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Historische Tondokumente : Flensburger erforscht Sound des 20. Jahrhunderts

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Gekrächze auf Wachsschallplatten, Bombennächte, Reden voller Hoffnungen. Der Flensburger Historiker Gerhard Paul erforscht, welchen Einfluss Töne und Geräusche auf die Geschichte haben.

Flensburg | In seinem neuen Buch „Der Sound des Jahrhunderts“ stellt der Flensburger Geschichtswissenschaftler Gerhard Paul  gemeinsam mit Ralph Schock die Klangwelten des 20. Jahrhunderts vor. Ein Buch, das die Bandbreite historischer Tondokumente von Politikerreden bis Popmusik abdeckt. Im Anschluss an das Interview hören Sie ausgewählte Beispiele.

Herr Paul, gibt es einen typischen Klang von Geschichte?
Geschichte an sich kann natürlich nicht klingen, denn Geschichte ist eine Deutung von Vergangenheit, die wir in unseren Köpfen haben. Es kann aber sein, dass unsere Deutung mit Klängen zusammenhängt, wir uns also akustisch erinnern.

Ihr neues Buch heißt „Sound des Jahrhunderts“. Wie lässt sich dieser Sound umschreiben?
Sound meint hier die Einheit von technischen, mechanischen und natürlichen Klängen bis hin zur Musik. Das 20. Jahrhundert klingt dabei natürlich ganz anders als das 19. oder das 21. Jahrhundert.

Nämlich wie?
Das 20. Jahrhundert ist sehr laut. Bestimmte mechanische Klänge verschwinden, viele neue industrielle Geräusche kommen hinzu. Die Dampfmaschine etwa hat es im 19. Jahrhundert schon gegeben, aber richtig dominierend wird ihr Klang erst im 20. Jahrhundert. Was außerdem heraussticht, sind die neuen akustischen Medien: Lautsprecher, Grammophon, Radio, Telefon, später Fernsehen. Das sind die Klangquellen, die das 20. Jahrhundert bestimmen.

Hat denn jedes Jahrhundert sein typisches Geräusch?
Das kann ich natürlich nur subjektiv beantworten. Ein Sound des 21. Jahrhunderts ist zum Beispiel das Anfahren meines Computers. Ein digitales Geräusch, das erzeugt wird und für die neue Technologie steht. Für das 20. Jahrhundert würde ich außer der Industrialisierung noch die Verkehrsgeräusche nennen. Ein Lärm, den wir so nie wieder haben werden, weil der Verkehr – etwa durch die Elektroautos – immer leiser wird.

Und das 19. Jahrhundert?
Für die Zeit vor dem 20. Jahrhundert sind die Kirchenglocken das typische Geräusch. Die haben den Tag strukturiert. Sie werden später abgelöst von den Werksirenen.

Ändert sich mit den Geräuschen auch das Hören?
Das Hören verändert sich genauso wie das Sehen. Diese Entwicklung haben wir Historiker nie wahrgenommen. Es ist zum Beispiel so, dass bestimmte Geräusche, die wir heute als unangenehm empfinden, in früheren Zeiten nicht so wahrgenommen wurden. Im Gegenteil: Der Klang des Krieges zum Beispiel ist von den Futuristen in der Musik geradezu zur Kunst erhoben worden.

Warum rücken Töne und Bilder erst jetzt in den Fokus der Geschichtswissenschaft?
Die Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert ist bis heute weitestgehend eine Textwissenschaft. Sie hat im Grunde nicht wahrgenommen, dass das 20. Jahrhundert ein audiovisuelles Jahrhundert war wie keines zuvor.

Woran liegt das?
Wir haben eine sehr verkrustete Geschichtswissenschaft in Deutschland. Die lässt andere kaum rein, tut sich auch mit Innovationen eher schwer. Aber jetzt haben wir eine Generation von Jungwissenschaftlern, die für Veränderungen offen ist.

Werden Persönlichkeiten der Geschichte anders beurteilt, wenn man sie sprechen hören kann?
Es zeigt zumindest, welche Fähigkeiten jemand hatte, mit dem Publikum zu interagieren. Das kann ich den Textquellen nicht entnehmen. Was wir also hören können, ist die Beziehung zwischen Sprecher und Publikum. Einfach gesagt: Wer Adolf Hitler in einer Veranstaltung sprechen hört, kann etwas über seine Popularität sagen. Manchmal entwickeln diese alten Aufnahmen aber auch einen ungewollten Humor, wenn zum Beispiel Bismarck eine Botschaft an seinen Sohn richtet und man ihm seine Unsicherheit im Umgang mit dem neuen Medium anhört. Dasselbe hört man auch bei Kaiser Wilhelm. Das hängt damit zusammen, dass diese gestandenen Politiker plötzlich nicht vor Menschen, sondern vor einem Phonographen stehen und in diesen seltsamen Trichter sprechen müssen. Es wird oft vergessen, dass Bismarck,  Wilhelm II. oder auch Hitler auch ganz normale Menschen waren, mit ganz normalen Verhaltensweisen – und ganz normalen Vorbehalten.

