Tatort Duisburg : Feridun Zaimoglus neuer Roman "Ruß"

Über Umwege nach  Duisburg: Feridun Zaimoglu Foto: dpa
Über Umwege nach Duisburg: Feridun Zaimoglu Foto: dpa

Der Protoganist in Feridun Zaimoglus neuem Werk hat ein großes persönliches Trauma, das ihn aus der Bahn geworfen hat: seine Frau wurde ermordet.

Avatar_shz von
06. September 2011, 09:31 Uhr

kiel | Duisburg, das ist nicht mehr die gleiche Stadt, die Feridun Zaimoglu mehrfach für seinen neuen Roman "Ruß" besucht hat. Damals war der Kieler Autor auf der Suche nach einem idealtypischen Lebensraum im Ruhrgebiet, der den morbiden Charme einer untergehenden Industrielandschaft ausstrahlt - unaufgeräumt und schmutzig. Heute ist Duisburg vor allem ein Synonym für die Katastrophe bei der Loveparade mit 21 Toten und Hunderten Verletzten; eine Katastrophe, die sich erst nach Zaimoglus unzähligen Duisburg-Besuchen ereignet hat. Die Stadt hat sich stark verändert seitdem, die Menschen dort sind kollektiv traumatisiert, Duisburg wird für immer mit diesem großen Unglück verbunden bleiben.
Für Zaimoglus Geschichte hätten diese Veränderungen ein großes Risiko darstellen können, wenn er sich nicht zuvor - dem Autoren-Glück sei Dank - für Renz als Protagonisten seines neuen Werks entschieden hätte. Dieser unglückliche Mann hat ein großes persönliches Trauma, das ihn aus der Bahn geworfen hat und jedes weitere Unglück in der Umgebung aufsaugt wie ein Schwarzes Loch Materie. Seine Frau ist ermordet worden, vor Jahren schon, in der gemeinsamen Wohnung.
Tatsächlich entwickeln sich die Dinge anders
Renz hat sich daraufhin an den Rand der Gesellschaft zurückgezogen, aus dem Mediziner ist ein Kioskverkäufer geworden, der die Süchtigen des Viertels mit Alkohol und Zigaretten versorgt. Er hat keine Ambitionen mehr, alles ist grau in Renz Leben - grau wie die Stadt, in der er lebt. Sein Interesse an der Welt ist mit dem Mord an seiner Frau verloren gegangen - zu dem wenigen, was ihm geblieben ist von seinem alten Leben, gehört die Urne mit ihren Überresten. Jeden Morgen steckt er den Finger in das Gefäß und leckt die Asche ab.
Eines grauen Tages erfährt Renz, dass der Mörder seiner Frau aus dem Gefängnis entlassen wird. Aber nicht diese Information ist es, die ihn aus seiner Lethargie reißt, sondern ein sonderbarer, stadtbekannter Krimineller, der ihm nur eine Wahl lässt: Renz soll einen psychisch labilen Mann aus Warschau abholen, dafür wird der Mörder seiner Frau erledigt. Der Verdacht, der den Leser von Beginn an beschleicht: Das wird so nicht funktionieren! Und tatsächlich entwickeln sich die Dinge anders.
Zaimoglu spendiert währenddessen eine Reise durch halb Europa und eine Romanze, die Renz gerade dann wieder in die Welt der Lebenden zurückholt, als er selbst zum Rache-Mord überredet werden soll. Diese emotionalen Extreme, die Hinterkammern der Psyche, sind es, die Zaimoglu schon immer gereizt haben. Seine Geschichten spielen überwiegend in - und dicht an - den Menschen. Duisburg ist dabei nur die Bühne, wie auch die anderen Städte. Leider verliert der Leser mitunter die Orientierung, weil Zaimoglu die Handlung über zu viele Umwege lenkt. Dafür entschädigen einmal mehr seine bildreiche Sprache und die prächtigen, kraftvollen Dialoge.
Feridun Zaimoglu: Ruß, Kiepenheuer & Witsch, 268 Seiten, 18,99 Euro.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen