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KRIMI NORDICA AWARD 2015 : „Das graue Herz der Stör“ von Ricarda Oertel

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Du musst dich beeilen. Nicht mehr lange, und das Kind wird die Einfahrt hinaufrennen, zum Haus springen, klingeln. Fragen, was es zu essen gibt, wann Mama wiederkommt.

Es darf dich hier nicht entdecken, hinter dem Gartenschuppen am Knick, im Schatten der Eiche. Darf den verdreckten Spaten nicht sehen, der mit jedem Hieb schwerer in der schwieligen Hand liegt. Das Erdloch muss tief sein.

Du wirst versenken, was Liebe hätte sein können. Lebenslang, während der Frühling die letzten braunen Blätter des Vorjahrs vom Baum lockt und die Forsythie kurz davor steht, ihr grelles Gelb hinauszusprengen. Du hältst inne. Aus den scheinbar toten Ästen des Weißdorns sprießen braun geäderte Knospen. Braun wie getrocknetes Blut.

Mach weiter! Du musst es schnell zu Ende bringen, jetzt, am helllichten Tag. Nachts zu graben wäre verdächtig.

Du schaffst es vor der Zeit.

Schweiß rinnt dir den Rücken hinab. Dort, wo der Schmerz sticht.

Den Findling hast du an der Stör gefunden, als das Hochwasser sich wieder ins Flussbett fügte. Wie ein zurückgelassenes Herz lag der Stein vor dir am schlammigen Ufer. Du hast ihn aufgehoben. Nun weißt du, wofür.

Du setzt ihn auf das Grab. Keine Blumen. Keine weiteren Spuren.

Du führst die Hand an die feuchte Stirn. Dir schwindelt, dein Magen krampft. Der Wind weht Stimmen von Kindern der Tagesstätte herbei. Sie klingen wie die heiseren Rufe der Möwen, wenn sie am Ufer der Nordsee in Scharen über den Köpfen kreisen und ein Schicksal beschreien, das niemand versteht.

„Papa!“

Du siehst das Kind die Granitstufen zur Haustür hinaufhüpfen, vorbei an dem Klingelschild aus Ton, auf dem euer Name steht. Familie Johannsen.

„Ich bin wieder da!“

Wieder da. Der unverdiente Trost dieser Worte ist bodenlos.

Du begrüßt das Kind, es wirft seinen bunten Schulranzen in die Flurecke, die Trinkflasche gluckert.

„Heute haben wir nur Deutsch auf!“ Schuhe wirbeln durch die Luft. „Darf Nele zum Spielen kommen?“

Deine Tochter läuft in die Küche, lugt in die Pfanne. „Schon wieder Pfannkuchen? Mama sagt immer, Pfannkuchen sind kein richtiges Mittagessen.“

„Ich weiß. Aber Mama ist ja nicht da.“

„Wie lange bleibt sie denn noch weg?“ Sie verzieht den Mund. „Darf ich den Pfannkuchen mit Nutella? Ich mag doch kein Apfelmus.“

„Wir werden sehen. Geh dir Hände waschen.“

„Das musst du auch, Papa. Guck mal, deine Nägel sind ganz schwarz!“ Sie lacht dich aus.

„Ja. Ich habe im Garten gearbeitet.“

Das Kind wird wieder fragen. Wieder und wieder. Mach dir nichts vor. Es wird Erklärungen fordern, die du ihm nicht geben kannst.

Die Leute im Dorf sind auch neugierig.

„Is din Fru futsch?“ – „Wo is se denn hen?“ Fragen, über den Gartenzaun geworfen. „Kopp hooch, min Jung! De kamt all wedder.“

All up stee, sagst du. Alles in Ordnung.

Sie wird nicht zurückkommen. Du bist der Einzige, der es weiß. Sie kümmern dich nicht, die Klugschnacker. Wer wird schon nach ihr suchen. Nur zu Hause wird man sie vermissen.

Vielleicht hat das Kind kein Zeitgefühl. Noch nicht. Wird sich an die Abwesenheit der Mutter gewöhnen, sie vergessen. Irgendwann werden alle Herzen stumm, stumm wie der Findling vom Ufer der Stör.

Du wirst das Kind allein großziehen. Es wird gehen, irgendwie. Wenn die Fragen eines Tages aufhören, Wunden zu schlagen.

Mit Fragen beginnt und endet alles. Nichts wäre passiert, wenn du nicht nachgebohrt, wenn du geschwiegen hättest.

