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„Klangraum“ : Erzählungen zwischen zwei Meeren

vom

Die Anthologie „Klangraum“ wurde in Kiel vorgestellt. Sie versammelt 80 Geschichten berühmter Autoren über Schleswig-Holstein.

shz.de von
erstellt am 02.Dez.2013 | 08:00 Uhr

Kiel | „Dieses Buch hat uns gefehlt.“ Dieser schlichte Satz von Kulturministerin Anke Spoorendonk (SSW) war bei der Vorstellung des Werks nicht einfach so dahingesprochen. Er bringt die Marktlücke treffend auf den Punkt, die der 760-Seiten-Wälzer „Klangraum“ aus dem Wachholtz Verlag schließt. Die Anthologie versammelt 80 beispielhafte Erzählungen aus und über Schleswig-Holstein aus acht Jahrhunderten. Berücksichtigt wurden Texte aus deutscher, dänischer, niederdeutscher, friesischer und lateinischer Feder. „Klangraum“ ist der zweite Band in der Reihe „Landessprachen: Literatur in Schleswig-Holstein“ der Kunststiftung der HSH-Nordbank. Im vergangenen Jahr hatte eine Lyrik-Anthologie den Anfang gemacht.

Band 2 mit seiner Prosa ist publikumsträchtiger, und den herausragenden Stellenwert dieser Veröffentlichung untermauerte der Ort ihrer Präsentation. Der Plenarsaal des Landtags wurde zur Bühne für das erzählerische Schaffen mit Schleswig-Holstein-Bezug. Im Parlament mögen die Redebeiträge selten die stilistische Qualität der Buchtexte erreichen. Dennoch sei das Plenum auch ein „Klangraum“, schließlich bestehe das Geschehen dort auch aus Sprache, stellte Landtags-Vizepräsidentin Marlies Fritzen (Grüne) eine Verbindung her.

Worum es dem Herausgeber-Trio ging, schilderte Professor Heinrich Detering, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Vor allem werde Schleswig-Holstein in der Historie durch das Aufeinandertreffen deutscher und dänischer Kultur als ein „Feld von Schlachten“ wahrgenommen, „die auf obsessive Weise immer wieder ausgefochten werden.“ „Klangraum“ wolle zeigen: „Die Multikulturalität gehört zu diesem Land, so lange hier Menschen leben. Sie ist kein Betriebsunfall, sondern ein Grund zum Feiern.“

Und was haben Detering, seine Göttinger Literaturwissenschaftskollegin Maren Ermisch sowie der unlängst verstorbene Flensburger Literatur-Professor Peter Nicolaisen nicht alles an Schätzen gehoben. Die Zeitspanne reicht von der Vision einer Teufelsaustreibung, die der holsteinische Missionar Vicelin im 12. Jahrhundert hatte, bis zum türkischstämmigen Kieler Feridun Zaimoglu. Der hat sich als Sylter Inselschreiber den Naturgewalten von Sturmfluten gewidmet. Beide Texte bilden trotz ihres riesigen zeitlichen Gegensatzes eine Klammer. Sie machen Anspielungen auf die Sage, in der der Schleswiger Herzog Abel seinen Bruder, den dänischen König Erik, ermordet – und nur wenig später selbst von den Friesen im Krieg erschlagen wird.

Zwischen diesen zwei Polen trifft der Leser etwa auf Julia Gräfin Reventlow, die im 18. Jahrhundert den Einsatz schwarzer Sklaven auf dem Gut Emkendorf anprangert. Der dänische Dichter Jens Baggesen skizziert Kiel zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Hans Christian Andersen verewigt in seinem Roman „Die zwei Baroninnen“ eine Reise von Flensburg nach Dagebüll. Dass Selma Lagerlöf eine Beziehung zu Kiel hat, wird ebenso in Erinnerung gerufen wie die nördlichen Wurzeln des Biene-Maja-Autoren Waldemar Bonsels.

Dass sich eine Short-Story auf Friesisch genauso spannend verfassen lässt, zählt ebenso zu den für viele sicher neuen Erkenntnissen – weil die Geschichte hier nicht nur im Original, sondern auch auf Deutsch übersetzt erscheint. Texte dänischer Autoren werden ausschließlich in der deutschen Fassung gebracht; Plattdeutsch im Original gedruckt. Die Texte wurden so komponiert, dass sie einen thematischen Bezug zueinander haben. Sie reden sozusagen miteinander.

„Es ginge auch anders – aber so geht’s auch“: Der bei Textsammlungen unvermeidlichen Diskussion über die Auswahl beugte Detering mit dieser selbstbewussten Formel vor. Gar nicht hoch genug zu loben ist neben Themenbandbreite und -tiefe die Anmoderation, mit denen die Herausgeber kurz und prägnant jeden Text in den Kontext zu seinem Autor, dessen Zeit und dessen Bezug zu Schleswig-Holstein stellen. Zwischen den Buchdeckeln wird der Leser fürsorglich an die Hand genommen. Dieser „Klangraum“ hat eine große Resonanz verdient. Jeder, der gern liest und sich mit Schleswig-Holstein verbunden fühlt, wird hier reichlich fündig – und mit der Kulturministerin einig sein.

Klangraum – Erzählungen aus Schleswig-Holstein, hrsg. von Heinrich Detering, Maren Ermisch und Peter Nicolaisen, Wachholtz Verlag, 760 Seiten, 25 Euro, ISBN 978-3-529-02374-3
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