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KRIMI NORDICA AWARD 2015 : „Christian und Andersen“ von Stefanie Viereck

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Am Tag vor den großen Ferien beging Olaf seinen ersten Mord. In unserer sonst so stillen Siedlung mit ihren gleichförmigen roten Backsteinhäusern, kurz geschorenen Rasenflächen und millimetergenau gestutzten Hecken herrschte nahezu ausgelassene Stimmung. Fenster und Türen standen offen, Scherzworte flogen hin und her, Väter polierten Motorhauben, montierten Dachgepäckträger, standen zuweilen in kleinen Gruppen beisammen und erörterten die Verkehrsprognosen für den nächsten Tag. Die Stimmen der Kinder klangen hell, der Himmel war höher und blauer als gewöhnlich, und nichts deutete auf ein Unheil hin.

Um sieben saßen wir beim Abendbrot, „ein leichtes Abendbrot“, wie mein Vater stets betonte, denn wie jeden Sommer wollten wir gleich am ersten Ferientag in den Schwarzwald aufbrechen. Mein Vater würde im graukörnigen Morgenlicht am Steuer sitzen, rechtschaffen und selbstzufrieden, und Mutter würde auf der Autobahn von plötzlichem Heimweh ergriffen werden und bis kurz vor Hannover lamentieren. Warum wir bloß fortmüssten, wo wir es zu Hause doch so schön hätten. Wir könnten Ausflüge machen, Radtouren, Bootsfahrten und Wattwanderungen, und abends im eigenen Bett schlafen. Wir bräuchten nicht unter der Hitze zu leiden, weil ständig ein frischer Wind ging, und im Übrigen sei ihr der Holsteiner Schinken ohnehin lieber als der Schwarzwälder.

Jetzt gab es Toast, Tomaten, Gurken und Quark. Wir machten uns hungrig darüber her, selbst Christian und Andersen drängten ihre winzigen Mäuler an die Wölbung des bauchigen Tulpenglases. Wie immer hatte mein Bruder Olaf das Glas mit den beiden Goldfischen vor sich auf den Tisch gestellt, obgleich mein Vater jedes Mal missbilligend die Brauen hob. Aber Mutter hatte es erlaubt, also sagte er nichts. An diesem Abend jedoch bemerkte er zufrieden: „Morgen werden wir ja zum Glück mal ohne diese Fischgesellschaft essen.“

Olaf sah ihn erschrocken an, schob seinen Teller beiseite und legte beide Arme um das Goldfischglas. Seit er Christian und Andersen im Februar zu seinem achten Geburtstag geschenkt bekommen hatte, schleppte er sie ständig mit sich herum oder hockte stundenlang vor dem bauchigen Glas, spitzte die Lippen und ahmte in stummer Zwiesprache das eilige Schnappen ihrer Mäuler nach.

Mit uns redete er noch weniger als früher. Er war ein dünner kleiner Bursche, still und scheu, hatte in der Schule keinen einzigen Freund und ging nur unter Androhung von Strafe zum Spielen nach draußen.

Mein Vater ließ ihn bei jeder Gelegenheit seine Verachtung spüren. Seinen Sohn hatte er sich anders vorgestellt, kraftvoll und draufgängerisch und als einen, der sich vor nichts und niemandem fürchtete. „Wir Männer“, hatte er schon gesagt, als Mutter schwanger gewesen war, und von künftigen Abenteuern mit seinem Sohn phantasiert. Die Möglichkeit einer zweiten Tochter hatte für ihn nicht existiert. Und dann, in Rendsburg in der Klinik, als man ihm den Winzling zeigte, der vierzehn Tage zu früh zur Welt gekommen war und kaum zwei Kilo wog, hatte er mit Bestimmtheit gesagt: „Das ist nicht mein Sohn.“

Jetzt schob mein Vater zwei Weißbrotscheiben in den Toaster, drückte den Hebel nach unten und lehnte sich zufrieden zurück. Olaf sah Hilfe suchend zu Mutter und ertappte sie dabei, wie sie meinem Vater mit Blicken und Gesten signalisierte, er solle um Himmels willen still sein. Dann blickte Olaf zu mir. Ich wusste längst, dass Mutter mit der alten Frau Haller vom Ende der Straße eine Vereinbarung getroffen hatte. Mutter würde das Gurkenglas mit dem gelochten Schraubdeckel, in dem Olaf die Fische transportieren wollte, im letzten Moment aus dem Kofferraum nehmen, während ich Olaf ablenken würde, und Frau Haller würde die Fische versorgen, bis wir wieder da wären. Als sein verzweifelter Blick mich traf, sah ich rasch weg. Mein Gesicht brannte.

