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Krimi Nordica 2015 : „Baby“ - Heike Denzau

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Maren wischte ihre feuchten Handflächen an der Hose ab. Wieso vergingen die Minuten nur so elend langsam, wenn man wartete? Wenn man es sich andersherum wünschte, rasten sie nur so dahin. Bei näherem Überlegen wollte ihr allerdings kaum ein Moment einfallen, in dem sie sich gewünscht hatte, die Zeit möge nicht so schnell verfliegen. Bei der Arbeit natürlich schon. Tag für Tag träumte sie davon, mehr Zeit zu haben für die Patienten, wenn sie nach den Operationen erwachten. Sie war eben OP-Schwester mit Herzblut. Auch nach zweiunddreißig Jahren.

Aber in ihrem Privatleben krochen die Minuten wie Schnecken dahin.

Nun, das würde sich heute ändern. Sie richtete sich im Fahrersitz, in dem sie immer kleiner geworden war, auf. Sie spürte, wie ihre Lippen sich zu einem Lächeln verzogen. Als sie in den Rückspiegel sah, erlosch das Lächeln. Mit zittrigen Fingern berührte sie ihre Lippen, die genauso dünn wie immer und doch fremd aussahen. Sie starrte auf den hellroten Lippenstift an ihrem Zeige- und Mittelfinger, als sie die Hand wieder zurückzog. Hatte sie zu viel aufgetragen? Und war die Farbe nicht viel zu grell? Hastig wischte sie ihre Finger an der Hose ab.

Gleich würde er herauskommen. Mit dem Jackenärmel begann sie, über die Fläche des Seitenfensters zu wischen. Ihr heftiger Atem ließ die Autoscheiben beschlagen. Hoffentlich gefiel ihm die Lippenstiftfarbe. Ob er wohl bemerken würde, dass sie ihr Haar gefärbt hatte? Ihr kurzer Fransenschnitt, in den sich die weißen Haare wie alles verschlingende Krakenarme hineingewunden hatten, leuchtete nach Jahren wieder in einem satten Braun.

Maren war sich nicht sicher, schließlich hatten sie sich nur zweimal gesehen. Das erste Mal vor vier Monaten, das zweite Mal vor sechs Wochen. Er hatte sie schon lange bedrängt, ihn zu besuchen, aber sie hatte sich nicht getraut. Seit drei Jahren schrieben sie sich. Er hatte ihr nicht so oft geantwortet, wie sie ihm geschrieben hatte, weil ihm das Schreiben nicht leicht fiel. Vielleicht schämte er sich auch wegen seiner mangelhaften Orthografiekenntnisse. Sie hatte ihn nie gefragt in ihren Briefen. Weil es keine Rolle spielte. Weil es nicht wichtig war, wie, sondern was er schrieb.

Die Scheiben beschlugen immer mehr. Natürlich hätte sie das Seitenfenster herunterfahren können, aber das wollte sie nicht. Die Menschen, die vorübergingen, starrten auch so schon zu ihr herein. Oder bildete sie sich das ein? Glaubte sie nur, dass die Leute sie einschätzen wollten, weil sie hier vor dem Gefängnis stand? Wer wartete schon vor einem Gefängnis? Menschen, die einen Angehörigen oder Freund in Empfang nehmen wollten. Offenbar war es für die Vorbeieilenden interessant zu sehen, wie Menschen aussahen, die einen Verbrecher abholten. Aus Santa Fu, wie die Hamburger Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel genannt wurde. Nun, sie war keine Verwandte. Sie gehörte zu den Ehrenamtlichen, die mit Strafgefangenen einen Briefwechsel eingingen. Sie hatte Stefan geschrieben.

Er war mit siebzehn von zu Hause fortgelaufen, hatte nichts gelernt, war bei Schaustellern mitgereist, hatte Fahrgeschäfte auf- und abgebaut. Familie hatte er keine. Jedenfalls keine, die Interesse an ihm hatte. Menschen, die man als Freunde bezeichnen konnte, gab es für ihn höchstens im Knast.

