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Hörbuchtipp: "Das Leben kleben" : Kleber, Katzen und Konflikte

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Eine frustrierte Ehefrau freundet sich mit ihrer betagten Nachbarin an - und quartiert prompt palästinensische Handwerker bei der Jüdin ein. Marina Lewyckas Nachfolger für "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch".

Zunächst entsprechen die beiden Frauen althergebrachten Klischees. Die alte Dame Mrs Shapiro, die mit zig Katzen in einem alten, halb verfallenen Haus wohnt und die frustrierte Ehefrau Georgie, die sich wegen eines Zahnbürstenhalters von ihrem Mann getrennt hat. Als die beiden sich über der aus dem Haus geworfenen Schallplattensammlung des verjagten Ehemanns kennen lernen, ist auch schon klar: Die unterschiedlichen Frauen freunden sich an, helfen einander.
Doch das Hörbuch "Das Leben kleben" bietet viel mehr als die vorhersehbare Frauenfreundschaft. Marina Lewycka thematisiert nach "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch" und dem Nachfolger "Caravan" erneut ein irres Beziehungsgeflecht - nicht nur zwischen Georgie und Mrs. Shapiro. Denn während die alte Jüdin, die im Zweiten Weltkrieg nach England geflohen war, im Krankenhaus liegt, engagiert die frustrierte Britin Handwerker, die die marode Villa auf Vordermann bringen sollen: Zwei junge Palästinenser. Die jungen "Palis" ziehen auch gleich ein.
Großer Konflikt in einer kleinen Villa
Die als Flüchtling in Kiel geborene Lewycka versteht es vorzüglich und witzig, das Gewirr, die Probleme aber auch die Gemeinsamkeiten der Jüdin und der Palästinenser aufzudröseln und den großen Konflikt auf eine kleine Villa in England herunterzubrechen. Vor allem, als der zionistisch angehauchte vermeintliche Sohn der alten Dame auch noch in die Villa ziehen möchte, dreht sich alles um getrennte Wasserleitungen und Pläne über zusätzliche Mauern.
Die naive Georgie, die das Weltgeschehen im nahen Osten nur rudimentär aus den britischen Nachrichten kennt, versucht sich zeitweise als ein postmoderner "Nathan der Weise", versucht die Religionen, die als Lanze für Land-, oder besser: Villenanspruch dienen, zu vereinen. In einer kleinen maroden Villa voller Katzen in England.
Kleber statt Ringe
Statt weiser Ringparabeln vergleicht die frustrierte Fachjournalistin für "Klebstoffe in der modernen Welt" alles mit ihrem Fachgebiet. So fügt Lewycka in den Roman Exkurse in die Welt der Klebstoffe ein. Polymere, die alles zusammen halten, Unterwasserklebstoffe, die aneinanderfügen, auch wenn die Bedingungen widrig sind.
Gelesen wird das Hörbuch von Katharina Thalbach, die sowohl die Klebstoffjournalistin als auch die verschrobene Dame mit Leben erfüllt. Die Nebenfiguren hat die Autorin allerdings ein wenig zu blass gestaltet. Insgesamt wird aber ein ernstes Thema humorvoll und menschlich angesprochen. Generationen und Religionen vereinen sich in der Katzenvilla, die sie wie ein Klebstoff aneinanderbindet. Doch alles kann auch kein Klebstoff auf Dauer zusammenhalten.

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erstellt am 07.Jul.2010 | 04:14 Uhr

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