Architektur : Ist die Kieler Universität ein Denkmal?

Schützenswert? Der Kieler Uni-Campus. Foto: jr
Schützenswert? Der Kieler Uni-Campus. Foto: jr

Ein Buch als Debatten-Auslöser: Universitätspräsident Fouquet und Landeskonservator Michael Paarmann streiten sich um Gebäude-Schutz.

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23. April 2011, 12:37 Uhr

kiel | Hoch schlugen die Wellen, als 2008 die Kieler Universitätsbauten aus der Zeit der 1930er bis in die 1970er Jahre unter Denkmalschutz gestellt wurden. Nicht nur um den Geschmack ging es da, weil viele Zeitgenossen den kantigen Bauten jener Jahre auf den ersten Blick wenig Denkmalwürdigkeit abzuringen vermögen. Auch ganz praktische und vor allem finanzielle Belange spielten eine Rolle.
Nun hat das gescholtene Landesamt für Denkmalpflege einen opulenten Bildband herausgebracht, um für die Architektur des 20. Jahrhunderts eine Lanze zu brechen. Man denke nur einmal an die Debatten vor Jahrzehnten, als viele den Bauten der Gründerzeit und des Jugendstils jede Denkmalwürdigkeit absprechen wollten, weil sie sich an deren Formen sattgesehen hatten. Heute steht man vor den nächsten Baugenerationen - und die Denkmalpfleger haben per Gesetz die Aufgabe, deren Denkmalwürdigkeit nach 30 Jahren zu prüfen. Dabei geht es um nicht weniger als den Schutz der kulturellen Identitäten der Gesellschaft, der in Bezug auf die jüngere Architektur nur allzu oft der Abstand zur Wertschätzung fehlt.
"Beiträge zur Denkmalpflege in Schleswig-Holstein 1" heißt es auf dem Einband des Buches, das zugleich eine Grundsatzdebatte um die Denkmalpflege einzuläuten scheint. Auf 250 Seiten beleuchten sieben Autorinnen und Autoren unter der Regie des Architekten Nils Meyer und der Denkmalpflegerin Astrid Hansen den Campus der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
Der "Blaue Christian" kam in den 60-er Jahren hinzu
Dabei ist wesentlich, dass die alte Kieler Universität des ausgehenden 19. Jahrhunderts am Kieler Schlossgarten im Zweiten Weltkrieg bis auf Ausnahmen zerstört worden ist - man begann daher nach 1945 auf der "Grünen Wiese" in den Gebäuden des einstigen Elac-Konzerns am Westring, um dann nach und nach Gebäudekomplexe hinzuzufügen. Trotz mancher Abrisse und Umbauten ist von den Elac-Gebäuden der 1930er und 1940er Jahre wie auch von den ersten universitären Umnutzungs-Einbauten nach 1945 viel Originalsubstanz vorhanden, die schon heute wie ein Ausflug in die Geschichte anmuten - der Hebbel-Hörsaal mit seinem hölzernen Gestühl etwa. Es folgte in den 60er Jahren der "Blaue Christian" - das Verwaltungshochhaus nebst der dreieckigen Kirche, der Bibliothek, dem markanten Auditorium Maximum, dem Studentenhaus und dem Sechseckbau mit Theaterbühne. Der bewusste Einsatz geometrischer Grundformen bis hin zur Gestaltung der Blumenrabatten als formale Analogie einer Idee von Wissenschaft macht diesen Teil des Campus aus. In freieren Formen folgte in den 1970er Jahren das Sportforum mit seinen auf- und absteigenden Dächern. Das Buch gibt Empfehlungen für einen denkmalgerechten Umgang mit den Gebäuden.
Eben diese "Empfehlungen" sind es, die Universitätspräsident Gerhard Fouquet stören, weil er sich eingeschränkt fühlt bei den notwendigen Bausanierungen und Renovierungen. Denn bei denkmalgerechten Sanierungen würden höhere Kosten entstehen - bei der knappen Haushaltslage "ein hohes Risiko für die ordnungsgemäße Aufrechterhaltung von Forschung und Lehre". Landeskonservator Michael Paarmann lässt das so nicht gelten, weil konkreter Mehrbedarf bislang kaum benennbar sei. Am liebsten wäre es Paarmann, wenn man sich endlich einmal mehr auf die bauhistorischen Werte einlassen würde, anstatt mit finanziellen Totschlagargumenten zu operieren. Wegen derartiger Differenzen verzichtete man unlängst gar auf eine gemeinsame Pressekonferenz für das Buch.
"Bei der Unterschutzstellung der Gebäude der Universität kam es nicht zu einem angemessenen Abwägen der berechtigten Interessen des Denkmalschutzes und den ebenso berechtigten Interessen von Forschung und Lehre an der Universität", erklärt der Präsident. Dem hält der Landeskonservator entgegen, dass sehr wohl frühzeitig mehrere Gespräche mit der Universitätsleitung geführt worden seien. "Die Publikation sollte die Augen öffnen für die Qualitäten der Geschichte dieser Universität", sagt Paarmann. Und inzwischen ist man sich immerhin in einem einig - im Mai sollen weitere Gespräche geführt werden.
Astrid Hansen, Nils Meyer: "Universität als Denkmal", Verlag Ludwig.

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