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Ein Spiel am Rande des Wahnsinns

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erstellt am 21.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Kiel | Normalerweise sind Schachspiele für Außenstehende langweilig: Zwei sitzen an einem schwarzweiß gemusterten Brett, verschieben Spielfiguren. Schweigen. Und der Sinn erschließt sich nur Eingeweihten.

Anders im Kieler Opernhaus: Da wird das "Spiel der Könige" zum Thriller, gruppieren sich Passagiere eines Ozeandampfers atemlos staunend um den Schachweltmeister Mirko Czentowic und seinen Herausforderer Dr. Leo Berger. Mit ihnen hält das Publikum im ausverkauften Haus den Atem an.

Für Kiel hat der spanische Komponist Cristobál Halffter aus der legendären "Schachnovelle" von Stefan Zweig eine Oper gemacht. Sein Librettist Wolfgang Haendeler hat ihm die gattungstypisch verschachtelte Handlung in eine theatertaugliche Chronologie übertragen: Zunächst wird Rechtsanwalt Dr. Berger nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Österreich von SS-Schergen in Isolationshaft genommen, um aus ihm Informationen über den Verbleib kaiserlicher und kirchlicher Vermögen zu pressen, die seine Kanzlei treuhändlerisch verwaltet. Berger übersteht diese spezielle Folter, weil er sich mit einem Buch über Schach von der Einsamkeit ablenkt.

Doch treibt ihn auch das kriegerische Spiel an den Rand des Wahnsinns. Darauf folgt die ursprüngliche Rahmenhandlung: Bergers Zusammentreffen mit dem Schachweltmeister, für das Haendeler aber einen optimistischeren Schluss als in der literarischen Vorlage findet.

Kiels Generalintendant Daniel Karasek setzt die Geschichte in wirkungsmächtigen Bildern um; in einem großbürgerlichen Ambiente, das mit raffinierten Kniffen zu Dampfer, Hotel oder Verhörraum wird (Bühne: Norbert Ziermann). Den Schachfiguren (großartig: der Opernchor) lässt er dabei eine doppelbödige Bedeutung zukommen.

In dem großen, bestens präparierten Ensemble setzt Jörg Sabrowski mit seinem farbenreichen Bariton als Dr. Berger faszinierend den Parlando-Stil Halffters um. Ein genialer Einfall des Komponisten war es, die Rolle des Gestapooffiziers mit einem Countertenor zu besetzen; ihn gibt Michael Hofmeister mit in jeder Hinsicht beklemmender Eindringlichkeit. Überhaupt die Musik! Halffter schafft mit seiner atonalen Tonsprache beeindruckende Klangteppiche und hochkomplexe mehrstimmige Strukturen, die gleichwohl unter die Haut gehen. Dabei würzt er geschickt mit maßvollen elektronischen Effekten und an ganz wenigen Stellen mit tonalen volks- oder unterhaltungsmusikalischen Signalen.

So gelingt ihm - von der kammermusikalisch illustrierten Einsamkeit Bergers bis zum philharmonisch-infernalisch auf die Spitze getriebenen Schachduell - eine Partitur, die von der ersten bis zur letzten Note packt. Das Werk eines Altmeisters, das vom glänzend aufspielenden Kieler Orchester unter der Leitung von Georg Fritzsch kongenial umgesetzt wurde. 15 Minuten Jubel für eine Uraufführung - das ist ungewöhnlich, aber absolut gerechtfertigt.

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