Nachwuchswettbewerb : "Gute Aussichten" für Foto-Talente

Bereits zum siebten Mal ist der Wettbewerb "Gute Aussichten" jetzt im Haus der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen zu Gast.

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28. Januar 2011, 08:18 Uhr

Hamburg | Die Talentschau gilt als eine der wichtigsten bundesweiten Nachwuchsfördermaßnahmen für junge Fotografie. Gezeigt werden Arbeiten der acht aktuellen Preisträger. Organisiert wird "Gute Aussichten" von einer privaten Initiative rund um die Kunstwissenschaftlerin Josefine Raab und den Autor Stefan Becht. Kurator Ingo Taubhorn, selbst ständiges Jurymitglied, betont: "In so einer großen Ausstellung in einem renommierten Haus können sich die Arbeiten voll entfalten und ein breites Publikum finden."
Wie funktioniert "Gute Aussichten"? Aus 38 deutschen Hochschulen reichten die Leiter der Fotografieklassen Arbeiten von insgesamt 96 Absolventen ein. Eine Fachjury, deren prominentestes Mitglied in diesem Jahr der Düsseldorfer Fotograf Thomas Ruff war, wählt die überzeugendsten Arbeiten aus: sozusagen das Beste aus deutschen Fotografiehochschulen. Einen deutlichen Trend mag "Gute Aussichten"-Initiatorin Josefine Raab in diesem Jahr nicht herauslesen. "Es gibt fast nur dezidierte Einzelpositionen, und das macht auch die Qualität der deutschen Fotografie aus", sagt sie.
"Modernismus fängt zu Hause an"
Die reportageartige Fotoserie "Die Zeit dazwischen" von Helena Schätzle ist als subjektives Reisetagebuch zu lesen. Schätzle begab sich in Osteuropa auf Spurensuche. Mit der Kamera besuchte sie verschiedene Stationen, die ihr Großvater auf seiner Flucht aus russischer Kriegsgefangenschaft passierte. Verschneite Landschaften, Zäune, einsame Wege. Ein Panorama der Erinnerung an eine geliebte Person und die mit ihr verbundenen unbekannten Orte.
Viel konstruierter hingegen wirken die analogen Fotografien aus der Serie "Modernismus fängt zu Hause an" von Jan Paul Evers. Der in Braunschweig ausgebildete Fotokünstler arbeitet ganz klassisch in der Dunkelkammer. Seine grobkörnigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen basieren auf Versatzstücken aus Zeitungen, Filmen und dem Internet.
"Leuchtpunktordnungen"
Samuel Henne widmet sich in seiner Serie "Something specific about everything" dem Thema Stillleben. Er konstruiert im Studio Objekte aus Wegwerf gegenständen und fotografiert diese oft absurden Inszenierungen vor pastellfarbigen Hintergründen.
Einen eher technisch-theoretischen Ansatz verfolgt Stephan Tillmans in seiner Serie "Leuchtpunktordnungen". Er passt für den Zeitpunkt des Auslösens genau den Moment ab, wenn ein Röhrenfernseher vom Netz genommen wird. Die in Bruchteilen von Sekunden entstehenden TV-Nachbilder fängt er dann in seinen Aufnahmen ein.
Ungezwungen, spielerisch, experimentell
Ganz anders Rebecca Sampson: Die Absolventin der Berliner Ostkreuz-Schule fotografierte Menschen mit Essstörungen in einer Klinik. Es ging ihr um die "Welt hinter der Fassade". Die Bielefelderin Katrin Kamrau erforscht eher selbstreferenziell die Ränder der Fotografie: Verlassene Werkräume, leergeräumte Labore und Dunkelkammern wirken wie ein melancholischer Abgesang auf die Epoche der analogen Fotografie.
Schließlich das Künstlerpaar André Helmstedt und Tine Reimer, die in ihrer aus mehreren Kapiteln bestehenden Serie "Konstruktion von Bewegung" die Instabilität und Balance vor einem wirtschafts- und umweltpolitischen Szenario des Zusammenbruchs erforschen. Eine ebenso konzeptuelle wie elegant umgesetzte Fotoarbeit, die allerdings zu viele soziale und philosophische Aspekte zu berücksichtigen sucht. Ingo Taubhorns Fazit in diesem Jahr: "Die junge Fotografengeneration geht sehr spielerisch, ungezwungen und experimentell mit dem Medium um."
Haus der Photographie, Deichtorhallen, Hamburg: "Gute Aussichten 2010/2011. Junge deutsche Fotografie". Bis 27. Februar, Di-So 11-18, 1. Do im Monat 11-21 Uhr. www.guteaussichten.org

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