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Entzauberung des Robin Hood der Meere : Klaus Störtebeker: Nur eine Erfindung von Lübecker Mönchen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der legendäre Seeräuber Klaus Störtebeker – eine Art norddeutscher Robin Hood – hat nur als Legende existiert, sagt der Historiker Gregor Rohmann.

Kiel | Sie rüsten sich wieder. „Erleben Sie auf der einzigartigen Naturbühne Ralswiek die Abenteuer des legendären Seeräubers Klaus Störtebeker“, locken die Festspiele auf Rügen. Es ist das erfolgreichste und größte Spektakel um den legendären Seeräuber. Der wird an Nord- und Ostseeküste als gutherziger Gesetzloser, als Robin Hood der Meere gefeiert. Ein Anführer der Vitalienbrüder war er, von Hamburgern vor Helgoland gefangen genommen, 1401 auf dem Hamburger Grasbrook geköpft. An der Elbe steht eines seiner Denkmäler, im Hamburgmuseum liegt ein Totenkopf, der als „Störtebeker-Schädel“ bekannt ist. Indizien über Indizien. Doch der Pirat Klaus Störtebeker ist die Erfindung eines Lübecker Mönchs.

Kampfszene: Störtebeker-Darsteller Sascha Gluth (l.) mit seinem Gegenspieler auf der Naturbühne Ralswiek.
Kampfszene: Störtebeker-Darsteller Sascha Gluth (l.) mit seinem Gegenspieler auf der Naturbühne Ralswiek. Foto: dpa
 

An der Geschichte stimmt so gut wie nichts: Der Störtebeker, den die Nachwelt verehrt, hieß nicht Klaus, er war kein Freiheitsheld, ist nicht von den Hamburgern festgesetzt und gehenkt worden, ja, er war noch nicht einmal Pirat. Gregor Rohmann, Experte für Mittelalterliche Geschichte, hat dies erforscht, zusammengetragen und in mehreren Beiträgen veröffentlicht. Doch nüchterne Ergebnisse haben es gegen blütenreiche Legenden schwer.
„Unser Störtebeker hieß Johann, er war Geschäftsmann im Sicherheitsgewerbe und ist in Danzig bis 1413 belegt“, sagt Rohmann, Historiker an der Goethe-Uni Frankfurt. Nichts spricht gegen seinen friedlichen Tod im Bett, die Faktenlage in der Angelegenheit Störtebeker ist um einiges dünner als die in der der Angelegenheit seines 1365 in Lübeck geborenen „Erfinders“ Hermann Korner. Der ist Anfang bis Mitte 30, als er in den Dominikanerorden eintritt. Davor jedoch war er 1386 bei einer Fehde seiner Stadt als Führer eines Söldnerhaufens aktenkundig geworden. Dann jedoch ist er Mönch, geht nach Halberstadt, Hamburg, Magdeburg, bevor er 1417 Lesemeister im Lübecker Burgkloster wird. Korner ist offenbar ein fleißiger und ehrgeiziger Mensch. Noch mit Ende 60 beginnt er an der Erfurter Schule ein Theologiestudium, das er etwa 70-jährig als Doktor abschließt. 1438 stirbt er in Lübeck.

Ein Lübecker Dominikanermönch soll die Legende um Störtebeker erfunden haben.
Ein Lübecker Dominikanermönch soll die Legende um Störtebeker erfunden haben.

„The Making of Klaus Störtebeker“ ist einer der Beiträge Rohmanns überschrieben, die sich mit dem Phänomen Störtebeker befassen, und das „Making of“ wäre ein fast so guter Stoff für die Unterhaltungsindustrie, wie die Störtebeker-Legende.

Tatsächlich, so gibt es zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert im Hanseraum mehrere Männer namens Stortebeker, Stortzebecher und ähnlich. Es gibt sogar einen Klaus Störtebeker, aber, so Rohmann: „Er hat aber nur eine historische Leistung vorzuweisen: Er wurde 1380 in Wismar verprügelt. Unser Mann heißt ,Johann Stortebeker’ oder auch nur ,schipherr Stortzebechir’. Er ist Kapitän eines Handelsschiffs aus Danzig. 1405 wird er bei den preußischen Hansestädten gerichtsnotorisch, weil er einen Handelsboykott gegen England missachtet.“ 1405? Da hätte er der Legende nach längst tot sein müssen, enthauptet von Scharfrichter Rosenfeld aus Buxtehude.

Den Wundersamen Weg des Fehdehelfers Störtebeker in die Welt der unverwüstlichen Legenden hat Rohmann akribisch nachgewiesen. Der Mönch Hermann Korner schreibt ab 1416 an einer in Historikerkreisen berühmten Chronik, die in mehreren Fassungen erscheint, im gebildeten Lübecker Bürgertum bald zu einer Art Bestseller wird und in Teilen für andere Chronisten zur Vorlage. Der Belebtheit wegen entstehen immer neue Abschriften, erweitert den Inhalt, schmückt ihn aus, kurzum: produziert ein Gemisch aus Dichtung und Wahrheit.