„Ich fahr nicht mit“, sagte Olaf, zog die Fische näher zu sich heran und legte seine Wange an das Glas.

„Unsinn.“ Mein Vater schüttelte den Kopf. Die Toastscheiben sprangen hoch. Er fragte: „Wer möchte noch?“

„Ich fahr nicht mit“, wiederholte Olaf. Alle Sehnen in seinem kleinen Körper waren gespannt.

Mein Vater nahm eine der Toastscheiben heraus und bestrich sie mit Quark. Seine Kieferknochen traten hervor. Als Olaf zum dritten Mal sagte, er werde nicht mitfahren, legte mein Vater das Messer beiseite und erhob sich. Drohend trat er hinter Olafs Stuhl. „Und ob du mitfährst.“ Seine Stimme klang metallisch. Dann wünschte er uns eine gute Nacht und machte Anstalten, die Küche zu verlassen.

Danach ging alles sehr schnell. Noch ehe mein Vater zur Tür gelangt war, hatte Olaf Christian und Andersen mit bloßen Händen aus dem Glas gefischt und hielt die zappelnden kleinen Leiber an den Schwanzflossen fest. Er flitzte um den Tisch herum, warf sie in den leeren Schlitz des Toasters und drückte den Hebel nach unten.

Mutter schrie auf. Mein Vater kam zum Tisch zurück. Olaf stand da, ließ die Arme hängen und sah auf unheimliche Weise zufrieden aus. Ein abscheulicher Gestank verbreitete sich im Raum. Ich riss die Hintertür auf, rannte hinaus und meine Stimme hallte durch die Siedlung.

„Mörder! Mörder! Mörder!“


Als Olaf neunzehn Jahre später unseren Vater erschlug, sagte ich nichts. Ich stand dabei und sah zu, den Rücken an die Schuppenwand gepresst. Als es endlich vorbei war und das Röcheln geendet hatte, breitete Olaf eine alte Zeitung über den eingeschlagenen Schädel. Und dann, auf einmal kraftlos, warf er grob geschreddertes Holz auf den am Boden liegenden Körper, eine Handvoll nach der anderen. Ich wünschte, er würde damit aufhören. Erde zu Erde. Es war nicht richtig, geschreddertes Holz auf einen Toten zu werfen, aber vermutlich wusste Olaf nicht, was er sonst hätte tun sollen, und deshalb machte er einfach weiter.
Irgendwann schloss ich die Augen. In der Siedlung war es still bis auf das ferne Rumpeln der kürzlich errichteten Windräder. Die meisten Familien waren in die Ferien gefahren, und in der Stille klang das Rascheln der Späne auf irritierende Weise besänftigend. Beinahe so, als füllte mein Vater seine Schubkarre, um gleich darauf draußen die Beete abzudecken.
Aber mein Vater war tot. Er lag bäuchlings am Boden, das Gesicht in der Beuge seines angewinkelten rechten Arms verborgen, als hätte er es noch im Sturz vor dem Aufprall auf dem wie immer sauber gefegten Beton schützen wollen, und am Hinterkopf klaffte eine fingerbreite Kerbe, die dort nicht hingehörte. So wie der erschlagene Vater nicht in unser Leben gehörte, sondern zu einem Geschehen, das anderswo spielte, in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort.

Erst als ich Mutters Stimme vernahm, machte ich die Augen wieder auf. Sie rief irgendetwas und kam näher. Gleich würde sie die Tür öffnen. Gleich würde sie alles sehen, die blutige Zeitung, den reglosen Leib, halb verdeckt von geschredderten Spänen. Ich schaffte es gerade noch, ihr zuvorzukommen und die Tür von außen zu schließen.

„Ist dein Vater da drin?“ Sie wollte sich an mir vorbeidrängen.

„Nein“, sagte ich und versperrte ihr den Weg. „Nur Olaf.“

„Und warum soll ich da nicht rein?“ Sie sah mich an, und zum ersten Mal fiel mir auf, wie sehr sie sich in den vergangenen neunzehn Jahren verändert hatte, wie stark sie gealtert war, eine kleine verschrumpelte Person mit schlohweißen Haaren und blau verwässerten Augen, aus denen sie in die Welt sah, als drohte beständig neues Unheil.

„Er will dich überraschen.“ Meine Stimme klang unbeschwert und munter, und darüber war ich in diesem Augenblick am meisten erschrocken.

„Womit denn?“ Misstrauisch zog sie die Augenbrauen hoch. Ich lachte. „Das werde ich dir auch gerade verraten!“ Dann nahm ich ihren Arm und führte sie ins Haus zurück. Sie ließ es geschehen, fragte nicht weiter nach meinem Vater. In der Küche sank sie erschöpft auf einen Stuhl. Ich wollte ihr einen Kaffee machen, aber sie lehnte ab. Als ich ins Bad ging, um ein paar Augenblicke für mich zu sein, hörte ich sie leise jammern.

Lange ließ ich kaltes Wasser über Hände und Unterarme laufen, dann beugte ich mich vor und schöpfte mir Wasser ins Gesicht. Als ich den Hahn zudrehte, hatte Mutter aufgehört zu jammern.

Ängstlich sah sie mir entgegen. Sie hatte den Kopf auf den linken Ellbogen gestützt, und der rechte Arm hing schlaff herab.

„Was hast du?“, fragte ich. „Geht es dir nicht gut?“

Sie machte den Mund auf und zu, fast wie Olaf damals vor dem Goldfischglas, und brachte schließlich ein paar unartikulierte Laute hervor. Ich nahm ihre rechte Hand, hob den Arm leicht an, und als ich losließ, fiel er in seine alte Position zurück. Ich rief den Notarzt an. Verdacht auf Schlaganfall. Nach zwanzig Minuten waren die Sanitäter im Haus und schnallten Mutter auf eine Trage. An einem der Gurte klemmte der Verschluss.

„Zange!“, schrie der kleinere der beiden Sanitäter. „Haben Sie eine Zange?“

„Im Schuppen“, sagte ich mechanisch. „Gleich rechts neben der Tür.“ Er rannte los und kam tatsächlich mit einer Zange zurück. Später wurde er von der Polizei gefragt, ob ihm bei dem Einsatz irgendetwas aufgefallen sei, und er sagte, nein, eigentlich nicht, nur dass es im Schuppen nach Chemikalien gerochen habe.

Ich ging zum Küchentisch zurück und blieb sitzen, bis es dunkel wurde. Als Olaf im Morgengrauen zur Hintertür hereinkam, saß ich immer noch da.

Er sah blass aus, aber er wirkte gefasst. Er fragte: „Erinnerst du dich an das leer stehende Haus, damals an der Eider?“

Ich erinnerte mich genau. Ich erinnerte mich an alles, was in jenem Sommer vor neunzehn Jahren geschehen war. Wir waren nicht in den Schwarzwald gereist. Mein Vater hatte Olaf drei Tage lang in den Schuppen gesperrt. Einzelhaft. Bei Wasser und Brot. Olaf hatte es hingenommen. Ohne Widerspruch, ohne Aufbegehren, ohne Klagen, wie er in den neunzehn darauffolgenden Jahren alle Schikanen meines Vaters hingenommen hatte.

Danach saß er wieder mit uns am Tisch, nur dass mein Vater ihn alle paar Minuten aufscheuchte. Er sollte ihm ein Bier holen, das Fenster öffnen, das Fenster schließen, nachsehen, ob die Zeitung im Briefkasten steckte, ob der Autoschlüssel in der Tasche von Vaters brauner Windjacke sei. Nein? Dann vielleicht in der roten Strickjacke. Von Tag zu Tag wurde es schlimmer. Er dressierte Olaf wie einen Hund, und Olaf rannte, holte Stöckchen, hockte sich auf die Hinterbeine und bettelte um Zuwendung.

In diesem Sommer machten wir alles, was Mutter sich immer gewünscht hatte. Wir liefen barfuß im Watt und aßen Fischbrötchen in Friedrichskoog, wir fuhren von Büsum aus mit dem Schiff zu den Seehundsbänken, radelten an der Eider entlang − dort hatten Olaf und ich im Birkwildmoor das leer stehende Haus entdeckt − und schliefen jeden Abend im eigenen Bett. Mein Vater gab sich gutgelaunt und gönnerhaft, zahlte mit großen Scheinen und lachte öfter als sonst. Mutter sah ihn von der Seite an, irritiert und befremdet, und ich sehnte mit aller Kraft das Ende der Ferien herbei.

„Das Haus haben sie abgerissen“, sagte Olaf. „Die ganze Gegend ist jetzt Naturschutzgebiet.“ Und nach einer Pause fügte er hinzu: „Aber die alte Sickergrube ist noch da.“ In der Nacht war er dort gewesen. Ich hatte nicht einmal den Wagen gehört.

