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Biike-Brennen in Nordfriesland : Faszination Feuerberg

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Einheimische und immer mehr Urlauber zieht das Biikebrennen in seinen Bann. Der Ursprung des Nationalfestes der Friesen ist ein Mysterium.

shz.de von
erstellt am 14.Feb.2014 | 16:22 Uhr

Hitzewellen mitten in der frostigen Winternacht. Funken und Flammen, die sich weit in den Himmel fressen, Schneeflocken zum Schmelzen, Holz zum Knistern und Knacken bringen. Die Luft flimmert. Stumm, fast gefesselt stehen mehr als tausend dick eingemummelte Menschen um einen riesigen Feuerberg, bestaunen den Kampf der Elemente Feuer, Luft, Erde und Wasser. Viele fassen sich an den Händen. Zuvor sind sie aus drei Richtungen mit Fackeln zum Biike-Platz marschiert. Dort fließen die leuchtenden Feuer-Bänder am Abend des 21. Februar zusammen, die Fackeln werden auf den knapp zehn Meter hohen Berg aus Reisig, Gartenschnitt und ausgedienten Tannenbäumen geworfen. Kinder, Eltern und Großeltern rufen: „Tjen di Biiki ön!“, zünde die Biike an! Der Ruf zeigt: Das Biikebrennen ist „das“ Fest der Friesen. Doch mit der Sehnsucht nach alten Werten und Authentizität steigt nicht nur bei der Norddörfer Biike auf Sylt, sondern auch an den mehr als 60 Feuern an der Nordsee die Zahl der Touristen. Entzündet werden alle Feuerzeichen am 21. Februar nach Einbruch der Dunkelheit.

Was die meisten Gäste nicht wissen – der Ursprung der Biike ist bis heute ein von Myhten, Meeresgeistern und Magie umranktes Geheimnis. Die Legende, dass mit den Feuern die Walfänger verabschiedet wurden, hält sich hartnäckig, ist nach Einschätzung führender Biike-Experten aber ein Märchen. Schon vor der Christianisierung, wohl noch Ende des 17. Jahrhunderts haben die ersten Biiken auf Sylt gebrannt. „Es waren Wotans Feuer“, sagt Hartmut Schiller, Leiter der Sylter Akademie Klappholttal, der dort mehrtägige Biike-Seminare anbietet. Die oberste germanische Gottheit sollte gnädig gestimmt werden. Winter, Schnee und Eis sollten endlich weichen, damit es Frühling werden kann. Geopfert wurde dafür das Wertvollste, was die karge Landschaft an der Küste zu bieten hatte – Brennholz. Einen weiteren wahrscheinlichen Ursprung nennt Professor Thomas Steensen, Leiter des Nordfriesischen Instituts in Bredstedt: „Die Biiken waren zunächst Freuden- und Fasnachtsfeuer. Sicher auch aus Freude, dass der Winter bald zuende ist“. Heute kaum vorstellbar, aber die Fasnacht wurde von den Friesen früher intensiv gefeiert.

Das ändert sich durch die Christianisierung. Der Kirche sind die wilden, heidnischen Biike-Feste ein Dorn im Auge. Doch schließlich muss sie akzeptieren, dass sich die Friesen ihre Feuer nicht nehmen lassen. Zu groß ist über eine lange Zeit die gesellschaftliche Bedeutung der Biike geworden – als Identitätsstifter und Heiratsmarkt.

Woher stammt denn aber nun die Walfänger-Legende? Ende Februar sind die friesischen Walfänger jedenfalls noch nicht zu ihren lebensgefährlichen Missionen aufgebrochen. „Wohl kamen zu dieser Zeit aber die holländischen Seefahrer auf die Insel, um sich ihre Crew zusammen zu stellen“, sagt Hartmut Schiller.

Die Verbindung zur Seefahrt schafft laut Steensen auch der Petritag, der am 22. Februar der Biike folgt. An diesem Tag wurde Ting gehalten, Verträge geschlossen und Testamente verfasst. Denn viele Walfänger blieben für immer auf dem Meer. Da sollten ihre Frauen abgesichert sein. „Oft führte dies dazu, dass achtjährige Jungen für die Schulden ihrer Väter oder großen Brüder gerade stehen mussten“, berichtet Schiller. Vieler dieser Kinder mussten dann im kommenden Jahr mit auf Walfang gehen, den die meisten von ihnen nicht überlebten.

