Adel Tawil im Interview : „Im Studio bin ich zum Diktator mutiert“

Seit rund 20 Jahren im Musikgeschäft: Sänger Adel Tawil.
Seit rund 20 Jahren im Musikgeschäft: Sänger Adel Tawil.

Mit „Lieder“ hat „Ich+Ich“-Mitglied Adel Tawil sein Debütalbum veröffentlicht. Beim Interview bei Radio Schleswig-Holstein sprachen wir mit ihm über Perfektionismus, Zivilcourage und Selbstzweifel.

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26. November 2013, 06:00 Uhr

Adel, mit „Lieder“ hast du nach rund 20 Jahren im Musikgeschäft dein erstes Soloalbum herausgebracht. Warum war es genau jetzt an der Zeit?
Es war lange Zeit ein Thema, ob ich ein Debütalbum herausbringe. Soloalbum klingt immer ein bisschen komisch. Das klingt nach 80er-Jahre-Rockband und „Ihr könnt’ mich alle mal, ich mache jetzt mein eigenes Ding“. Das haben auch viele Leute in meinem Umfeld nicht begriffen. Die haben immer gesagt: „Du musst dein eigenes Album jetzt ganz anders machen als damals mit „Ich+Ich“. Und wieder andere haben gesagt: „Das muss ganz genauso klingen“. Aber ich selbst habe gesagt: Das muss einfach Ich sein. Ich bin auch ein Teil von „Ich+Ich“ und habe mich in diesem Album auch musikalisch wiedergefunden. Deswegen war für mich immer klar, dass ich diese Reise erstmal mache, bis es sich für mich und für uns nicht mehr richtig anfühlt. Damit meine ich nicht das Projekt „Ich+Ich“. Wir wollten aber einfach kein viertes Album hinterherhauen. Wir hätten uns nur wiederholt und es wäre nur um Geld gegangen, da bin ich ganz ehrlich. Die Plattenfirma wollte auch ein Best-Of-Album herausbringen, aber es fühlte sich zu diesem Zeitpunkt nicht gut an. Und da kam meine Chance, da dachte ich: „Jetzt muss ich auch mal selber ran“.

Wie fühlt es sich an, plötzlich auf sich allein gestellt und sein eigener Chef zu sein?
Das war die Schwierigkeit, damit musste ich erstmal klarkommen. Wenn man gemeinsam etwas macht, dann ist da immer eine gewisse Reibung. Der eine findet etwas gut, der andere nicht. Dann versucht man solange zu werkeln, bis es passt. Und dadurch entsteht etwas völlig Neues. Ich bin auch nicht so der entscheidungsfreudigste Mensch. Ich lasse die Dinge eher fließen. Ich wollte die Verantwortung auch immer weggeben. Aber es hat nie funktioniert, denn hinterher habe ich immer gemeckert, weil es mir nicht gefiel. Und irgendwann saß ich da und dachte: „Ich muss es jetzt selbst machen“.

In deiner ersten Single-Auskopplung „Lieder“ kommen zahlreiche Musiktitel oder übersetzte Textstellen englischer Songs vor. Ist dein musikalisches Spektrum wirklich so breit, wie es in dem Song zu hören ist?
Das Spektrum ist so breit, weil es nicht alles meine Lieblingslieder sind. Das wird oft falsch verstanden. Ich bin beispielsweise kein riesiger Bros-Fan gewesen. Aber der Song „When will I be famous“, der lief in der Zeit, in der ich mit meiner Musik bekannt werden wollte. Ich habe alle Songs verwendet, die eine Aussage haben, die ich mit einer bestimmten Situation verbinde, oder die das sagen, was ich damals sagen wollte. Es ist ja nicht nur eine Aneinanderreihung von Liedern. Ich versuche wirklich, eine Geschichte zu erzählen.

Auf dem Album sind unter anderem Sido und Prinz Pi vertreten. Nach welchen Kriterien suchst du deine Gastmusiker aus?
Nach Menschlichkeit und Gefühl. Mit Sido hatte ich vorher bereits den Song „Der Himmel soll warten“ aufgenommen. Prinz Pi ist auch ein super Typ, ein ganz toller Mensch. Im Grunde genommen hat das ganze Album nur Spaß gemacht. Die anstrengenden Phasen kamen immer dann, wenn ich alleine war. Dann kamen die Selbstzweifel. 

Den Song „Dunkelheit“ singst du gemeinsam mit deiner Frau Jasmin. Stimmt es, dass sie dich bei der Aufnahmes ihres Parts aus dem Studio verbannt hat?
Das ist richtig. Es war wohl so, dass ich in der entscheidenden Phase meiner Albumproduktion im Studio zum Diktator mutiert bin. Ich habe wirklich alles immer wieder auf den Prüfstand gestellt, jedes Lied, jede Zeile, jeden Sound. Ich war selbst von mir überrascht, weil ich mich überhaupt nicht so kenne. Ich bin eigentlich völlig gechillt. Getreu dem Motto: „Was Du heute kannst besorgen, das verschieb’ auf übermorgen“. Aber bei meinem eigenen Album war das ganz anders. Und darauf hat Jasmin wohl keine Lust gehabt und ihren Part alleine aufgenommen. Und ich war am Ende begeistert.

Du bist Botschafter des Eurovision Song Contest 2014. Warum trittst du nicht selbst in Kopenhagen an?
Mir wäre das viel zu viel Trubel. Ich gehe im Frühjahr auf Tour und davor habe ich schon richtig Bammel. Wenn ich mir vorstelle, vor 40 Nationen auf einer ESC-Bühne zu stehen, da kriege ich Panik. Du wirst ja bewertet – und dann heißt es vielleicht: „Germany – one point“. Da würde ich durchdrehen.

Du bist vor kurzem in einem gefakten Radio-Interview mit der britischen Sängerin Adele verwechselt worden und erstaunlich locker geblieben. Was bringt dich richtig auf die Palme?
Wenn ich Menschen sehe, die anderen weh tun. Da würde ich auch einschreiten. Zivilcourage finde ich ganz wichtig.

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