Schleswig-Holstein Musik Festival : Experimente eines Exzentrikers

Die Proben für Bachs Johannespassion mit Robert Wilson laufen. Noch allerdings ohne den US-Starregisseur - der Meister kommt später.

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08. Juli 2009, 12:11 Uhr

Kiel | Chor-Gesang ist quer über den Hof und die Wiesenflächen vor Schloss Salzau hinweg zu hören. Hochdramatische Turba-Chöre erklingen, dann folgt eine Arie. Es sind die letzten Tage, bevor die Johannespassion von Johann Sebastian Bach im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) in Kiel Premiere feiern soll.

Zwischen Turnschuhen und Wasserflaschen ziehen in der großen Konzertscheune junge Männer und Frauen in Toga-artigen Gewändern langsam ihre Bahnen. Jean Yves Courrègelongue betrachtet sich das Geschehen aufmerksam und geduldig. Hin und wieder tritt er in die Szenerie hinein, verändert die Haltung einzelner Akteure, nimmt er einer Darstellerin einen Haarkranz ab, fast als bewege er sich in einer besonders kunstreichen Schaufenster-Dekoration.

Es ist ein Kunstwerk, das er für den US-Starregisseur Robert Wilson mit formen soll. Und bei Wilson, den alle Welt oft nur "Bob" nennt, geht es traditionell um kleinste Details, um die Reduktion auf Grundstrukturen. Robert Wilson selbst - das heißt "Bob" - ist in diesen Tagen, da auf Salzau geprobt wird, noch nicht in der Konzertscheune anzutreffen.

Er wird erst später zu den Proben dazustoßen. Robert Wilson gilt als Exzentriker. Er ist der schwierige Künstlertyp, der vor allem für seine Inszenierungen lebt. Und diese sind gekennzeichnet von Minimalismus und klaren Linien. Farben und Licht gehören zu seinen Hauptwerkzeugen. Die Bühne ist zugleich auch das Ausstellungsfenster des 68-jährigen Malers, Bühnenbildners, Lichtdesigners und Architekten. Wilson prägte einst den Satz: "Die Verantwortung des Künstlers ist es nicht, Antworten zu finden. Es ist die, Fragen zu stellen." Und nicht selten hatten Kritiker bei den Inszenierungen des zum Teil als "Bühnen-Guru" betitelten Mannes sehr viele davon.

Bachs Johannespassion zu visualisieren - es hat ein Stück weit etwas mit Größenwahn zu tun, in einer sympathischen Art und Weise. Zu viele Versuche die Geschichte aus dem Johannes-Evangelium über den Leidensweg Jesu von Nazareth umzusetzen, sind doch in der Vergangenheit gescheitert. Doch Wilsons Blick auf das Werk wurde bereits mehrmals auf die Bühne gebracht - und konnte jedes Mal begeistern. Die Weltpremiere war 2007 im Pariser Théâtre du Châtelet. Im selben Jahr eröffnete das Stück das Vilnius Festival in Litauen.

Dort hatte SHMF-Intendant Rolf Beck die musikalische Leitung der Produktion übernommen. Die deutsche Erstaufführung nun wird beim SHMF stattfinden, wieder mit Rolf Beck am Pult - mit Nachwuchsmusikern aus den drei Akademien des Festivals. In der Geschichte des SHMF ist dies ein absolutes Novum.

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