mal weg.

Ich überlegte, was ich ihr zu sagen hatte. Auf keinen Fall brauchte ich Publikum. Sie musste gestehen, alles aufs Handy sprechen! Ich wollte dich, Imke, und mein Leben zurück – eine Stunde Null!

Ich rauschte durch Stinteck, am Windpark vorbei Richtung Hedwigenkoog. Unser Priel! Da waren wir doch so oft mit den Rädern. Genau da könnte ich es machen. Ich bog nach links ab, fuhr die kleinen Wege bis direkt ans menschenleere Watt.

Als ich den Motor abstellte, hörte ich sie poltern und kreischen. Ich öffnete den Kofferraum, langte nach ihr, zerrte sie raus, stellte sie auf die Füße, brüllte sie an, stieß sie nach hinten. Sie knallte mit dem Rücken gegen das Auto. Endlich schwieg sie.

Hör mir zu! Ich nehme jetzt mein Handy, und du gestehst, was du getan hast. Alles! Wenn du anfängst zu lügen, lege ich dich wieder schlafen. Das können wir lange machen, so lange, bis du entweder fertig bist mit deiner Aussage oder ich zu lange zugedrückt habe, kapiert? ICH habe nichts mehr zu verlieren, und du?

Sie schaute sich um, wie ein gehetzter Hund. Da sah sie einen armdicken Knüppel zwischen den Algen im Sand. Filme doch, du Schwein! Deine Leute werden staunen, was sie zu sehen bekommen! Hysterisches Lachen.

Wollte sie etwa wieder auf sich einschlagen? Hoffnung flammte auf, auch das hätte ich filmen können. Ich tippte auf dem Display herum, plötzlich Dunkelheit … der Akku! Ich schnappte nach Luft, alles in mir schrie!

Da hörte ich ein Klatschen, der erste Schlag, erneut gegen die Stirn. Auch hier kommen Leute vorbei, wirst sehen, und dann …

Ich fühlte, wie das Adrenalin durch meinen Körper schoss und die Gedanken lähmte. Ich riss ihr mit beiden Händen den Stock aus der Hand, holte weit aus und schlug zu, einmal nur. Ihre Kehle riss auf, Blut sprudelte in alle Richtungen, ihr Kopf klappte knirschend nach hinten. Vorbei, alles.

Seltsam, Imke, ich war so ruhig, beinahe glücklich, auf jeden Fall leer, als ich auf das Wattenmeer starrte. Ich kann mich nur noch an viele Möwen erinnern, aber gehört habe ich sie nicht.

Wie lange ich dagesessen habe, weiß ich nicht mehr. Aber eines wurde mir klar: So wollte ich nicht gefunden werden. Da entdeckte ich weit draußen unsere Boje.

Ich sprang auf, nahm das Abschleppseil aus dem Kofferraum, das kleine Büchlein und die Bleistifte aus dem Handschuhfach. Du weißt ja, ein Polizist hat immer was zu schreiben und eine Plastiktüte mit Zippverschluss dabei. Die alte kugelsichere Weste meines Vaters legte ich mir um, die sollte mir später behilflich sein.

Ich rollte ihren Körper ein Stück beiseite und bedeckte ihre helle blasige Blutlache so gut es ging mit Sand. Meine Schuhe stellte ich vor das Gaspedal und legte die Socken daneben. Den Zündschlüssel warf ich auf den Fahrersitz, verriegelte die Tür und schlug sie zu.

Sie war leichter als erwartet, Vaters Weste wog schwerer auf der Brust. Das Abschleppseil klatschte gegen meine Hüfte beim Gehen. Gut, dass Ebbe war. Ich schaute auf die Uhr, nicht mehr lange.

Tief sog ich die modrig salzige Luft in die Lungen. Mein Blick suchte Kutter in der Ferne. Als Kind wollte ich mit ihnen weg, immer weiter, hinter den Horizont.

An der Boje angekommen, ließ ich sie fallen. Das eine Ende des Abschleppseils schlang ich um ihren Oberkörper, drehte sie auf den Rücken und zurrte es mit einem Palstek fest.

Das andere Ende fädelte ich zweimal durch die Öse der Bodenverankerung der Boje, dann um meine Füße.

Nun hatte ich Zeit, bis die Flut kommen würde, Zeit für diesen Brief.

Sie ist da, Imke. Ich kann kaum noch schreiben, die Strömung wird zu stark, sie zieht sie und mich Richtung Land. Hoffentlich habe ich noch die Kraft, das Buch in die Zipptüte und hinter Vaters Weste zu stecken. Ich fühle, wie sie mich bereits nach unten zieht …

Ich liebe dich! Dein Sven

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