November 1918 : Kieler Matrosenaufstand: „Wir haben jedes Steinchen umgedreht“

Der Wilhelmplatz, auf dem heute der Jahrmarkt stattfindet, war im November 1918 einer der zentralen Versammlungsorte der aufständischen Arbeiter und Soldaten. Fotos: stadtmuseum kiel
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Der Wilhelmplatz, auf dem heute der Jahrmarkt stattfindet, war im November 1918 einer der zentralen Versammlungsorte der aufständischen Arbeiter und Soldaten.

Das 100. Jubiläumsjahr des Kieler Matrosenaufstands gewährt einen neuen Blick auf ein Stück Nationalgeschichte aus SH.

fju_maj_0203 von
29. Dezember 2017, 12:42 Uhr

Kiel | Eigentlich sind es nur wenige kleine Schritte – aber symbolisch riesengroße. Prinz Heinrich, ältester Bruder des Kaisers und seit Jahrzehnten Repräsentant des Herrscher-Hauses in Schleswig-Holstein, sieht Pistolen auf sich gerichtet. Eine Abordnung der aufständischen Matrosen ist in seiner Residenz, dem Kieler Schloss, erschienen. Sie zwingt den Hohenzollern-Spross, eigenhändig die Treppe bis ganz nach oben auf den Turm hinaufzusteigen – und oben, für jedermann sichtbar, die rote Fahne der Revolution zu hissen.

Diese Episode war in der gängigen Literatur bisher nicht bekannt – und ist ein kleines Beispiel dafür, dass es sich gelohnt hat, in Archiven quer durch Deutschland noch einmal genauer nachzuschauen. „Wir haben jedes Steinchen umgedreht“, sagt Doris Tillmann. Die Leiterin des Kieler Stadtmuseums koordiniert ein Netzwerk aus etwa 50 Wissenschaftlern und weiteren Interessierten, das eine der schicksalhaftesten Stunden der deutschen Geschichte neu ausleuchtet: den Kieler Matrosenaufstand, der im November 1918 zur Abdankung des Kaisers führte und den Weg zur ersten Demokratie in Deutschland, der Weimarer Republik, geebnet hat.

Anlässlich der 100. Wiederkehr des Datums will die Stadt Kiel das ganze neue Jahr zur Erinnerung an die Revolution nutzen. „Immerhin geht es um ein Ereignis von nationalgeschichtlicher Bedeutung“, unterstreicht Tillmann. „Wir können durchaus stolz darauf sein, dass der Schauplatz hier in Schleswig-Holstein war“, meint die Forscherin – der indes bewusst ist, „dass die meisten Einheimischen diese Dimension des Ereignisses bisher gar nicht wahrnehmen“.

Der Matrosenaufstand als Historien-Malerei: Dieses Schulwandgemälde entstand in der DDR, das die Ereignisse in Kiel als Keimzelle des Sozialismus auf deutschem Boden deutete.
Foto: Stadtmuseum Kiel
Der Matrosenaufstand als Historien-Malerei: Dieses Schulwandgemälde entstand in der DDR, das die Ereignisse in Kiel als Keimzelle des Sozialismus auf deutschem Boden deutete.
 

Für die große Jubiläums-Ausstellung im Schifffahrtsmuseum, in die die Spurensuche der Rechercheure ab Mai gipfelt, verspricht Tillmann die mit Abstand umfassendste Darstellung, die es je zu dem Thema gegeben hat. „Nur mit einem multiperspektivischen Ansatz lässt sich das Geschehen überhaupt verstehen“, sagt sie. Was eigentlich selbstverständlich klingt, ist neu für ein Thema, das in der Vergangenheit meist auf die Betrachtung aus einem bestimmten politischen Blickwinkel reduziert worden ist.

Die Linke und später per Staatsdoktrin die DDR stilisierte den Matrosenaufstand zur Wiege des Sozialismus auf deutschem Boden hoch. Die Rechte sah die Befehlsverweigerung der Marinesoldaten als Meuterei vaterlandsloser Gesellen. Diese Lesart wurde zum Nährboden für die berühmte Dolchstoßlegende. Ihr zufolge waren die deutschen Streitkräfte an den Fronten des Ersten Weltkriegs unbesiegt. Sie seien quasi von hinten, nämlich den Aufständischen in der Heimat, erdolcht worden.

5000 aufständische Soldaten treffen auf 70.000 wütende Arbeiter

Dabei hatte die Oberste Heeresleitung gegenüber der Reichsregierung bereits zu erkennen gegeben, dass der Krieg nicht zu gewinnen sein würde – und die Politik insgeheim aufgefordert, mit den Alliierten über Frieden zu verhandeln. Als die Admiralität der Marine in dieser Lage zu einem letzten Gefecht gegen England auslaufen wollte, weil sie es für ehrenvoller hielt, im Kampf draufzugehen als sich zu ergeben – da machten die untersten Dienstgrade nicht mehr mit. Sie verweigerten den Befehl zum Auslaufen aus Wilhelmshaven, wo die Flotte zunächst versammelt war.

