Reformen zur Aufgabenteilung : Kirchen in SH: Die Zeichen stehen auf Veränderung

Der Schleswiger Dom wird auch in Zukunft den Menschen offen stehen. Auf dem Lande allerdings zieht sich die Kirche immer weiter zurück.
Der Schleswiger Dom wird auch in Zukunft den Menschen offen stehen. Auf dem Lande allerdings zieht sich die Kirche immer weiter zurück.

Die Einheiten werden größer. Die beiden großen Kirchen geben sich neue Strukturen – und mancher fürchtet um die Gemeinde vor Ort.

shz.de von
24. Mai 2015, 13:38 Uhr

Seit 800 Jahren steht die Kirche in Großsolt. Aus Feldsteinen errichtet, hoch auf einem Hügel über der Bondenau, ist sie bis heute ein Mittelpunkt des dörflichen Lebens. „In Havetoft und Großsolt haben wir zusammengerechnet über 60 Konfirmanden“, sagt Pastor Philipp Kurowski. Früher, als er noch Pastor in Kiel war, hat er es anders erlebt: An der dortigen Petrikirche wechselte er sich mit seinem Kollegen ab. Nur alle zwei Jahre begleitete er die durchschnittlich acht Jugendlichen, die sich in der Gemeinde zur Konfirmation anmeldeten, zum ersten Abendmahl. „Die Landbevölkerung hat eine ganz andere Bindung an ihre Kirche als die Menschen in der Stadt“, sagt Korowski.

Die Zeichen stehen auf Veränderung

Doch in den ländlichen Räumen in Schleswig-Holstein stehen für die Kirche Veränderungen an. Denn die Kirche, deren Gemeindegliederzahlen seit Jahren zurückgehen, will fit für die Zukunft werden. Schon 2006 hatte der Rat der EKD unter seinem damaligen Vorsitzenden Wolfgang Huber das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ veröffentlicht. Es ging davon aus, dass sich die Evangelische Kirche bis zum Jahr 2030 radikal wandeln müsse, weil auch die Einnahmen radikal zurückgehen würden. „Schwerpunktsetzung statt Vollständigkeit“ und „Beweglichkeit in den Formen statt Klammern an Strukturen“ waren zwei der Stichpunkte des Thesenpapiers, die in der Evangelischen Kirche anschließend heiß diskutiert wurden. Nicht jede Kirchengemeinde sollte mehr alles machen, Kräfte sollen gebündelt werden, Schwerpunkte gesetzt.

Heute sind diese Impulse in der Nordkirche angekommen. Überall wird über neue Strukturen nachgedacht. Der Kirchenkreis Nordfriesland etwa will sogenannte „Kirchspielräume“ bilden. Ein Viertel der dortigen 66 Kirchengemeinden zähle keine 1000 Mitglieder, hatte Propst Kay-Ulrich Bronk bei der Vorstellung des Konzepts auf der Kirchenkreissynode im letzten Herbst in Breklum erklärt. Wenn benachbarte Kirchengemeinden zusammenarbeiteten, könnten Gottesdienstpläne und Gottesdienstvertretungen abgesprochen werden. Den Konfirmandenunterricht könne man gemeinsam machen, bei den Friedhöfen oder der Gebäudeunterhaltung kooperieren. Personelle und finanzielle Ressourcen könnten besser und Kompetenzen gezielter eingesetzt werden.

Finanziell kritische Situation

Im Kirchenkreis Schleswig-Flensburg, zu dem auch Großsolt gehört, wird über die Einrichtung von „kirchengemeindlichen Handlungsräumen“ diskutiert. Denn der Kirchenkreis ist in einer finanziell kritischen Situation. Trotz guter Konjunktur und Kirchensteuereinnahmen in Höhe von rund 18,5 Millionen Euro haben die meisten Gemeinden des Kirchenkreises höhere Ausgaben als Einnahmen. Mehr als eine Million Euro mussten der Kirchenkreis und die Gemeinden aus den Rücklagen entnehmen, wurde auf der Frühjahrssynode im Februar bekannt. „Unser Modell der kleinteiligen Ortsgemeinden trägt nicht mehr, es überfordert uns finanziell“, sagte Pröpstin Johanna Lenz-Aude damals.

