Schloss Gottorf : Gottorfs Kutschen und andere Restposten

Die einst gepriesene Kutschensammlung in Gottorf wurde zum Restposten.

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07. November 2009, 09:31 Uhr

Was ist in der Kunst- und Kulturgeschichte eigentlich wichtig, bedeutend, einmalig, unverzichtbar? Nun, die Antwort weiß Radio Eriwan: Im Prinzip alles. Es muss sich nur einer finden, der Kraft Amt und Würden ein Ding für wichtig, bedeutend, einmalig und unverzichtbar erklärt. Kann aber auch sein, dass Amt und Würden das gleiche Ding schnell für unwichtig, unbedeutend und verzichtbar halten. Dann stimmt das auch.

Wir Nordlichter durften nun staunend erfahren, wie schnell aus einem einst wichtigen, bedeutenden usw. Kulturgut ein quasi unbedeutender Restposten wurde. Die Rede ist von der Gottorfer Kutschensammlung.
"Ein Glücksfall" für Schleswig-Holstein

1992 hatte die Kulturstiftung des Landes Schleswig-Holstein die 130 Gefährte für rund eine Million D-Mark erworben. Die "Objekte der Reisekultur des 19. Jahrhunderts" wurden als Kulturgut ersten Ranges eingestuft, als "ein Glücksfall" für Schleswig-Holstein gepriesen. Nicht auszudenken war der "Verlust einer solchen Sammlung, denn der wäre durch nichts auszugleichen". Die O-Töne von 1992 lassen keinen Zweifel: die Kutschen gehören ins Landesmuseum, eröffnen sie doch "ein museales Konzept, das weit über den Rahmen eines üblichen Wagen- und Kutschenmuseums hinausgeht."
Super, denkt da der gemeine Norddeutsche, da haben wir mal ein echtes Alleinstellungsmerkmal im Museums-Allerlei. Glänzende Kataloge, geschliffene Lobeshymnen und schöne Fotos rundeten das Bild vom Glücksfall ab. Das war vor 17 Jahren. Doch in letzter Zeit war verdächtig wenig von der "größten mitteleuropäischen Sammlung ihrer Art" zu hören, geschweige denn zu sehen.
Lahme Droschken schnell versilbert

Jetzt sind auf Gottorf mal die (neuen) Chefs durch die Hallen gegangen. In einer, die nicht so ganz wetterfest ist, standen sie plötzlich vor den alten Wagen. Man muss sich das wohl wie beim Gang durch den eigenen Keller vor stellen. Lange hat man den Ort gemieden, ahnte schon, dass sich im Laufe der Jahre dort einiges angesammelt hat, hatte aber weder Zeit noch Muße, sich mit dem ganzen Müll zu beschäftigen. Also stehen die Chefs vor den Kutschen, die wahrscheinlich mal geputzt werden müssten. Doch wer soll das machen? Und überhaupt, was will man mit den lahmen Droschken? Ein neuer Dienstwagen wäre doch zeitgemäßer...

Kurzum, die aus der Mode gekommenen Transporter mussten schnell versilbert werden. Jetzt dürfen wir gespannt sein, was sonst noch so in den Kellern, Ställen und Hallen des Schlosses zu Tage kommt. Ratsam wäre es dann, mit dem Resteverkauf auch gleich die Publikationen verschwinden zu lassen, die einst die Einmaligkeit und Unverzichtbarkeit der Objekte belegten.

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