"Der Rosenkavalier" : Historisch, aber entstaubt

Das Theater Lübeck begeistert zur Eröffnung der neuen Spielzeit mit "Der Rosenkavalier" von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal.

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06. September 2011, 09:28 Uhr

Lübeck | Das Beste kommt am Schluss - wenn dieser Vorsatz gelten soll, dann haben die Lübecker nach der ersten Premiere der neuen Spielzeit möglicherweise ein Problem. Grandios inszeniert, phänomenal interpretiert kommt dort in Koproduktion mit dem Landestheater Linz "Der Rosenkavalier" auf die Bühne. Das Premierenpublikum riss es förmlich aus den Sitzen.
"Die Zeit", so urteilte Mark Twain einmal, "mag Wunden heilen, aber sie ist eine miserable Kosmetikerin." Vordergründig ist genau diese Erkenntnis das Problem der Feldmarschallin Fürstin Werdenberg. Sie, eine reife Frau, will die Welt mit Hilfe des Rosenkavaliers als sehr jungem Liebhaber anhalten. Hintergründig haben Richard Strauss und sein Librettist Hugo von Hofmannsthal allerdings eine Oper geschaffen, die einer philosophischen Betrachtung nahe kommt: Eine kurze Geschichte der Zeit, als Vier-Stunden-Werk für die Bühne aufbereitet. Ein langer, in Lübeck mit zwei Pausen versehener Abend, von dem man keine Sekunde missen möchte.
"Rosenkavalier" erlaubt sich keine Schwäche
Mit den "Ring"-Inszenierungen hat Anthony Pilavachi die Lübecker erobert, jetzt liegen sie ihm zu Füßen. Sein Anspruch ist ebenso schlicht, wie hoch gesteckt. Er will auch die Leute locken, die gewöhnlich nicht in die Oper gehen. Dazu braucht er vor allem eine packende Optik. Die zaubert ihm für den "Rosenkavalier" Tatjana Ivschina: Opulente Kostüme, prachtvolle Perücken, Zimmer mit verspiegelten Wänden auf einer sich wie ein Uhrwerk drehenden Bühne - unerhört dicht quillt das Thema der Oper und der Anachronismus hervor, mit dem schon Strauss und Hofmannsthal jonglierten: Die Oper spielt in Wien um 1740, uraufgeführt wurde sie vor 100 Jahren, als das Aristokratie-Gedöns schon im Sterben lag. Ivschina setzt im Spiel um die Zeit noch eins drauf, stattet die Darsteller mit Kostümen aus, wie sie am Ende des 18. Jahrhunderts Mode waren, vor allem, weil sich in zeitgetreuen Konstrukten kein Mensch auf der Bühne bewegen könnte.
Bewegung ist das Zeit-immanente Gebot der Aufführung, und die für ihre Stimmgewalt bekannten Darstellerinnen und Darsteller spielen sich die Seele aus dem Leib. Aus dem Lübecker Ensemble bilden Ausrine Stundyte als Marschallin, Wioletta Hebrowska als Rosenkavalier Octavian und Anne Ellersiek als Sophie ein optisch hinreißendes und akustisch atemberaubendes Trio, das mit Rúni Brattaberg als aristokratisch vernebeltem, hormongesteuertem Baron Ochs ein beeindruckendes Pendant erfährt.
Die größte Stärke des Lübecker "Rosenkavaliers" indessen ist, dass er sich keine Schwäche erlaubt, insbesondere nicht die, das von ihren Schöpfern "Komödie für Musik" genannte Werk zu verzuckern. Die zweifelsohne vorhandene Komik ist mit gebührendem Ernst behandelt. Ein ebenso komischer wie bedrückender Totentanz am Ende steht für diesen Respekt vor dem Werk. Die Figuren sind bis hinunter zum Hausknecht pointiert gesetzt. Roman Brogli-Sacher führt sein hervorragend aufgelegtes Philharmonisches Orchester zügig aber nie eilig durch die drei Aufzüge. Nicht einmal bei den "Ring"-Opern war so deutlich zu spüren, wie sehr Pilavachi und er einander schätzen. Und als fatales Zeichen der Zeit darf man schon jetzt bedauern, dass Brogli-Sachers Lübecker Zeit in zwei Jahren endet.

Die nächsten Termine:
18. September und 2. Oktober, jeweils 18 Uhr; Theater Lübeck, Beckergrube 16. Theaterkasse: 0451/ 399 600.

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