Es quietschte, als sie erneut mit dem Ärmel ihrer blauen Wolljacke über die beschlagene Scheibe fuhr. Sie durfte nicht verpassen, wenn er aus dem Tor trat. Sie wollte in sein hübsches Gesicht sehen, wenn sein Blick an ihrem silbergrauen Polo hängen blieb und er zu ihr herübereilen würde, um mit ihr zu ihrem Haus zu fahren. Um dort wieder Fuß fassen zu können. In einer Gesellschaft, die Menschen wie ihm mit Skepsis und Angst begegnete, egal, ob die Strafe abgegolten war.

Sie würde ihm helfen, eine passende Arbeit zu finden, sich einzukleiden, sich an das normale Leben zu gewöhnen. Zehneinhalb Jahre waren eine lange Zeit. Unendlich viele Schneckenminuten. Er war gierig auf das Leben. Das hatte sie in seinen Briefen gespürt. Wieder und wieder hatte sie die aus Collegeblöcken herausgerissenen linierten und karierten Seiten gelesen.

Und weil er so gierig schien, hatte sie vorgesorgt. Sie hatte ihre kleine Eigentumswohnung in Hamburg – die Hinterlassenschaft ihrer verstorbenen Eltern – aufgegeben und stattdessen ein altes Haus auf dem Land gekauft. In Schleswig-Holstein. Nicht zu weit entfernt von Hamburg, aber doch weit genug, um abendliche Streifzüge durch St. Pauli zu verhindern. Nicht, weil sie es ihm nicht gönnte. Um Gottes Willen, er sollte es gut haben. Er hatte es verdient nach all den Jahren. Nein, einzig, um ihn vor sich selbst zu schützen. In der Wilstermarsch würde er sich langsam wieder an das Leben in Freiheit gewöhnen können. Zwischen fetten grünen Wiesen, Kühen und Schafen würde er sich wohlfühlen und Atem holen können. Das kleine Häuschen grenzte mit dem Garten an das Ufer einer Au. Sie könnten eine Angel kaufen. Es war ein idyllischer Ort. Auch die entfernten Nachbarn, ein Getreide- und ein Kuhbauer samt Familien, waren Goldstücke. Als sie sich als neue Nachbarin vorgestellt hatte, hatten sie sie etwas misstrauisch beäugt, aber nachdem sie erzählt hatte, dass sie als Krankenschwester arbeitete, hießen sie sie in ihrer drögen, aber herzlichen Art willkommen. Wer weiß, vielleicht würde sich in der Marsch eine nette Nachbarschaft ergeben, die sie in Hamburg nie erlebt hatte.

Das, was ihre Hände zu viel an Feuchtigkeit hatten, fehlte in ihrem Mund, als das Tor sich öffnete und ein Mann heraustrat. Mit einer Sporttasche in den Händen blickte er sich um.
Er sah gut aus. Ein hübscher Mann. Keiner, dem man ansah, dass er einem anderen mit seinen Fäusten den Schädel zertrümmert hatte.

Alkohol war im Spiel gewesen, als ein kleines Wortgefecht auf dem Hamburger Dom eskaliert war und am Ende ein Mann tot am Boden lag. Hätte er nicht schon Jahre vorher einen Mann zum Krüppel geprügelt, wäre die Strafe milder ausgefallen.