Hitler allerdings hat dieses neue Medium sehr effektiv genutzt.
Wir haben von Hitler eine sehr technisierte Stimme im kollektiven Gehör abgespeichert. Dass dieser Mann privat, man darf es kaum sagen, eine sympathische Stimme hatte, ist kaum bekannt. Aber das ist letztendlich auch eine eher abseitige Erkenntnis. Hitler ist auf jeden Fall der erste Politiker, der die Lautsprechertechnik genutzt hat, um zu einem Massenpublikum zu sprechen. Interessant ist übrigens, dass es heute noch Rechteinhaber auf die Reden von Hitler und Goebbels gibt.

Und die verdienen an diesen Reden?
Bei den Goebbels-Reden ja, da verdient ein Neffe von ihm dran. Bei Hitler hält das bayerische Finanzministerium die Rechte, das achtet eher drauf, dass nicht zu große zusammenhängende Passagen seiner Reden veröffentlicht werden. Man fürchtet offensichtlich auch heute noch die Wirkung von Hitlers Worten.

Inwieweit hat denn die Lautsprechertechnik auch das Verhalten des Publikums verändert?
Mit Sicherheit gibt es eine Abstumpfung des Hörens, wir hören heutzutage nicht mehr so differenziert, ob es nun die Musik ist oder die Umgebungsgeräusche.

Ist das eine Folge der Flut visueller Reize, denen der Mensch ausgesetzt ist?
Auf jeden Fall werden Botschaften immer stärker an Bilder gekoppelt. Es gibt Nachrichtensendungen, da lässt man die Bilder nahezu unkommentiert für sich selbst sprechen. Andererseits nehmen wir mehr mit den Ohren wahr als mit den Augen, schon allein deshalb, weil wir die Augen einfacher und schneller schließen können. Deshalb hat ja auch ein Potsdamer Apotheker vor über 100 Jahren Ohropax erfunden und sind in Fabriken Ruheräume eingerichtet worden. Und deshalb gibt es die Umweltgesetzgebung der letzten Jahrzehnte, in denen die Auswirkungen des Lärms reguliert werden.

Sie haben jetzt die Geschichte des Bildes und die des Klangs getrennt voneinander aufgeschrieben. Müssten Sie nicht jetzt die Kombination aus beidem untersuchen?
Nur den Klang und nur die Bilder zu betrachten, ist natürlich eine künstliche Trennung. Das 20. Jahrhundert ist ein audio-visuelles Zeitalter, man müsste beide Bereiche also zusammenbringen. Das wäre eigentlich das nächste Ding, das man machen müsste. Aber das möchte ich lieber Jüngeren überlassen.

Hinweis:

Gerhard Paul wird am Mittwoch, 22. Januar, ab 19 Uhr das Buch und viele Originaltöne  im  Verlagsgebäude des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages (sh:z) in der Fördestraße 20 in Flensburg präsentieren. Der Eintritt ist frei. Moderiert wird der Abend von sh:z-Chefredakteur Helge Matthiesen.

Hörbeispiele:

 

Erläuterungen zu den Hörbeispielen:

1. Die Wachswalzenaufnahme von Kaiser Wilhelm II. gibt den Text „Stark sein im Schmerz“ wieder, der am 24. Januar 1904 aufgezeichnet wurde.

2. Die Verleihung des Literaturnobelpreises an Thomas Mann wurde am 10. Dezember 1929 von Alfred Braun kommentiert und im Rundfunk gesendet.

3. Die Aufnahme von 1940 dokumentiert einen Luftangriff auf Berlin mit Sirene, Fluglärm, Bombenabwürfen und Großbrand.

4. Am 9. Mai 1945 wurde aus Flensburg, wo Karl Dönitz ein Hauptquartier eingerichtet hatte, der letzte Wehrmachtsbericht gesendet. Dabei gab das Oberkommando der Wehrmacht bekannt: „Seit Mitternacht schweigen an allen Fronten die Waffen.“

5. „Tor, Tor, Tooor“: Die Rundfunkreportage von Herbert Zimmermann vom Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 zwischen Deutschland und Ungarn ist legendär und wurde später zur Vertonung von Filmaufnahmen verwendet.

6. „Ich bin ein Berliner“: Diese Worte von John F. Kennedy aus seiner Rede am 26. Juni 1963 vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin hat sicherlich jeder schon einmal gehört.

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erstellt am 15.Jan.2014 | 06:00 Uhr

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