Ewig schon hat deine Frau sich nicht anfassen lassen, war wie versteinert. Überfordert mit dem Kind, verschlossen.

Durststrecken hatte es öfter gegeben, aber diese dauerte nun fast ein Jahr. Ein Jahr ohne Lachen, ohne Nähe. Ohne Gespräche.
Du verfluchst den Drang, der dich überkommen hat, der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Ein zerstörerischer Sog, der dich wie aus einem Dämmerschlaf riss, als du den Schlüssel entdeckt hast. Nicht einmal versteckt war er. Er baumelte von ihrem Schlüsselbund, als sei er immer da gewesen, als sei nichts Ungewöhnliches an ihm.

Du hattest mit einem Hinweis gerechnet. Einem Foto oder einer SMS. Auf einen Schlüssel warst du nicht gefasst. Zu klein für eine Tür. Zu groß für ihre Schmuckschatulle.
Ein Postfach, Schließfach? Zum Postamt bist du gefahren, zu den Bahnhöfen in Kiel, Hamburg, hast den Schlüssel verglichen mit anderen. Er trug keine Nummer.

Das verdammte Ding ließ dir keine Ruh.

Schließlich hast du sie gefragt. Angeschrien hast du sie. Ihr den Schlüssel vor die Füße geschmettert, als sei er ein Schandfleck. Ein Mahnmal. Was es damit auf sich habe! Sie hat nicht einmal gelogen.

„Ein Koffer. Zu einem Koffer gehört er.“

Du hast nach Luft geschnappt. Weiter gedrängt.

„Was für ein Scheißkoffer?“, hast du gebrüllt. „Wo ist der?“

„Den Koffer gibt es nicht mehr. Du kannst den Schlüssel wegwerfen.“

Sie blieb ruhig, beinah starr. Ihr glasiger Blick verriet dir, dass es eine Tür gab, die noch verschlossen war, eine Tür zu einer zweiten Wirklichkeit, an der du keinen Anteil hast. In der du nicht vorhanden bist.

„Was war drin in dem Koffer? Wieso hast du den Schlüssel aufgehoben?“

„Keine Ahnung. Es war ein alter, zerschlissener Koffer. Ich hab ihn an den Sperrmüll gestellt.“ Sie hat das Glas Wein abgesetzt, dessen Stiel ihre Finger die ganze Zeit umkrallt hatten. Dann sah sie dir überraschend fest in die Augen. „Ich weiß nicht, warum du so ein Theater um einen ollen Kofferschlüssel machst.“

Schlafen ist sie gegangen. Du hast aufgegeben, warfst den Schlüssel in irgendeine Schublade. Wolltest daran glauben, dass du dich verrannt hast. Bis zu dem einen Tag.

„Darf Nele nun kommen, Papa? Du sagst gar nichts.“

Das Kind versenkt das Messer tief in die dunkelbraune Haselnussmasse und verschmiert die Klumpen auf dem Pfannkuchen.

„Ja, darf sie.“

„Kann sie ihren Hund mitbringen?“

„Nein.“

„Bitte, Papa. Er ist ganz brav! Ich hätte auch so gern einen.“

„Es gibt keinen Hund.“
„Du bist doof. Ich will, dass Mama wiederkommt. Sie mag Hunde.“

Du stehst auf. Der Schmerz schießt dir in den Rücken, will dich in die Knie zwingen. Du klammerst dich an die Kante des Küchentischs. Atme. Atme in den Rücken. Dahin, wo der Schmerz herkommt. Du kennst ihn schon. Er wird vergehen.

„Was hast du, Papa?“

Die Bilder werden auch vergehen. Der Geruch. Der Staub wird sich senken, der durch die Luft wirbelte, als deine Schritte die Holzdielen des Dachbodens zum Schwingen brachten. Als du Gegenstände verrückt hast, Decken gelüftet, Kartons geöffnet. Weil du auf der Suche warst nach dem Puppenhaus, das du herrichten wolltest. Für das Kind, um ihm eine Freude zu machen.

Da hast du ihn entdeckt. Zwischen einem riesigen Schlumpf und der ausrangierten Lampe blickte dich der olle Koffer an. Unter mottenzerfressenen Altkleidern, die sie aufbewahrte, du wusstest nie, wofür. Der Koffer, den sie angeblich zum Sperrmüll gegeben hatte. Hätte sie es doch getan! Zwei Lederriemen waren dafür vorgesehen, die Fracht im Inneren zu behüten. Du hast die Riemen gelöst. Das rostige Schloss versprach dir Zutritt in die andere Welt deiner Frau. Die Welt der Hölle.

