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Peter Maffay im Interview : "Ich habe mich noch nicht gefunden"

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Vier Jahrzehnte Peter Maffay: Anlässlich seines 40. Bühnenjubiläums sprach der Sänger im Interview über sein neues Album, Erfolgsdruck und den Weg zu sich selbst.

Herr Maffay, Ihr neues Album heißt "Tattoos". Welche Bedeutung steckt hinter diesem Titel?
Das ist natürlich alles eine Interpretationsfrage und meine persönliche Sicht. Ich glaube einfach, dass Musik in vielen Sichten daherkommt, wie Tattoos. Man hat Songs, die begleiten einen ein ganzes Leben lang. Musik hängt sehr oft mit Gesichtern, Geschichten und Erlebnissen zusammen. Wenn ich Musik höre, dann tauchen solche Dinge aus der Vergangenheit sehr oft auf. Bezogen auf meine eigenen Songs ist es natürlich auch nicht anders. Wenn ich beispielsweise "Du" nach vierzig Jahren wieder spiele, dann kommt einiges an Erinnerungen hoch. Ich glaube, dem Publikum geht es nicht anders. Wenn die Menschen zu uns ins Konzert kommen, dann sehe und erlebe ich sie von Angesicht zu Angesicht. Und in diesen Momenten bilde ich mir ein, dass sich diese Erinnerungen in manchen Gesichtern zumindest ansatzweise widerspiegeln. Wenn ich singe "Ich war 16 und sie 31", dann sehe ich es manchmal ein wenig blitzen (schmunzelt). Das sind natürlich Dinge, die jeder individuell für sich interpretiert. Daher der Titel "Tattoos". Es sind weniger die gemeint, die tatsächlich existieren, sondern wirklich die Musik.
Sie haben Ihre größten Hits mit einem Orchester neu aufgenommen. Wie kam es dazu?
Die Idee war, dass sowohl wir als Band wie auch das Publikum Lust haben, Songs von früher wieder zu hören und zu spielen. Daher gibt es verschiedene Versionen. Im Laufe der Zeit hat man die Songs auch ein wenig der jeweils gültigen Stilistik angepasst. Die Verführung, mit einem großen Orchester zusammenzuarbeiten, ist groß, weil es einfach ein Klangkörper ist, den eine Band nicht erzeugen kann. Wir können nicht klingen wie eine Harfe oder wie Streicher. Wir können es mittels Technik andeuten, aber es wird nie der Qualität gleichkommen, die ein Orchester handgespielt erzeugt. Es hat eine besondere Magie, mit 30 oder 35 Leuten auf der Bühne zu stehen und dieses Soundgefühl komplementär zu erleben.
Sie feiern in diesem Jahr Ihr vierzigstes Bühnenjubiläum, haben fast alles erreicht. Haben Sie noch Ziele?
Klar. Für mich schwingt das Wort "Nimmersatt" nicht mit. Es ist nicht so, dass ich den Kanal nicht vollkriege. Aber es gibt immer noch nichts Berufliches, was mir besser gefällt als das, was ich mache. Die Konfrontation mit dem Publikum, die Ebene, die wir beziehen können, über vierzig Jahre auf der Bühne zu stehen und Aufmerksamkeit auf uns zu lenken, das ist ein Privileg. Das ist sehr wertvoll. Wir versuchen, damit richtig umzugehen. An dieser Haltung hat sich nichts geändert - eher vertieft sie sich. Durch die Erfahrung, die man sammelt, relativiert man etliche Positionen und macht das, was früher wichtig schien, zu unwichtigen Positionen. Man fokussiert sich auf wichtige Dinge - und dazu gehört die Berührung mit dem Publikum.
Was hat sich im Verlauf der Jahre geändert?
Die Tätigkeiten sind viel mannigfaltiger geworden. Früher ging es wirklich nur um Musik. Und mit der Musik war damals auch ein extrem hoher Egoismus verbunden. Als Newcomer versucht man, auf der Aschenbahn alles platt zu machen, was sich einem in den Weg stellt. Man will ja schließlich nach vorne. Das ist wie bei einem Sportler. Das ist auch heute noch so. Aber neben dieser Aschenbahn gibt es auch andere Bahnen, die nicht mit demselben Tempo durchschritten werden. Und durch das andere Tempo lassen sie auch andere Ausblicke zu. Wenn man ein bißchen langsamer unterwegs ist, sieht man manchmal mehr. Damit meine ich unter anderem meine Stiftung, aber auch andere musikalische Projekte. Begegnungen. Tabaluga. Rock n Roll und Märchenonkel - wie geht das? Diese Frage gab es durchaus - auch, wenn sie völlig hirnrissig ist. Ich kenne ziemlich viele Rock n Roll-Märchenonkel (lacht).
Spüren Sie nach vierzig Jahren im Show-Geschäft inzwischen eine gewisse berufliche Gelassenheit? Oder ist der Erfolgsdruck vor jeder neuen Platte nach wie vor vorhanden?
Der ist immer noch vorhanden. Nehmen wir noch einmal das Beispiel mit der Aschenbahn. Die ist ja immer noch da. Wenn ein neues Album herauskommt, dann gibt es ein Organ, an dem man ablesen kann, wie sich die Dinge entwickeln: die Charts. Die sagen jedoch nicht immer zwangsläufig etwas über die Qualität einer Scheibe aus. Aber darüber wie sie angenommen und vermarktet wird durchaus. Da gibt es dann sehr viele, die sehr genau hingucken, was da passiert. Unter anderem die Rundfunkanstalten. Die sind der Multiplikator für uns Künstler. Und je nach dem, wie sich etwas entwickelt, wird es dort dann meistens auch gespielt.
Wie schaffen Sie es, trotz Ihres Erfolges auf dem Boden zu bleiben?
Das ist bei 1,68 m nicht schwer (lacht). Ich will jetzt nicht zu dick auftragen, aber: Alles andere macht keinen Sinn. Nach so einer langen Zeit erkennt man, dass es nichts bringt. Es macht keinen Sinn, einen Lebensstil zu leben, der nicht wahr ist. Es macht keinen Sinn, Bodyguards zu haben, auf die man pausenlos aufpassen muss. Und es macht auch keinen Sinn, mir den Platz am Lenkrad streitig machen zu wollen, weil ich als Beifahrer viel zu viel meckere. Diese Fragen haben wir alle erledigt. Deswegen gibt es in diesem Punkt vielleicht so etwas wie eine entspanntere Haltung. Aber man ist natürlich nicht befreit vom Wettbewerb. An diesem Wettbewerb werden wir gemessen. Der Marktwerkt, den wir haben, bestimmt letztendlich ökonomisch unser Leben.
Sie haben kürzlich über sich selbst gesagt "Heute bin ich mehr bei mir als je zuvor." Was meinen Sie damit?
Das bezieht sich auf das "Suchen und Finden" im Leben. Es gab etliche Situationen, in denen ich den Kompass gesucht habe. Ich habe mich noch nicht selbst gefunden, ich bin immer noch ein Suchender. Das möchte ich aber auch bleiben. Ich denke auch nicht, dass das irgendwann aufhört. Es gibt noch viele weiße Flecken. Das macht die Sache auch reizvoll. Wenn es die nicht gäbe, würde die Motivation wahrscheinlich wegfallen.

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erstellt am 03.Nov.2010 | 07:06 Uhr

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