Streit um Geschosse : Jäger gegen bleifreie Munition: „Wir quälen die Tiere“

Chris Balke von der Schweißhundstation Schaalsee.
Chris Balke von der Schweißhundstation Schaalsee.

Mit Munition ohne Blei kommt es laut Landesjagdverband zu einer „innerlichen Verpuffung“ im Tierkörper. Das Wild schleppt sich dann angeschossen davon.

shz.de von
26. Mai 2015, 13:18 Uhr

Flintbek | Der Streit um die bleifreie Munition in Schleswig-Holstein ist noch lange nicht verraucht. „Wir registrieren katastrophale Ergebnisse“, berichtet Heiner Gosch (75) aus Langenhorn von der Kreisjägerschaft Nordfriesland. So hätten ihm Kollegen auf einem Schießstand in Tellingstedt im Kreis Dithmarschen berichtet, dass bei 18 bleifreien Schüssen auf ebenso viele Wildtiere nicht eines „im Feuer gefallen“ sei.

Hintergrund: Seit dem 1. April dieses Jahres darf in Schleswig-Holstein nur noch mit bleifreier Büchsenmunition geschossen werden. Der Landesjagdverband in Flintbek bei Kiel hatte sich stets kritisch zu dem neuen Gesetz des Landes geäußert. Beim Verband gingen auch immer noch viele Beschwerden der Mitglieder ein, sagt ihr Sprecher Marcus Börner.

Es gehe dabei nicht so sehr um die Treffergenauigkeit, sagt Gosch. „Die Einschüsse sind stets da, wo sie sein sollten. Aber anders als bei Bleimunition gibt es beim Tier zu oft keinen Ausschuss.“ Mit fatalen Folgen, wie der 75-Jährige skizziert. Es komme zu einer „innerlichen Verpuffung“ im Tierkörper. Oder das Tier werde nicht sofort getötet, sondern laufe noch bis zu fast zwei Kilometer weiter. Gosch: „Wir quälen mit bleifreier Munition die Tiere.“

Den Effekt, dass das Wild noch lange weiterläuft, obwohl der bleifreie Schuss sitzt, bestätigt Chris Balke (40) vom Verein Schweißhundstation Schaalsee in Grambek im Kreis Herzogtum Lauenburg. An einer solchen Station werden Hunde gehalten, die ausgebildet wurden, die Spuren eines durch einen Schuss oder einen Unfall verletzten Schalenwildes aufzunehmen und zu verfolgen. „Nachsuche“ nennen die Waidmänner diese Arbeit, die das Ziel hat, verletztes Wild vor langem Leiden zu bewahren oder schwer aufzufindendes Wild schnell zu bergen.

Doch die Arbeit ist mehr geworden – und schwieriger. „Die Fluchtstrecken der geschossenen Wildtiere haben sich mindestens verdreifacht“, sagt Balke. Er nennt als Beispiel einen perfekten Lungenschuss beim Reh. Mit Bleimunition habe das Tier höchstens 30 weitere Sekunden gelebt und dabei maximal noch 50 bis 60 Meter zurückgelegt. Dann sei es tot gewesen. „Jetzt hingegen haben wir Fluchtstrecken bis zu 1000 Meter“, sagt der Schweißhundeführer.

Die Einsatzzahlen seiner Station – der einzigen hauptberuflichen dieser Art in Deutschland – belegten dies, sagt Balke. „In meinen fast 20 Jahren habe ich bereits um die 10.000 Einsätze gehabt – dabei gab es bei der bleihaltigen Munition bislang vielleicht gerade mal drei Tiere, die trotz Lungenschusses noch gelebt haben.“

Anders hingegen seit dem vergangenen Jahr. „Bei der bleifreien Munition hatten wir allein 2014 bereits 14 solcher Fälle“, berichtet Balke. Zu seinem Einsatzgebiet gehört nicht nur der Südosten Schleswig-Holsteins, sondern ein großer Bereich in Mecklenburg-Vorpommern. Und in dem benachbarten Bundesland war die bleifreie Büchsenmunition bereits ein Jahr zuvor – am 1. April 2014 – eingeführt worden.

„Das alles kann ich überhaupt nicht nachvollziehen“, sagt Steffen Ahnert in Neumünster, zuständig für die Jagd und die Wildvermarktung in den Schleswig-Holsteinischen Landesforsten. „Seit zwei Jahren bereits verwenden wir ausschließlich bleifreie Munition“, sagt Ahnert. Insgesamt 8000 Tiere beim Schalenwild seien in dieser Zeit geschossen worden. Fazit: „Sowohl von den Revierleitern wie auch von den Gästen, die immerhin 75 Prozent der Jagd in unseren Revieren ausmachen, gab es bislang nicht einen, der Schwierigkeiten hatte.“ Er persönlich schieße sogar seit zehn Jahren mit bleifreier Munition – mit stets positivem Effekt, so Ahnert.

Bei den Landesforsten werde allerdings auch unter anderen Bedingungen gejagt, sagt Marcus Börner, Sprecher des Landesjagdverbandes. Und zwar meistens auf kurze Distanz, da in den Wäldern die Sicht eher begrenzt sei. Außerhalb des Waldes, auf Äckern und Wiesen, werde hingegen häufig auf weite Distanzen geschossen. „Und dort ist bei der leichteren bleifreien Munition die Zielballistik eine andere“, sagt Börner. „Nur in Einzelfällen verdaut der Lauf einer Waffe das neue Geschoss nicht“, räumt Steffen Ahnert von den Landesforsten in diesem Zusammenhang ein. Beim Kaliber über sieben Millimeter gebe es jedoch bereits bis zu vier Wahlmöglichkeiten bei den Geschossen. Genau in diesem Punkt aber müssten viele Jäger jetzt erst einmal Erfahrungen sammeln, entgegnet Börner. So gebe es viele Geschossarten, die völlig unterschiedlich reagieren und erprobt werden müssen. „Die Erfahrungen muss jeder einzelne Jäger für sich jetzt erst einmal machen.“

„Grundsätzlich sind wir gar nicht gegen die Neuerung“, sagt der Nachsuche-Experte Chris Balke. „Aber man hätte den Jägern mehr Zeit – so vier bis fünf Jahre – geben sollen. Dann hätte es Hoffnung gegeben, dass die Industrie mit der Entwicklung der neuen Geschosse hinterher kommt“, so Balke.

Das Umweltministerium in Kiel mag den Einwänden nicht folgen. „Jede Jägerin und jeder Jäger hatte genügend lange Zeit, sich auf bleifreie Munition umzustellen und diese auch zu erproben“, sagt Ministeriums-Sprecherin Nicola Kabel. „Erfahrungen mit bleifreier Munition gibt es bereits aus vielen Ländern. Die Jagd damit ist zeitgemäß und vielfach erprobt.“ So registriere das Ministerium weder eine steigende Zahl von Beschwerden noch seien gravierende Probleme bekannt geworden. Demzufolge gebe es „zurzeit keine Überlegungen zu weiteren gesetzlichen Änderungen auf Landesebene“.

Fazit: Am neuen Landesjagdgesetz wird nicht gerüttelt, der Jäger hat sich daran zu halten. „Der eine oder andere wird aber trotzdem noch seine alte Bleimunition aufbrauchen“, glaubt Heiner Gosch. „Nämlich dann, wenn er das Wildbret nicht veräußert und nur für sich selbst behält.“ Gosch warnt allerdings: „Auch in diesem Fall ist das nicht mehr erlaubt.“
 

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