Thalia Theater : Hummerfleisch auf der Kohlehalde

Brilliert in seiner Rolle des schwachsinnigen Inzest-Kindes Wilhelm: Claudius Franz. Foto: thalia
Brilliert in seiner Rolle des schwachsinnigen Inzest-Kindes Wilhelm: Claudius Franz. Foto: thalia

Leicht erschöpft klangen der Applaus und die Bravorufe. Premiere von Gerhart Hauptmanns Sozial-Drama "Vor Sonnenaufgang" am Hamburger Thalia Theater.

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12. Februar 2009, 12:05 Uhr

Hamburg | Das Dasein - eine Kohlehalde im Nebel. Dunkel und bedrohlich scheinen die steinigen Hügel auf der Bühne bis ins Publikum schwappen zu wollen. Wie angespültes Treibgut liegen die Besitztümer der Handelnden am Rand aufgetürmt. Patrick Bannwarts großartige Bühnenausgestaltung zu Gerhart Hauptmanns Sozial-Drama "Vor Sonnenaufgang" vermittelt eine trostlose Atmosphäre. 1889 unter Tumulten uraufgeführt, war es dessen Durchbruch und zugleich jener des Naturalismus auf der Bühne, prangerte Hauptmann doch ungeschminkt soziale Verelendung und Dekadenz als Auswüchse des Kapitalismus an.
Unter David Bösch feierte das Stück jetzt am Hamburger Thalia Theater Premiere. Ingenieur Hoffmann hat im schlesischen Witzdorf durch Heirat einer reichen Bauerntochter und ebenso kluge wie rücksichtslose Investitionen in den Kohleabbau ein Vermögen gemacht. Doch sein sehnlicher Wunsch nach Familie steht auf Messers Schneide, die hochschwangere Gattin ist ebenso wie deren dekadente Familie hoffnungslos dem Suff zugetan, ein erstes Kind bereits daran zugrunde gegangen. Hoffmann hofft, den erwarteten Nachwuchs mit Schwägerin Helene aufziehen zu können. Als plötzlich sein Jugendfreund Loth auftaucht, der nicht nur als Journalist über die katastrophalen sozialen Zustände rund um die Kohlengrube recherchiert, sondern auch Helene näher kommt, gibt es Streit.
Bösch erzählt beeindruckend kraftvoll diese tragische Geschichte
Peter Jordan gibt einen beängstigend jähzornigen Hoffmann, der seine einst mit Loth übereinstimmenden Ideale von sozialen Reformen gegen Reichtum eingetauscht hat, derweil dieser (überzeugend: Norman Hacker) an seiner Theorie festhält, die Menschheit retten zu müssen, aber völlig macht- und mittellos ist. In dieser Auseinandersetzung wird Helene (herausragend von derb komisch bis anrührend traurig: Paula Dombrowski) letztlich zerrieben, die mit Loth aus einem Leben zwischen Trunksucht und Missbrauch durch ihren Vater ausbrechen will.
Bösch erzählt - auch dank der bestens aufgelegten Darsteller - in teils aufs Nötigste reduzierten Handlungsabläufen mit feinsten Gesten und pointierten Dialogen beeindruckend kraftvoll bis quälend intensiv diese tragische Geschichte. Letztlich vermag der Gutmensch Loth seine Theorie von einer besseren Welt nicht einmal mittels der Liebe in die Praxis umzusetzen. Ebenso wenig wie Hoffmann erreicht er sein Glück.
Erhellende Schmankerl gibts am Rande. Verena Reichhardt etwa, als betrunken mit Hummerfleisch schmeißende Schwiegermutter Hoffmanns. Claudius Franz brilliert in seiner Rolle des schwachsinnigen Inzest-Kindes Wilhelm als Sheriff auf dem Kinderrad - ohne Hosen aber mit Cowboyhut und Neigung zur Prahlerei. Leicht erschöpft klingender Applaus und Bravorufe zum Ende dieser ebenso faszinierenden wie fordernden Aufführung.

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