Maren schluckte, während sie zaghaft an die Scheibe klopfte und winkte. Würde er sie Baby nennen, so wie in seinen Briefen? Sie hatte sich immer geschämt, wenn sie seine Zeilen las und ihr bei dieser Anrede die Hitze in die Wangen und in den Unterleib geschossen war. Als er jetzt mit zügigen Schritten zum Auto gelaufen kam, versank sie wieder in ihrem Sitz. Er sah so groß aus! Groß und kräftig und  … männlich. Oh Gott, hoffentlich würde er sie nicht Baby nennen. Sie würde erröten, und dann würde er sie auslachen. Sie war achtundvierzig, er zehn Jahre jünger. Aber hatte er in seinen Briefen nicht immer nach ihrem Aussehen gefragt? Auch bei den beiden Besuchen hatte sie in seinem Blick nichts gesehen, das darauf schließen ließ, dass er sie unattraktiv fand. Und zu dem Zeitpunkt hatte sie noch nicht einmal ihr Haar gefärbt und sich die Lippen geschminkt. Vielleicht würde er ja  …

Nichts vielleicht! Sie fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Er wird dich genauso wenig anziehend finden wie alle anderen Männer zuvor.

Sie war keine Frau, der man einen zweiten Blick schenkte. Eigentlich schenkte man ihr kaum einen ersten Blick. Je älter sie wurde, desto mehr schien es, als würde sie sich auflösen. Unsichtbar werden. Gertenschlank, am besten mit straffem Busen und Hintern, modisch schick und perfekt geschminkt musste man sein, um von den Männern noch wahrgenommen zu werden, wenn man fast fünfzig war. Sie konnte nichts davon bieten. Man konnte sie vielleicht schlank nennen, wenn man guten Willens war. Die, für die sie unsichtbar war, würden sie wohl dürr nennen, und flachbrüstig.

Ihr Herz flatterte, als er die hintere Tür aufriss und die Tasche auf den Sitz schmiss. „Hey, Baby! Du bist pünktlich. Das gefällt mir.“

Dann öffnete sich die Beifahrertür. Mit einem breiten Grinsen wuchtete er sich auf den Sitz und sah sie an.

Ihr Blick verharrte einen Moment auf der Lücke in der unteren Zahnreihe. Sein Gebiss war eine Katastrophe, aber das konnte man richten. Er war hier. Nur das zählte.

„Baby!“ Er musterte sie. „Deine Haare  … super. Siehst viel jünger aus.“

„Ha-hallo, Stefan.“ Sie hasste sich für ihre Unsicherheit.

Maren war dankbar, dass er redete, während sie den Wagen durch den Stadtverkehr lenkte. Als sie auf die A 23 fuhr, brach er abrupt in seiner Schilderung ab, wie er die letzten verfuckten Tage in seiner Fuckzelle verbracht hatte.

„Wo fährst du hin? Du wohnst doch in Altona.“

Sie spürte seinen Blick auf sich. „Nicht mehr. Ich  … ich habe ein Haus gekauft. Etwas außerhalb. Der Ort heißt Wilster. Ein hübscher Ort  … mit altehrwürdigen Gebäuden, aber auch schönen Einkaufsmöglichkeiten. Wir  … wir kaufen dir schöne Sachen. Alles, was du brauchst.“

„Außerhalb?“ Sein Ton klang mühsam beherrscht. Dann lachte er auf. „Baby! Ich will heute feiern! Ich bin draußen! Verstehst du?“
Sie deutete nach hinten. „Ich habe Sekt gekauft. Und zum Abendessen gibt es Braten.“
„Sekt?“

Der Betonung nach hätte er auch nach Maden fragen können.

„Es  … es ist auch Whisky da.“ Sie hatte den Single Malt für Dr. Müller besorgt, der übermorgen Geburtstag hatte. Er liebte schottischen Whisky. Sie würde für den Oberarzt eine neue Flasche kaufen.

Mit der Bevölkerungsdichte schwand auch Stefans Laune. Als sie am Rande Wilsters vor dem roten Backsteinbau mit dem windschiefen Dach parkte, hatte er keine lobenden Worte für das Haus und den Garten, der bestimmt hübsch aussehen würde, wenn sie ihn erst einmal gepflegt hatten. Erst als sie ihm die Flasche Whisky reichte, kam sein Lächeln zurück. Er ging an den Kühlschrank, und Maren gefiel es, dass er sich wie zu Hause fühlte. Sie sah zu, wie er den edlen Talisker mit Cola vermischte. Dr. Müller würde jetzt entsetzt den Kopf schütteln.

Er trank das Glas in einem Zug aus, füllte es erneut mit dem Gemisch und setzte das Glas schließlich mit einem wohligen „Ahhh“ ab. Er leckte sich über die Lippen.

Er musterte sie grinsend. Sie spürte erneut, wie ihre Wangen sich färbten.

„Baby!“ Er kam auf sie zu und blieb vor ihr stehen. „Du musst nicht rot werden. Ich weiß, was du denkst. Und was du willst.“

Ihr Herz setzte einen Takt aus, als seine Hände sich um ihre Brüste legten.

„Das“, sagte er, und seine Daumen rieben hart über ihre Brustwarzen. „Ich soll es dir besorgen.“

Sie ekelte sich vor seiner Wortwahl. Aber noch mehr ekelte sie sich vor sich selbst, denn er hatte recht. Genau das wollte sie.

Und sie bekam es von ihm. Tag für Tag.

Wenn sie am Abend von der Altonaer Klinik zurück nach Wilster fuhr, konnte sie es kaum erwarten, ihn auf dem Sofa liegend zu sehen. Vor dem Fernseher. Mit nacktem tätowiertem Oberkörper. Es spielte keine Rolle, dass sein Atem nach Alkohol und Nikotin roch. Er war da, und er liebte sie. Wenn sie ihn fragte, ob er sich um eine Arbeitsstelle gekümmert hatte, winkte er ab. „Baby, so weit bin ich noch nicht. Es gibt so viele Filme, die ich noch gucken muss. Kennst du den neuen mit Paul Walker? Ein geiles Straßenrennending. Nein? Dann guckst du die falschen Filme, Baby.“

Vier Wochen lebte sie in der Illusion, dass alles gut sei. Bis sich die ersten Risse zeigten. Bei Fragen nach der Arbeitssuche reagierte er gereizt. Auch wenn sie ihn bat, seinen Müll aus dem Wohnzimmer wegzuräumen. Als sie ihm die Angel präsentierte, die sie für ihn gekauft hatte, brach er in Gelächter aus. Er folgte ihr, weil sie weinend nach draußen ans Auufer floh. „Baby, sieh dich doch mal um! Hier ist alles tot.“ Er deutete um sich. „Ich kann keine Scheißkühe mehr sehen. Hier geh ich ein wie ’ne Töle, die nix zu Fressen kriegt. Ich muss mal raus!“

Sie schluckte. Das war es, war er hier sah? Totes Land? Sah er denn nicht das glitzernde Wasser der Au, nicht die Idylle der grünen Wiesen, auf denen die Kühe friedlich grasten und in ihrer Gemütlichkeit Entspannung geradezu ausstrahlten? Und hörte er denn nicht, was die Natur hier an Frieden intonierte? Summende Insekten, am Morgen der Gesang der Amseln, am Abend die Rufe der Eulen, die um die alten Höfe flogen.

„Die Natur ist Labsal für die Seele, Stefan. Hier kommst du zur Ruhe.“

Sein Lachen schmerzte. „Baby, du guckst die falschen Filme. Hör auf mit dem Grzimek-Scheiß. Ich will Musikdröhnen aus Megaboxen. Ich muss unter Menschen, ich erstick hier.“

An den nächsten Tagen fuhr Maren mit einem unguten Gefühl zur Arbeit. Die Minuten, die in den letzten Wochen nur so dahin geflogen waren, krochen wieder wie Schnecken vorbei. Sie musste sich im Operationssaal zusammenreißen, den Ärzten die richtigen Instrumente zu reichen. Einmal machte sie früher Schluss. Als sie nach Hause kam, fiel die Ruhe auf. Der Fernseher lief nicht. Er war nicht im Haus. Und nicht beim Angeln.

Als er kam, zehn Minuten bevor sie eigentlich zu Hause gewesen wäre, wirkte er schuldig. Er küsste sie, aber  … roch er nicht anders? War da nicht ein fremder Duft an ihm? Ein Parfüm, ein aufdringliches.

Am nächsten Morgen fuhr sie wie gewohnt los, aber sie parkte den Polo in einem Feldweg, von dem aus sie das Haus beobachten konnte. Sie wartete, und die Minuten fraßen sich langsam in sie hinein. Erst weit nach Mittag war es so weit. Er verließ das Haus. Mit dem alten Fahrrad, das der Vorbesitzer zurückgelassen hatte. Sie folgte ihm in sicherem Abstand. Er fuhr nach Wilster hinein. Da wusste sie, wohin er unterwegs war. Lange, über die Straße gezogene Banner verkündeten es:

Wilster Jahrmarkt! Der größte Jahrmarkt der Westküste!

Sie parkte den Polo auf einem kleinen Parkplatz am Doos’schen Palais, ohne einen Blick für das historische Gebäude zu haben. Sie sah nur Stefan. Durch das Einparken verlor sie ihn kurz aus den Augen, aber sie folgte einfach der Jahrmarktsmusik, die schon von Weitem zu hören war, vorbei am alten Rathaus. Um die barocke Kirche scharten sich die Fahrgeschäfte und Buden wie Kinder um ihre Mutter. Maren schnaufte verächtlich. Missratene Kinder. Sie würden Stefan schaden.

Sie umrundete die Kirche, aber von ihm war nichts zu sehen. Sie bog in den Weg zum Colosseumsplatz ein. Die Musikfetzen aus den Lautsprechern der Karussells kollidierten in der Luft miteinander und vermischten sich mit den lockenden Rufen der Losverkäufer und dem Gelächter der Menschen an den Bierpilzen. Glühende Hitze verbreitete sich in Maren, als sie ihn schließlich sah. Er stand am Autoscooter.

Umweht vom Duft gebrannter Mandeln und Bratwurst beobachtete sie ihn. Ein Mitarbeiter winkte Stefan zu, während er einen der bunten Zweisitzer in eine Lücke zwischen den Elektroautos parkte. Begleitet von den Blicken einiger Mädchen, die kichernd und schwatzend auf der metallenen Umrandung der Bahn standen.

Sie schluckte. Der Autoscooter war schon zu ihrer Zeit Treffpunkt der Jugendlichen gewesen. Schon damals flirteten die Mädchen mit den coolen Jahrmarktstypen. Sie hatte nie dort gestanden.

Der Angestellte sprach jetzt mit Stefan. Er drückte ihm den Generalschlüssel für die bunten Elektroautos in die Hand. Stefan ging lachend zu einem der Fahrzeuge und drehte ein paar Runden. Er rammte die Mädchen, die zu zweit in den Autos fuhren. Dann parkte er wieder ein, sprang zu den Mädchen auf das fahrende Auto und beugte sich zu ihnen herunter. Das Lachen und Kreischen aus ihren prallen, rot geschminkten Mündern verfolgte Maren bis in die Träume.

Wie er den Tag verbracht habe, fragte sie ihn, als sie um die gleiche Uhrzeit wie immer nach Hause gekommen war. Er hatte auf dem Sofa gelegen. „Hab ferngesehen, Baby, sonst nix. Was gibt’s zu essen?“

Als sie sich neben ihn setzte und ihn streichelte, wischte er ihre Hand weg und sprang auf. „Heute nicht, Baby. Mach lieber was zu essen. Ich hab Kohldampf.“

Er wollte auch am nächsten Tag nicht von ihr berührt werden. Auch nicht am übernächsten. „Baby, ich verdünnisier mich“, sagte er am Sonntag. „Ich hab einen Job bei einem Autoscooter. Ich fahr mit denen weiter. Dienstagnachmittag geht’s los.“ Er nahm ihren Kopf und küsste sie auf die Stirn. „War ’ne super Zeit mit dir, Baby.“ Er ließ sich auf das Sofa fallen und klopfte neben sich. „Lass uns einen Film gucken. Kennst du ‚Hangover‘? Nein? Da geht’s richtig ab. Scheißkomisch.“

Am Montag fuhr sie wie gewohnt zur Arbeit. Aber nur für ein paar Stunden. Für die Besorgungen. Dann fuhr sie zurück. Als er um die Mittagszeit davonradelte, nickte sie zufrieden und betrat das Haus, das sie für sie beide gekauft hatte. Es gab viel zu schleppen und vorzubereiten.

Es war fast Mitternacht, als er kam. Betrunken. Zu betrunken, um ihn noch in den Keller zu bitten. Am nächsten Morgen schlang er das Rührei und den gebratenen Speck gierig mit dem heißen Kaffee herunter. „Lecker, Baby. Ein tolles Abschiedsfrühstück. Frühstück bei Tiffany“, lachte er dann. „Da gibt’s doch so ’n Kackfilm, oder?“

„Würdest du bitte im Keller noch mal nach einer der Sicherungen schauen? Ich verstehe nichts davon.“

„Klar, Baby.“

Als er keine Anstalten machte, sich zu erheben, sagte sie: „Jetzt sofort, bitte.“ Das Medikament, das er gefrühstückt hatte, würde schließlich schnell wirken.

Er folgte ihr die steile Treppe hinunter. Feucht und muffig war es hier. Marschhäuser waren ungeeignet für Keller. Das Wasser fand immer seinen Weg. Nun, sie würde Heizlüfter aufstellen. Er sollte nicht frieren.

Der Keller bestand nur aus zwei Räumen. Sie führte ihn in den größeren.

„Scheiße, mir  … mir ist nicht gut.“ Er stützte sich an der Wand ab.

„Leg dich hin“, sagte sie und führte ihn zu der dicken Matratze, die mitten im Raum lag. Sein Blick glitt irritiert über die Dinge, die auf einem Tischchen lagen. Verbandsmaterial, Medikamente, Desinfektionslösungen, Skalpelle und andere glänzende Instrumente. Ein Tropfständer stand neben dem Tischchen.

„Was … was ist das hier, Baby?“

Lächelnd sah sie auf ihn herab. „Kennst du ‚Misery‘ von Stephen King? Nein? Du guckst die falschen Filme, Liebling. Die geniale Kathy Bates hat für die Hauptrolle einen Oscar bekommen. Im Film ist sie Krankenschwester, genau wie ich, und pflegt einen schwerverletzten Mann. Er will ihr weglaufen, und das gefällt ihr nicht.“ Sie kicherte. „Leider dreht sie dabei ein bisschen durch. Und wird unvernünftig. Das wird mir nicht passieren.“ Sie trat zu ihm und streichelte über seinen schiefen Scheitel. „Es ist nur schade, dass wir beide jetzt auf nette Nachbarschaftsbesuche in unserem Haus verzichten müssen. Aber wir werden nie allein sein. Wir haben ja uns.“
Sich mit einer Hand auf der Matratze abstützend, sah er sie an. „Was ist los? Was  … was faselst du da?“ Seine Stimme wurde lallend. „Ich  … ich bin nicht schwer verletzt. Mich  … mich muss keiner pflegen.“ Er verdrehte die Augen, dann kippte er zur Seite.

Maren lächelte, als sie auf ihn herabsah. „Noch nicht, Liebling, noch nicht.“

Sie ordnete die Instrumente neu. Das Skalpell gehörte nach links. Vor die Knochensäge.

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erstellt am 12.Sep.2015 | 01:21 Uhr

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