 

Heute ist der Petritag besonders für die Kinder ein Fest. Auf den Inseln haben sie vielerorts sogar schulfrei, um Zeit zu haben für den Petritanz, der einem Faschingsfest gleicht. Fehlen darf an diesem Tag nicht der Petrigroschen. Statt einer Münze gibt es heute Naschereien, meistens von den Großeltern, Tanten und Onkeln. Am Abend des Petritages tanzen in den Gaststuben oder Vereinsheimen dann auch die Großen.

In den Tagen vor der Biike basteln Schüler oder Konfirmanden die mit Stroh gefüllte Biike-Puppe, die auf der Spitze des Reisigberges befestigt wird. Sie symbolisiert den Winter. Wenn die Puppe ins Feuer fällt, darf auf einen nahen Frühling gehofft werden. Bis dahin kann die Biike aber leicht schon eine Stunde brennen.

Nach dem Anzünden des Feuers werden Ansprachen gehalten, die sich meist politischen und sozialen Problemen der Orte widmen. Immer seltener sprechen die Redner Friesisch, denn immer mehr Urlauber stehen mit den Einheimischen an den Feuerzeichen. Könnte der Zauber der Biike dadurch gefährdet werden, dass aus dem friesischen Nationalfest eine Touristenattraktion wird? Der Friesenrat hat mit Blick auf den kommenden 21. Februar gefordert, dass die Biike zum immateriellen Kulturgut der Unesco ernannt und so vor Überfremdung geschützt werden soll.

Genau die fürchtete bereits um 1850 der bekannte Sylt-Chronist C.P. Hansen. Die Walfänger waren durch die Kontinentalsperre damals zu einfachen Fischern und Bauern geworden. Als neue Erwerbsquelle entwickelte sich der Tourismus, Westerland wurde zum Seebad ernannt. „Hansen baute die Biike als friesisches Gegengewicht dazu auf, er begründete damit die Renaissance des Feuerfestes“, sagt Hartmut Schiller.

Wahrscheinlich gibt es über die Jahrhunderte mit Blick auf die Bedeutung der Biike einige Überschneidungen, Lücken und einige Unbekannte. Dennoch brannten die Feuer immer weiter. „Wohl weil sich Riten auf abgeschiedenen Inseln einfach länger halten“, vermutet Schiller. Vor allem aber auch, weil sich die Menschen damals wie heute der Magie des Feuers, den archaischen Kräften der Biike nicht entziehen können. An jedem Feuer wirkt der Zauber der Vergangenheit. Jedes Kind und jeder Erwachsener, der am Feuerberg steht, fühlt das, was Menschen schon vor hunderten von Jahren an der Biike berührt hat.

Auf Sylt werden am 21. Februar allein neun Biiken brennen. Die meisten Feuer lodern aber auf Föhr. Unter 14 Orten gibt es dort einen Wettbewerb um die größte Biike. Zum Wyker und Uetersumer Reisighaufen gibt es große Fackelumzüge. In St. Peter-Ording wird eine große Biike an der Erlebnispromenade entfacht, im Husumer Stadtteil Schobüll singen Kinder am Feuer plattdeutsche Lieder. Überall an der Westküste beginnt, wenn die Biikepuppe ins Feuer gestürzt ist, das geselligen Ereignis des Friesenfestes: Grünkohl mit Kassler, Kochwurst und karamellisierten Kartoffeln satt, dazu Grog, Teepunsch und Klönschnack. Auch dieser Schmaus hat eine alte Tradition und stammt von Sylt. „Das erste Grünkohl-Gelage fand im Landschaftlichen Haus in Keitum statt“, sagt Hartmut Schiller.

Der genaue Ursprung der heidnischen Feuer wird wohl ein Mysterium bleiben. Doch sie waren und werden immer ein Bekenntnis zu den Inseln, zur Küste, zur Heimat sein. Und ein Versprechen, sich nächsten Jahr wieder an der Biike die Hand zu reichen. Die Kraft der Biike bis in die heutige Zeit beschreibt Hartmut Schiller so: „Jeder Sylter, der zur Biike fern der Insel ist, wird an diesem Tag großes Heimweh haben.“


Infos über alle Biiken an der schleswig-holsteinischen Westküste: www.nordseetourismus.de


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