Um die brodelnde Masse der Matrosen zu entzerren, schickte die Seekriegsleitung das besonders aufständische dritte Geschwader nach Kiel. Wo es am 1. November ankam und es sich als Lunte erweisen sollte: Die rund 5000 Soldaten trafen in Kiel auf rund 70.000 Arbeiter. Unter denen rumorte es wegen Versorgungsmängeln, sinkenden Löhnen und steigenden Leistungsdrucks ohnehin schon. Beide Gruppen schmiedeten in der Stadt Deutschlands ersten Arbeiter- und Soldatenrat, forderten Lebensmittel, Frieden und eine soziale Republik. Fotos vermitteln per Bildsprache, dass die Monarchie nicht mehr anerkannt wurde: Die Aufnahmen zeigen Matrosen mit abgewandelten Mützenbändern. Ursprünglich stand darauf vor dem jeweiligen Schiffsnamen das Kürzel „SMS“ – für „Seiner Majestät Schiff“. In den Revolutionstagen tauchten Mützenbänder auf, auf denen nur noch das zweite „S“ übrig war – schlicht für das „Schiff“ an sich.

Mehrere Tote und ein Massen-Blutvergießen

Sieben dramatische Tage lang schwankte Kiel hin und her zwischen dem Aufstand, vergleichsweise schwacher Gegenwehr der alten Obrigkeit und sozialdemokratischen Vermittlungsversuchen. So genannte „Sturmvögel“ der Aufständischen schwärmten in den ersten Novembertagen 1918 in weite Teile Deutschlands aus, exportierten das Modell Arbeiter- und Soldatenrat in andere Städte – und bewirkten so, dass am 9. November Kaiser Wilhelm abdankte und der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann von einem Fenster des Berliner Reichstags die Republik ausrief.

Dass die „Sturmvögel“ mehrere Tausend waren und von Kiel aus in mindestens 50 Städte ausgeflogen sind: Das zählt auch zu den vielen bisher unbekannten Fakten, die das Kieler Recherche-Team herausgefunden hat. Mehr als 100 Archive hat es dazu angefragt. Die Reisetätigkeit wird sogar gegenständlich greifbar: Es fanden sich Fahrkarten, versehen nicht mit einem normalen Reichsbahn-Stempel, sondern mit einem des Arbeiter- und Soldatenrats, der eigens in jenen dramatischen Tagen geprägt worden war.

Dass damals in Kiel auch Gewalt im Spiel war, es mehrere Tote gab und ein Massen-Blutvergießen nur mit Glück vermieden wurde – davon vermittelt eine Original-Gewehrkugel von damals eine Ahnung. Sie fand sich aus einem Nachlass in Thüringen an. Die Familie lieferte die Geschichte ihres seinerzeit in Kiel anwesenden Vorfahren gleich mit: In einem öffentlichen Pissoir hatte der sich in den Novembertagen vor einem Kugelhagel in Sicherheit gebracht – und nach überstandenen Schreckmomenten zur Erinnerung eine Kugel aus der Stahlwand herausgebrochen.

Große Jubiläumsausstellung geplant

400 Exponate und mehr als 200 Fotos stellen Tillmann und ihre Kollegen derzeit für die Jubiläumsausstellung zusammen. Im Februar schließt dafür eigens das Schifffahrtsmuseum, damit dort die übliche Präsentation beiseite geräumt und die am 6. Mai öffnende 1918er-Schau aufgebaut werden kann. Vom selben Zeitpunkt an soll, verteilt auf zwei begehbare Container, auch eine Wanderausstellung über den Matrosenaufstand quer durch Schleswig-Holstein starten. Sie entsteht in Regie des Landes-Bildungsministeriums.

Tillmann stellt einen „neuen Blick“ auf die Ereignisse und ihre Rezeptionsgeschichte in Aussicht. „Die letzten großen Forschungen gab es in den 70er- und frühen 80er-Jahren“, gibt die Museumsleiterin zu bedenken. „Heute haben wir neben der politischen Dimension viele weitere Fragestellungen rund um das Thema – sozial-, kultur- und mentalitätsgeschichtliche oder die Rolle der Frauen bei den Umbrüchen zum Beispiel.“ Und vor allem die Bereitschaft zu einem unvoreingenommenen Zugang. Die sieht Tillmann erst seit der Wiedervereinigung als möglich an, nachdem sich festgefahrene Weltbilder aufgelöst haben: „Neu ist die Akzeptanz zu sagen: Das war wirklich eine Wegmarke der deutschen Demokratiegeschichte.“

Volles Programm zum Jubiläum

Auch wenn die Feiern zum 100-jährigen Jubiläum der Novemberrevolution in Kiel erst im November 2018 ihren Höhepunkt erreichen – die Landeshauptstadt erinnert das ganze neue Jahr hindurch an den historischen Wendepunkt. Zum Beispiel mit Ausstellungen,  Theatervorstellungen, Konzerten, Stadtrundgängen, Vorträgen, Lesungen und Filmen. Zugleich hat die Stadt die Kampagne „Und wofür stehen Sie  auf?“ lanciert. Sie wirbt, unter anderem mit Postkarten, für Demokratie und Zivilcourage. Hier ist das Veranstaltungsprogramm für das erste Halbjahr ist zu finden.

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