Der Name Stortebeker taucht in Korners erster Fassung 1416 (ohne Vornamen) neben denen Wichmanns, Godeke Michels’ und Magister Wigbolds als Gegner der Hamburger auf und als Anführer jener Vitalienbrüder auf, die nach 1395 nach Ostfriesland gekommen sein sollten. Erst in einer späteren Fassung ist von „Nicolaus“ bzw. „Clawes“ die Rede. Und zum Sieg der Hamburger, zur Verurteilung der Vitalienbrüder und deren Enthauptung nennt Korner Störtebeker zwar vage als Anführer, nicht aber als Hingerichteten. „War Störtebeker nicht prominent genug?“ fragt Rohmann in einem seiner Beiträge rhetorisch. „Nun ja, zumindest die englischen Klageakten lassen dies nicht gerade vermuten, ist er doch derjenige, der nur mit seinem Nachnamen geführt wird: „Der Störtebeker“.

Der Störtebecker-Schädel.
Der Störtebecker-Schädel.
 

Korners Chronik hatte dem Missverstehen und der Legendenbildung Türen und Toren geöffnet. Eine Angabe zur Enthauptung Störtebekers „findet sich explizit erstmals 1457 in Hamburg“ (Rohmann) – also fast 60 Jahre nach dem vermeintlichen Ereignis.

Ein Krimineller sei Störtebeker ohnehin nicht, darüber ist sich die Forschung einig. Noch nicht einmal mit Kaperbriefen ausgerüstete Kaperfahrer kann man ihn und die anderen Vitalienbrüder nennen, denn auf Kaperbriefe gibt es zu ihre Zeit noch keine Hinweise. Vitalienbrüder sind Fehdehelfer, also Gewaltunternehmer, die sich mal diesem, mal jenem Herrn im Kampf gegen einen anderen andienten (ein niedergeschriebenes Kriegsrecht, gegen das man verstoßen könnte, gibt es nicht), Störtebeker demzufolge ein gerissener Geschäftsmann – und ob der ein sozialgerechter „Likedeeler“, also einer, der die Beute mit den Brüder zu gleichen Teilen teilte?

Die Hamburger jedenfalls feiern den Sieg über die Vitalienbrüder und Störtebeker als Staatsfeind Nummer 1 bis ins 18. Jahrhundert hinein gefeiert. Es entstand Liedgut, Literatur, eine Oper, ungezählte Bücher, Filme. Ein Gesicht hatte der Seeräuber nun auch: 1682 bringt der Nürnberger Drucker David Funck ein 1515 entstandenes, von Augsburger Künstler Daniel Hopfer gefertigtes Porträt auf den Markt, das bis heute als Störtebeker-Bildnis gehandelt wird. Tatsächlich zeigt es allerdings einen Kunz von der Rosen, seines Zeichens Vertrauter von Kaiser Maximilian I.

Wo und wann sich in die Geschichte die Mär vom Vorbeimarsch des bereits Geköpften an elf seiner Genossen schleicht, ist nicht bekannt. Es heißt, Störtebeker habe damit dem Hamburger Bürgermeister das Leben seiner Kumpane abtrotzen wollen, Bürgermeister Kersten Miles sei allerdings wortbrüchig geworden. Tatsache ist, dass es kopflose Götter in diversen alten Hochkulturen gibt.

Es entstand Liedgut, Schiffe wurden nach Störtebeker benannt, 1701 die Oper „Störtebeker und Jödge Michels“ (Keiser), 2014 in Lübeck die Piratenoper „Störtebeker“ mit der Musik von Gabriele Pott uraufgeführt. Literatur erschien, Filme, Festivals, Ausstellungen. Die berühmteste Schau rankte sich 2001 in Hamburg um den berühmten Schädel, nach dem eine Gesichtsrekonstruktion angefertigt wurde. Diese Ausstellung hat Gregor Rohmann zur Forschung um den vermeintlichen Seeräuber gelockt. Man habe im Hamburg Museum ja nie behauptet, dass dieser Schädel der Störtebekers sei, sagt Rohmann und spricht von „Konjunktivformulierungen“ bei Aussagen über die Zugehörigkeit: „Man hatte aber gar nichts dagegen, wenn die Leute genau das glaubten.“

Feuer-Spektakel: Die Koggen von Klaus Störtebeker vor der Naturbühne Ralswiek (Mecklenburg-Vorpommern) im Jasmunder Bodden.
Feuer-Spektakel: Die Koggen von Klaus Störtebeker vor der Naturbühne Ralswiek (Mecklenburg-Vorpommern) im Jasmunder Bodden. Foto: dpa
 

Ursache von allem ist der kreative Umgang eines Lübecker Mönchs mit Fakten. Der wiederum ist seit mehr als 100 Jahren dokumentiert, sagt Rohmann. „Die Quellen sind alle gedruckt, man hätte nur hineingucken müssen.“ Aber will man das? Die Unterhaltungsindustrie um den Piraten Klaus Störtebeker brummt. Die Festspiele auf Rügen beginnen am 20 Juni (bis 5. September). Titel: „Aller Welt Feind“.

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