Nick Hornby : "Ich bin Experte für Zeitverschwendung"

Chronist der täglichen Lebenskämpfe: Bestseller-Autor Nick Hornby. Foto: Euler
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Chronist der täglichen Lebenskämpfe: Bestseller-Autor Nick Hornby. Foto: Euler

Der britische Kultautor Nick Hornby spricht im Interview mit Martin Schulte über sein neues Buch, das Internet und das Älterwerden.

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12. November 2009, 11:02 Uhr

Herr Hornby, wann haben Sie das letzte Mal Ihren Namen gegoogelt?
Ich würde niemals meinen Namen googeln. Ich glaube, man muss verrückt sein, um das zu tun.
Wovor haben Sie Angst?
Ich müsste dann Sachen über mich lesen, die ich nicht lesen möchte. Ich versuche ständig, mein Selbstvertrauen zu steigern, damit ich schreiben kann. Deshalb scheint mir das Lesen von Meinungen über mich im Internet keine gute Idee zu sein.
Also stimmen Sie Tucker Crowe zu, dem sagenumwobenen Popstar in Ihrem neuen Roman "Juliet, Naked", der behauptet, dass im Internet nur von unwissenden Menschen verfasste Beiträge über ihn zu finden sind...
In gewisser Weise, ja. Nur, dass es keine Sache von Wissen oder Unwissen ist. Im Internet existieren nur zu viele Meinungen über mich, die ich nicht hören will.
Ein Grund, weshalb Sie in dem Roman den Starkult im Internet in den Fokus gerückt haben?
Ja, denn dieser Online-Fankult ist eine Entwicklung der letzten zehn Jahre und ein tolles Thema, um darüber zu schreiben. Jeder von uns hat heutzutage eine enorme Menge an Informationen zur Verfügung, dank eines Kastens auf dem Schreibtisch. Viele dieser Informationen sind Müll, manche sind brauchbar.
Wie oft benutzen Sie das Internet?
Auch ich nutze es sehr viel. Ich umgehe nur alles, was meinen Namen enthält.
Aber trotzdem haben Sie ein eigenes Profil bei Facebook?
Ja, denn über dieses Profil habe ich selbst die Kontrolle. Alles andere kann ich nicht beeinflussen - das ist ein entscheidender Unterschied.
Ihr Roman erzählt auch die Geschichte von Duncan, einem der Online-Jünger von Tucker Crowe...
Duncan ist ein sehr spezieller Fan, das Internet hat ihn dazu gemacht. Jemand wie Duncan hätte vor 10 oder 15 Jahren keine Möglichkeit gehabt, seine Meinungen öffentlich zu machen. Er könnte die Musik hören, aber nicht viel mehr. Über das Internet dagegen findet er viele Gleichgesinnte, ob nun in Australien oder England oder sonstwo.
Gerade bei Duncan geht es auch um die Themen Lebenssinn und Zeitverschwendung. Eine Mahnung des älteren Nick Hornby?
Nein, dafür bin ich nicht der Richtige, denn ich bin ein Experte für Zeitverschwendung. Allerdings ist es schon eine Sache des Alters, dass die Endlichkeit der Lebenszeit zunehmend eine größere Rolle spielt.
Wie nutzen Sie Ihre Lebenszeit, wie sieht Ihr normaler Tagesablauf aus?
Vieles richtet sich mittlerweile nach der Familie. Ich habe drei Kinder, der Tag beginnt also damit, dass ich die Kinder zur Schule bringe. Dann gehe ich in mein Büro, zehn Minuten von meinem Londoner Haus entfernt und arbeite. Ich mag diesen Gang zur Arbeit, weil damit die Trennung von Zuhause und Arbeit deutlich wird.
Und Ihre großen Roman-Themen Fußball, Musik und Literatur spielen nur noch eine untergeordnete Rolle?
Ich gehe immer noch zu Arsenal-Spielen und höre immer noch viel Musik, auch während der Arbeit. Da kommt wieder das Internet ins Spiel, das mir ungemein dabei hilft, Zeit mit Musik zu verschwenden. Ansonsten versuche ich an jedem Tag, eine gewisse Menge zu schreiben - was meistens nicht klappt.
Der tägliche Kampf mit dem Leben, den Sie immer wieder in Ihren Büchern beschreiben?
Ich wüsste kein anderes Thema, über das es sich zu schreiben lohnt. Die meisten Menschen haben Probleme, in der Beziehung, mit den Eltern oder mit dem Alter.
Gibt es eigentlich etwas, dass der junge Nick Hornby an dem alten Nick Hornby merkwürdig finden würde?
Ja, eine Menge. Hauptsächlich, weil der junge Nick Hornby nicht viel wusste.
Was wusste er nicht?
Vieles. Der alte Nick Hornby hätte etwa kein Problem damit, seine Kinder auf eine Privatschule zu schicken. Der junge Nick Hornby wäre darüber sehr überrascht, worauf der alte ihm sagen würde, dass er die Klappe halten soll, weil er nicht weiß, worüber er redet. Ich bin einfach sehr viel toleranter geworden, das zeigt sich vor allem darin, dass ich andere Musik-Geschmäcker akzeptieren kann. Wenn ich heute bei jemandem zum Essen bin, der die falsche Musik spielt, dann schmeiße ich nicht mehr den CD-Player aus dem Fenster.
Nick Hornby: Juliet, Naked. Kiepenheuer & Witsch. 359 Seiten. 19,95 Euro.

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