Der neue Ansatz sieht vor, Einheiten von mindestens 5000 Gemeindemitgliedern zu bilden, denen zwei Pastoren sowie ein hauptamtlicher Kirchenmusiker, Gemeindepädagogen und Küster, Reinigungskräfte und Sekretariat zur Verfügung stehen. Doch im ländlichen Angeln regt sich dagegen Widerstand. „Das ist ein Konzept aus der Stadt, das aufs Land übertragen werden soll“, sagt Phillipp Kurowski, der Pastor von Großsolt. In seiner Gemeinde ließen sich noch immer 100 Prozent aller Kirchenmitglieder kirchlich bestatten, die Menschen nutzten die Angebote ihrer Kirche intensiv. Wenn nun zwei Pastoren für einen Raum von 5000 Gemeindegliedern zuständig sein sollten, würden sie mit der Arbeit nicht mehr nachkommen. Schon die Fahrstrecken zwischen den Kirchen wären ein Problem.

Auf der Suche

Pröpstin Lenz-Aude dagegen betont, dass über das neue Modell noch nicht entschieden sei. „Die Kirchengemeinden sollen selbst entscheiden, wo sie Schwerpunkte setzen und wie sie kooperieren.“ Zumal es mancherorts schon bestens funktioniert. In der Kirchengemeinde Haddeby etwa hat sich Pastor Kai Hansen, der über Kirche im ländlichen Raum auch seine Doktorarbeit verfasste, für eine stärkere Zusammenarbeit der Pfarrbezirke eingesetzt. Heute haben sich die Pastoren jeweils eigene Schwerpunkte gesucht – der eine macht mehr Seniorenarbeit, der andere verstärkt Konfirmandenarbeit. „Ich finde das Konzept des Kirchenkreises gut – denn noch haben wir Zeit, um unsere Zukunft zu gestalten“, sagt Hansen. „Wir stehen als Kirche noch nicht mit dem Rücken zur Wand.“ Er erwarte, dass die Kirche künftig stärker diakonisch arbeiten muss. „Wir werden uns mehr um Alte, um Einsame und immobile Menschen kümmern müssen“, sagt Hansen. „Es wird weniger eine Gemeindehauskultur geben, als vielmehr eine Kirche, die ein Augenmerk darauf legt, Menschen zu helfen – nicht nur in der Diakonie, sondern auch in den Gemeinden.“

Doch noch gibt es in der Kirche keine klare Meinung zu den Reformprozessen. „Viele Pastoren auf dem Land, viele Landgemeinden erleben das als großen Eingriff“, sagt Klaus Guhl, Vorsitzender des Vereins der Pastorinnen und Pastoren in Nordelbien. Schon das EKD-Papier „Kirche der Freiheit“ sei als „basisfern und nicht gemeindeorientiert“ wahrgenommen worden – und von der anschließenden Entwicklung wurde es überholt: Aufgrund der guten Konjunktur hätten sich die Kirchensteuern viel besser entwickelt als 2006 gedacht.

Es spreche nichts dagegen, Aufgaben zu zentralisieren. „Aber es gibt ein Problem, wenn die Gemeinden vor Ort immer weiter eingegrenzt werden oder der Pastor zu sehr auf irgendwelche Funktionen reduziert wird“, sagt Guhl. Pastoren müssten auch einfach zu erreichende Ansprechpartner für Menschen in Not sein – und der gesellschaftliche Trend, alles zu hierarchisieren und reglementieren, dürfe sich nicht in der Kirche fortsetzen.

Auch Katholiken überlegen

Über neue Strukturen nachgedacht wird im Übrigen auch bei Schleswig-Holsteins Katholiken. Dort sorgen zwar Zuzügler aus katholischen Gegenden Deutschlands und Europas für wachsende Gemeinden. Aber immer weniger junge katholische Männer wollen Priester werden. Weswegen das Erzbistum Hamburg nach Angaben von Pressesprecher Manfred Nielen nun insgesamt 30 sogenannte „Pastorale Räume“ bildet, in denen die bestehenden Pfarrgemeinden zusammengefasst werden. Dabei müssten die Gemeinden nicht immer direkt benachbart sein: „Flensburg und Kappeln denken über einen Pastoralen Raum nach, Eckernförde, Schleswig und Rendsburg über einen anderen.“

Die Entscheidungen über den konkreten Partner hingen stark vom Votum der Gemeinden ab. Künftig würden dann pastorale Teams aus Pfarrern und Laienmitarbeitern die Gemeinde leiten. „Mittlerweile haben die ersten ‚Pastorale Räume‘ ihre Arbeit aufgenommen“, sagt Nielen. „Aber es ist noch ein langer Weg, bis wir mit allem fertig sind.“

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