Theater Hamburg : Graue Welt, graues Stück

Eindimensional:   Renato Schuch (vorn) als Will Kufalt.  Foto: Scholz
Eindimensional: Renato Schuch (vorn) als Will Kufalt. Foto: Scholz

Willi Kufalt, Protagonist in Hans Falladas Roman "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst", schafft es wieder Fuß zu fassen.

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20. April 2009, 12:07 Uhr

Hamburg | Willis Welt ist schwarz und grau. Das ist kein Wunder, denn Willi Kufalt, Protagonist in Hans Falladas Roman "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst", schafft es auch nach seiner fünfjährigen Haft nicht, wieder in der Gesellschaft Fuß zu fassen.

Er bleibt für die anderen ein Ex-Häftling, wird ausgebeutet, landet folgerichtig wieder auf der schiefen Bahn und letztlich im Gefängnis. Diese 1934 verfasste sozialkritische Geschichte birgt von ihrem Handlungsverlauf kaum Überraschungen, sie könnte allerdings auf der Bühne zu einer interessanten psychologischen Studie werden. Vielleicht hat Daniel Wahl, Schauspieler und Regisseur am Hamburger Schauspielhaus, deshalb eine Bühnenfassung geschrieben und diese an der Kirchenallee inszeniert.

Herausgekommen ist ein mit dreieinviertel Stunden deutlich zu langer Abend, der sehr viel will, der aber insgesamt unentschieden und plakativ gerät. Das beginnt schon bei der Ausstattung (Viva Schudt). Schwarz ist die in zwei Ebenen untergliederte Mauer des Gefängnisses, schwarz und grau später sind auch die Büros, in denen Kufalt (Renato Schuch) arbeitet. Er und seine Mitgefangenen tragen weiße Unterhemden und Anzüge, was eventuell durch den schnellen Wechsel von der Gefangenschaft in die Freiheit motiviert sein mag, was aber genauso wenig plausibel ist wie die roten Clownsnasen, die sich die Spieler teilweise aufsetzen. Mit dem Zaunpfahl winkt dagegen die Video-Projektion eines wachsamen Auges, das die gesamte Zeit das Spiel beobachtet.

Das eiert zwischen Stilisierung und deftigem Realismus hin und her. Da stehen die Aufsplittung von Willis "Ich" in den Gefängnisszenen auf mehrere Figuren sowie chorisch gesprochene Textpassagen neben Ohnsorg-Theater im Wohnheim, distanzlos gespielt von Hedi Kriegskotte als Minna und Jürgen Uter als Pastor Seidenzopf.

Völlig unklar bleibt auch, wozu der Neue Hamburger Knabenchor verpflichtet worden ist, wenn er doch nur am Ende in einer an Kitsch kaum zu überbietenden Szene zwei Strophen von "Der Mond ist aufgegangen" singen darf.

In dieser Inszenierung ohne erkennbare Dramaturgie bleiben die Figuren eindimensional, sie wecken daher auch weder Interesse noch Mitgefühl. Schade, denn Daniel Wahl hat vor allem in seinen Inszenierungen am Jungen Schauspielhaus bewiesen, dass er es besser kann.

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