Du bist nach unten gegangen, hast den Schlüssel hervorgekramt. Bist wieder nach oben.

Mit zitternder Hand hast du ihn ins Schloss geschoben.

Er passte.

Der Koffer sperrte sein muffiges Maul mit einem Ächzen auf. Ein Tuch, geschnürt zu einem Bündel, lag vor dir. Du hast es herausgehoben. Gespürt, dass es etwas umhüllte, etwas Leichtes. Einen durchsichtigen Plastikbeutel, der dir aus den Händen fiel und mit einem leisen Geräusch zu Boden plumpste.

Zwei schiefe Augen starrten dich an. Leer. Aus dem eingeschrumpften, fleckigen Gesicht eines Säuglings.

„Nele ist da!“ Dein Kind trippelt durch den Flur, läuft hinaus, mit flatternden Haaren, der Freundin mit dem Hund entgegen. Du denkst an die Strähne, die feine, goldene Locke, die dem toten Kind an der verbeulten Stirn klebte. Hörst die Laute, die von tief unten aus deiner Brust drangen. Riechst noch die grauschwarze Fäulnis, die von der Babyleiche Besitz genommen hatte, von den winzigen Organen.

Dein Kind tollt im Garten herum, mit der Freundin. Der Hund springt bellend nebenher. Sie verschwinden hinter dem Schuppen, spielen am Knick. Du bleibst in ihrer Nähe. Es ist riskant mit dem Hund, du hast es nicht erlaubt, er könnte buddeln. Doch Neles Mutter ist schon fort.

„Schöön, so een Goorn för de Kinner!“

Wieder eine Nachbarstimme.

Ja, sagst du, ich wollte immer einen Garten für die Kinder.

Du kehrst dich ab, starrst an der Eiche, am Weißdorn vorbei, dem Weißdorn mit den blutgeäderten Knospen.

Noch weiden keine Kühe hinter dem Knick. Sonst würden auch sie den Kindern zusehen und mit ihren Kiefern unermüdlich das winterfade Gras zermalmen. Du spürst es körperlich, was sein könnte. Und niemals sein wird. Dieser Schmerz ist es, den du im Rücken fühlst wie einen Stich.

Du hast sie nicht ertragen, die Frau, die dir nichts erklären wollte. Nichts erklären konnte. Die zuerst log, sie habe es tot geboren, das zweite Kind. Dann gab sie es zu. Ein Kissen hat sie genommen und es ihm aufs Gesicht gedrückt. Sie sagte es sachlich, mit diesem glasigen Blick.

Das konntest du nicht aushalten. Du musstest es tun.

Der Hund bellt unaufhörlich.

„Guck mal, Papa, was wir gefunden haben!“ Dein Puls schnellt nach oben. Das Kind rennt zu dir, Erdklumpen fliegen mit jedem Schritt von seinen Schuhsohlen. „Einen Stein! Er sieht aus wie ein Herz. Ich schenk ihn dir!“

Dein Kind strahlt dich an, es legt den Stein in deine raue, zum Himmel geöffnete Hand, läuft wieder davon.

Ein graues, kleines Herz, das nicht schlägt.

Fortgejagt hast du die Mutter deines Kindes. Ihr gedroht, sie anzuzeigen, wenn sie sich noch einmal blicken lässt.

Sie ging still, mit wenigen Dingen. Flehte nicht, bat nicht, weinte nicht. Küsste nur stumm das Kind, das in seinem Bett schlief, und ging. Du weißt nicht, wohin.

Vielleicht gibt es tatsächlich einen anderen, vielleicht ist sie bei ihm, vielleicht bist du nicht der Vater, sondern er. Du kannst nicht mehr ergründen, was niemand versteht. Niemand je verstehen wird.

Du drehst den Findling in deiner Hand, reibst an der glatten, kühlen Fläche, bis sie sich wärmer anfühlt und deine Hand kälter.
Es ist besser, keine Spur zu legen.

Du nimmst ihn mit ins Haus, den kleinen Grabstein für das Baby. Das Herz vom Ufer der Stör, deren Wellen sich nach dem Hochwasser wieder in ihr graues Flussbett schmiegen. Sie plätschern vorbei am winterfaden Gras, vorbei am Haus mit dem tönernen Klingelschild, auf dem euer Name steht. Lebenslang.

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