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Nolde-Stiftung in Seebüll : Jahresschau: Emil Nolde und die Rückkehr der gestreiften Ziege

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Nolde-Stiftung hat mit dem Ölgemälde „Stillleben (mit gestreifter Ziege)“ ein zentrales Werk Emil Noldes erworben. Es steht im Mittelpunkt der neuen Jahresschau, die ab Sonnabend für Besucher geöffnet ist.

Seebüll | Es gab zwei Frauen in Emil Noldes Leben – und zwei Testamente. Gemeinsam mit seiner ersten Ehefrau Ada hatte der Maler 1946, kurz vor ihrem Tod, die Einrichtung der Nolde-Stiftung festgelegt. Sie sollte nach dem Ableben der beiden dem umfangreichen Werk des Expressionisten eine Heimat geben.

Sieben Jahre später, im Juni 1953, erweiterte der damals 85-jährige Maler seinen letzten Willen um ein zusätzliches Blatt, auf dem er in zittriger Schrift „Bestimmt für meine Frau Jolanthe“ notierte. Jolanthe war seine zweite Ehefrau, 56 Jahre jünger als Nolde. Sie hatte ihm nach Adas Tod die Lebenfreude zurückgegeben – und er wusste, was er ihr schuldete. „Sie ist 26 Jahre u. Studentin der Germanistik, das sie nun aufgibt, um dem Künstlermenschen ein Glück u. meine Sonne zu sein“, schrieb Nolde an einen Freund. Nach der Hochzeit erweiterte er sein Testament zu ihren Gunsten.

20 Gemälde, die ihm besonders am Herzen lagen und die nach seinem Tode in Jolanthes Besitz übergehen sollten, listete Nolde auf. Außerdem noch 20 Aquarelle und 20 Grafiken. Er ahnte wohl, wie gut er seine zweite Ehefrau, die keine Ausbildung hatte, damit bis zu ihrem Tod im Jahr 2010 versorgen würde. Heute erzielen Nolde-Werke auf dem internationalen Kunstmarkt Millionensummen.

Damals, vor gut 60 Jahren, notierte Nolde ganz am Ende von Jolanthes Gemäldeliste: „Stilleben (mit gestreifter Ziege)“, ein Ölgemälde aus dem Jahr 1920. Das Bild ist jetzt nach Seebüll zurückgekehrt, die Stiftung hat es mit Mitteln der Kulturstiftung der Länder von Jolanthe Noldes Erben erworben. „Damit schließen wir eine Lücke in unserer Sammlung. Wir haben das Bild nach freundschaftlichen Gesprächen zu einem Preis gekauft, der sich am Markt orientiert“, sagte Stiftungsdirektor Christian Ring gestern während der Präsentation der Jahresschau, in deren Zentrum die Neuerwerbung steht. Zum Preis wollte Ring keine Angaben machen; er dürfte aber, wenn man die marktüblichen Kurse der Auktionshäuser zu Grunde legt, zwischen 600.000 und 800.000 Euro liegen.

So stand also eine grün-weiß gestreifte Ziege gestern während eines ersten Rundgangs durch die neue Jahresschau im Zentrum. In einem Glaskasten neben dem Gemälde präsentieren die Ausstellungsmacher die Modelle für das neu erworbene Werk: Eine fünf Zentimeter hohe Glasziege und eine nur wenig größere mexikanische Bronzefigur mit Sonnen-Emblem, die sich in Noldes Nachlass befanden. Nippes, der neben einem Strauß Mohnblumen in großer und wertvoller Kunst verewigt wurde.

Insgesamt 142 Werke werden in der Jahresschau mit dem Titel „Emil Nolde – Die Kunst selbst ist meine Sprache“ gezeigt, darunter sind acht Gemälde, 37 Aquarelle und eine Lithografie, die erstmals in der Nolde-Stiftung ausgestellt werden – und wieder einmal eine Ahnung davon geben, wie reich die Seebüller Sammlung auch ohne die Zukäufe schon ist. Dass es trotzdem immer schwieriger wird, die Besucher nach Seebüll zu locken, machte Ring in seiner Bilanz des Jahres 2014 deutlich. 58.000 Besucher kamen im vergangenen Jahr, das sind 4400 weniger als 2013.

Der Besucherschwund sei, so Ring, ein allgemeiner Trend bei vielen Museen in Schleswig-Holstein. „Für die ‚Generation Deutschstunde‘ ist der Weg zu uns mittlerweile zu beschwerlich geworden“, sagte Ring unter Anspielung auf den gleichnamigen Roman von Siegfried Lenz aus dem Jahr 1968. Nolde diente als Vorbild für die Figur des Malers Nansen in dem Bestseller. „Wir müssen familienfreundlicher werden und neue Besuchergruppen anlocken“, sagte Ring. Ein Kinderbuch, das im Mai erscheint, soll dabei ebenso helfen wie das neue Familienticket.

Und ein immer neuer Blick auf die einzigartige Sammlung der Stiftung. In diesem Jahr überraschen zwei Ausstellungsbereiche zwischen den Ölgemälden, Aquarellen, Lithografien, „Ungemalten Bildern“ und grün-weißen Ziegen: 15 Stickarbeiten von Ada Nolde nach Entwürfen ihres Mannes sind ebenso Teil der Schau wie die Pinsel und Farbpaletten Emil Noldes. Während die Paletten in ihrer leuchtenden Farbigkeit beinahe selbst wie Gemälde wirken, sind die Pinsel eine echte Überraschung. Mit ihren fast einen Meter langen Stielen und ihren breiten Borstenköpfen geben sie einen interessanten Einblick in Noldes Arbeitsweise: Er stand während des Malens offensichtlich relativ weit weg von seinen Bildern und muss den Pinsel mitunter wie eine Stichwaffe geschwungen haben; eine interessante Vorstellung – nicht nur für die „Generation Deutschstunde“.


„Die Kunst selbst ist meine Sprache“: Nolde-Stiftung Seebüll, Neukirchen. 28. Februar bis 30. November, täglich 10 bis 18 Uhr. www.nolde-stiftung.de

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erstellt am 26.Feb.2015 | 10:14 Uhr

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