"Alle Toten fliegen hoch" : Erwachsen werden in der Fremde

Joachim Meyerhoff: 'Alle Toten fliegen hoch. Amerika', 6 CDs gelesen von Joachim Meyerhoff, Random House Audio, Köln 2011, ISBN: 978-3-8371-0846-0.
Joachim Meyerhoff: "Alle Toten fliegen hoch. Amerika", 6 CDs gelesen von Joachim Meyerhoff, Random House Audio, Köln 2011, ISBN: 978-3-8371-0846-0.

Aus der norddeutschan Provinz sucht Joachim Meyerhoff Mitte der 80er Jahre das Abenteuer in den USA. Er träumt vom Leben in New York - und landet in einem Kaff in den Rocky Mountains.

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21. April 2011, 11:50 Uhr

Zugegeben, der Titel schreckt zunächst ab. Und dann erst die komischen 80er-Jahre-Föhnfrisur- und Pullunderspackenfotos auf dem Cover. Joachim Meyerhoffs Erinnerungen an sein Austauschjahr in Amerika versprechen, einem langweiligen Abend mit dem alten Schulabschluss-Album eines neuen Bekannten erschreckend nahe zu kommen. "Alle Toten fliegen hoch. Amerika" nennt er erst kryptisch, dann holzhammerhaft direkt seinen autobiografischen Roman. Roman? Vielleicht. Einiges wurde sicher ausgeschmückt, doch die Grundzüge der Geschichte sind deckungsgleich mit den Erfahrungen des Autors, die er witzig und intelligent erzählt. Ein wenig Selbstironie schwingt oft mit, 25 Jahre nach dem Erlebten blickt der Erwachsene teils wie von außen auf sein jugendliches Ich. Doch seine inneren Konflikte, seine Geheimnisse und Ängste erscheinen trotz der zeitlichen Distanz präsent.
1985 entscheidet sich der Schleswiger Provinzler mit 18 Jahren, ein Austauschjahr in den USA zu machen. Endlich raus aus der norddeutschen Piefigkeit. In die große Stadt möchte er gern, New York, Los Angeles... doch er landet in Wyoming. Im Bergkaff Laramie. Selbst schuld, hat er doch im Fragebogen widerstrebend angegeben, er möchte gern in einen möglichst kleinen Ort in eine religiöse Familie. Damit wollte er seine Chancen auf ein Austauschjahr gegenüber den weltgewandten Hamburger Schnöseln erhöhen, die er bei dem ersten Treffen der Austauschorganisation in Deutschland kennen gelernt hat. Denn nach New York wollen schließlich alle. Einzig wichtig ist ihm sein Sport: Basketball. Seine offizielle Version lautet denn auch, er sei mithilfe eines Basketballstipendiums nach Amerika gekommen. Doch in Wahrheit, so gibt er zu, waren Oma und Opa die noblen Spender.
Sexuelle Unerfahrenheit und allgemeine Trotteligkeit
Natürlich ist es gerade bei Mittdreißiger-Popliteraten ungeheuer in, sich über die eigene Jugend, die damalige Frisur und Kleidung, die sexuelle Unerfahrenheit und allgemeine Trotteligkeit lustig zumachen. In Ansätzen macht das auch Meyerhoff, doch es bleiben noch immer liebenswerte Schilderungen eines Normalos. Der Austauschschüler wundert sich darüber, dass man in den USA den Toast diagonal durchschneidet. So etwas wäre ihm vorher noch nie begegnet geschweige denn selbst eingefallen. Doch das sonst so oft gehörte Jammern nach Schwarzbrot bleibt aus. Scheinbar unkritisch stellt er fest, dass ihm das Kauen der harten deutschen Speisen sogar eher lästig wird, nachdem er seine Kiefermuskulatur in Amerika kaum nutzen musste. Nicht einmal zu Beginn ereilt ihn der erwartete und oft heraufbeschworene Kulturschock in Laramie. Der Junge lebt sich schnell und unspektakulär ein. Lernt die Gegend um die Rocky Mountains kennen. Er trifft - und nicht nur das - bei einer Pool-Party ein Mädchen mit merkwürdig hochbetonierten Haaren, die an seinem eigenwilligen blonden Wuschel-Lockenkopf entgegenstehen. Ihre Haare schaben während der Autofahrt an der Wagendecke, sie schminkt sich vor dem Rückspiegel und beim Sex im Pool gibt sie kurze Anweisungen - ganz anders als seine brave Freundin in Schleswig, deren waghalsigste Leistung es war, ihm die Luft am Fahrrad rauszulassen.
So schnell wie möglich bewirbt sich der Schüler für das Basketball-Team der High School-Mannschaft. "The German" wird er dort nur genannt - und das scheint auch der Grund, warum er ins Team aufgenommen wird, obwohl er kaum den Korb trifft. Sein Trainer ist ein Deutschland-Fan inklusive der obligatorischen Schäferhunde. Glücklicherweise gleitet die Geschichte nicht in ein Sportsheldenepos ab. "The German" gibt zwar mit seinen antrainierten Sprungfähigkeiten an, trägt seine Sportschuhe jeden Tag, doch sitzt er bei fast jedem Spiel auf der Reservebank. Auch der Unterricht gefällt. Tauchen, Selbstbehauptung und vor allem der selbstherrliche Geschichtsunterricht. Endlich war das Fach Geschichte nicht mehr von Scham und Schande durchzogen, erzählt Meyerhoff, sondern war eine Aneinanderreihung von Heldengeschichten. Endlich auf der richtigen Seite, denkt sich der Jugendliche völlig unkritisch.
Nüchtern und ehrlich gelesen
Meyerhoffs Erinnerungen an die Schulzeit sind so herrlich authentisch und selbstironisch, ohne sich allzu sehr und distanzierend über die Jugendsünden lustig zumachen. Fast schon zu nüchtern und ehrlich gelesen wird das Hörbuch vom Autoren selbst, der als Schauspieler am Wiener Burgtheater arbeitet und die Austausch-Erinnerungen zunächst als Zyklus für die Bühne zu Papier gebracht hat. Wer wenig oder kein Englisch kann, wird allerdings an vielen Stellen allein gelassen. Ganze Dialoge liest Meyerhoff in seinem wunderbar akzentgeschwängerten Amerikanisch.
Viele werden sich in den Schilderungen auf beiden Seiten des Atlantiks wieder finden. Die norddeutsche Provinz mit ihren Fahrradtouren zum Langsee, mit abendlichen Gesprächen bei aufgewärmtem Hühnerfrikassee und die amerikanische Provinz mit ihrem High School-Sport, Cheerleadern und dicken, schlachtschiffartigen Autos. Außerdem fehlt es nicht am wunderbaren 80er-Jahre-Temporalkolorit mitsamt seiner Frisuren und skurrilen Mode-Trends. Ein wenig popliterarische Jugenderinnerungskultur gehört eben doch dazu.
(mn, shz)

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