„Wir müssen ihn als vermisst melden“, sagte ich.

„Ja“, sagte Olaf. „Aber erst morgen.“

In der nächsten Nacht brachten wir die Leiche ins Naturschutzgebiet. Olaf hatte die alte Sickergrube schon freigelegt und nur lose Erde und Laub über die Abdeckung gescharrt.

„Und jetzt?“, fragte ich, nachdem wir das unförmige Plastikpaket aus dem Kofferraum gewuchtet hatten. Ich versuchte, nicht daran zu denken, dass mein Vater sich darin befand, zusammengerollt und mit angezogenen Beinen wie ein Ungeborenes im Mutterleib.

„Lass nur, ich mach das schon.“ Olaf fing an, die Schnüre aufzuschneiden. Ich wandte mich ab und ging ein Stück weit hinein in die Dunkelheit. „Sei vorsichtig“, rief er mir leise nach. „Da vorne gibt es ein paar tiefe Stellen im Moor.“ Ich hörte, wie er die Folien löste, und kurz darauf ein saugendes schlürfendes Geräusch. Dann roch es nach Chemikalien.

Olaf wusste, was er tat. Er hatte eine Ausbildung als Präparator gemacht, anschließend Geowissenschaften studiert, und mittlerweile arbeitete er in Berlin am Naturkundemuseum. Er war immer und überall der Beste gewesen und hatte von seinem Vater doch nie etwas anderes als verächtliche Bemerkungen zu hören bekommen. Nur die chemischen Versuche, die Olaf schon früh im Schuppen anstellte, hatten unserem Vater einen gewissen Respekt abgerungen. Er hatte sie zwar als Humbug bezeichnet, Olaf jedoch immerhin einen alten Blechschrank für seine Flüssigkeiten und sonstigen Utensilien überlassen.

Mutter erholte sich erstaunlich schnell von ihrem Schlaganfall, und die wenigen Nachbarn, die nicht in die Ferien gefahren waren, nahmen wie immer regen Anteil an allem, was bei uns geschah. Wenn sie nach meinem Vater fragten, sagte ich, er habe kurzfristig verreisen müssen. Ja, mit dem Zug, der Wagen stehe ja vor der Tür, und nein, Genaueres wisse ich auch nicht.

Dasselbe sagte ich der Polizei, als ich die Vermisstenmeldung aufgab. Die Beamten in Uniform − der eine blutjung mit blondem Schnauzer und vielen Pickeln im Gesicht, der andere vermutlich kurz vor den Pensionierung − blickten einander vielsagend an. Sie schienen zu glauben, mein Vater sei auf seine alten Tage durchgebrannt und daraufhin habe Mutter der Schlag getroffen.

Zwei Wochen später tauchte ein Beamter in Zivil bei uns auf und stellte sich als Holger Bahnsen vor. Olaf war nach Berlin zurückgekehrt, Mutter hatte ich tags zuvor in die Reha nach Malente gebracht, und ich selbst war in der Siedlung geblieben und fuhr von dort aus jeden Morgen zur Arbeit nach Kiel. Ich hatte das Gefühl, mein Elternhaus verteidigen zu müssen, nicht etwa gegen Einbrecher, sondern gegen den bösen Geist, der mit dem gewaltsamen Tod meines Vaters Einzug gehalten hatte.

Herr Bahnsen stellte viele Fragen. Ich wollte wissen, was ihn dazu veranlasste.

„Ich bin schon ziemlich lange bei der Truppe“, sagte er mit einem herablassenden Lächeln. „Und tatsächlich kommt es gar nicht so selten vor, dass eine erwachsene Person auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Aber dass die Angehörigen der als vermisst gemeldeten Person nicht ein einziges Mal bei der Polizei nachfragen, ist ziemlich merkwürdig, finden Sie nicht?“

Ich erzählte von Mutters Schlaganfall, von dem Notarzt und all der Aufregung, und dass sie noch immer nicht sprechen könne. Mein Vater? Ich hätte geglaubt, er sei kurzfristig verreist. Das habe er früher öfter gemacht. Besorgt? Nein, ernstlich besorgt sei ich nicht, nicht um meinen Vater. Auf die Frage, warum wir ihn dann als vermisst gemeldet hätten, wusste ich keine Antwort.

Bahnsen schickte seine Leute, um Haus und Hof zu untersuchen. Sie interessierten sich vor allem für den Schuppen, kratzten Proben vom Boden ab, stäubten Gegenstände ein, versprühten Flüssigkeiten, nahmen einen ganzen Sack geschreddertes Holz mit und sämtliche Fläschchen, Glasbehälter und Kanister aus dem Blechschrank.

Es waren die Chemikalien, die den Verdacht auf Olaf lenkten. Er kam sogleich aus Berlin zurück und leistete bereitwillig Folge, wann immer er zu neuen Vernehmungen einbestellt wurde. Und er schien seine Sache gut zu machen, allemal besser als ich, die ich mich bei der Zeugenbefragung ständig verhaspelte, mitten im Satz stecken blieb und einen roten Kopf kriegte. Aber ich verriet ihn nicht.

Olaf hingegen wusste offenbar auf alles eine Antwort und hielt es nicht einmal für nötig, sich einen Anwalt zu nehmen. Besonders schwer wog die Tatsache, dass man in seinem Schrank eine Flüssigkeit gefunden hatte, die, rechtzeitig injiziert, die Leichenstarre für eine gewisse Zeit aufzuhalten vermochte. Dass er nur im Rahmen seiner Ausbildung als Präparator damit experimentiert hätte, glaubte man ihm nicht. Und ebenso wenig die Behauptung, mein Vater habe sich am Tag vor seinem Verschwinden im Schuppen mit einem Blechschneider verletzt. An vielen Holzspänen hatte man Blut gefunden.

Aber Olaf ließ sich nicht beirren, blieb sachlich und bewahrte die Ruhe. Vielleicht hätte mein Vater ihn dafür bewundert. Am Ende konnte man ihm tatsächlich nichts nachweisen. Es gab keine Leiche, und damit gab es auch keine Straftat.

Zehn Jahre später beschloss Olaf, nach Neuseeland auszuwandern. Er sagte, er habe genug von Skeletten und Fossilien und Museumskellern und wolle jetzt Schafe züchten. Er fand Arbeit auf einer Farm, schrieb viele Briefe, und ich erfuhr mehr von seinem Leben dort, als ich je aus Berlin erfahren hatte. Er schrieb von der Landschaft, der Weite, dem Himmel, der hoch und blau sei wie zu Hause, zumindest wenn man flach im Gras lag und die Berge nicht sehen konnte. Er hatte Heimweh, aber er wollte nicht zurück.

Ich war bei Mutter in der Siedlung geblieben und fuhr noch immer jeden Morgen nach Kiel. Sie konnte fast alles allein bewerkstelligen, aber das Sprachzentrum war endgültig zerstört. Dennoch schien sie zufrieden und brabbelte die meiste Zeit unverständliches Zeug vor sich hin.

Ein paar Monate, nachdem Olaf ausgewandert war, stand an einem windigen Frühlingswochenende ein Fremder vor der Tür. Ich dachte an Holger Bahnsen und erschrak, aber der Fremde sagte, er sei ein Freund von Olaf aus Berlin und heiße Sven Roth. Vielleicht habe Olaf ja gelegentlich von ihm erzählt. Ich hatte nicht einmal gewusst, dass Olaf in Berlin einen Freund gehabt hatte. Ich bat ihn ins Haus, und er blieb zum Mittagessen, unterhielt sich mit Mutter, als könnte er sie verstehen, und sie lachte und freute sich.

Später redeten wir über Olaf. Sven sagte, er habe von Anfang an den Eindruck gehabt, Olaf liefe vor etwas davon. Er sei oft unruhig gewesen, schreckhaft und fahrig, als fühle er sich verfolgt.

Sven hatte ein gutes Gesicht. Er mochte Olaf sehr, das sah man ihm an, und einen Moment lang dachte ich, wie es wohl wäre, wenn er einfach dabliebe. Auf einmal kam ich mir einsam vor.

„Er hat Andeutungen gemacht“, fuhr Sven zögernd fort. „Es gäbe da etwas, das er sich nicht verzeihen könne.“ Er sah mich fragend an. Mir wurde heiß, und ich spürte einen Druck auf der Brust, der mir fast den Atem nahm.

„Ich fürchte, da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen“, sagte ich steif.

„Das dachte ich mir fast.“ Sven sah versonnen zum Fenster hinaus. Zerzauste Wolken hetzten unter einem blanken Himmel entlang. Dann schien ihm ein plötzlicher Gedanke gekommen, und er blickte wieder zu mir. „Wer waren eigentlich Christian und Andersen? Denen muss er etwas Schlimmes angetan haben.“

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