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Ein Magier am Piano: Pollini verzaubert Lübeck

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Lübeck | Ein schmaler älterer Herr und ein Piano - mehr hat es am Sonntag nicht gebraucht, um die Lübecker Musik- und Kongresshalle zu behexen. Der Magier war Maurizio Pollini, 71 Jahre alt, einer der bedeutendsten Pianisten der Welt, und er zauberte nicht nur mit Werken Robert Schumanns und Frédéric Chopins, sondern auch mit der Freundschaft beider Komponisten.

Der Abend beginnt mit einem Schlüsselwerk: Schumanns Kreisleriana, die der Verlobten Clara Wieck auf den Leib geschrieben, jedoch Chopin gewidmet ist, um Claras Vater nicht noch mehr gegen den Verehrer aufzubringen. Es sind die acht Facetten einer Liebesbeziehung, die Pollini einem zunehmend faszinierten Publikum aufblättert, man meint, mitten in den Gefühlsstürmen des Komponisten zu stecken, und als der letzte Ton der Nr. 8 ("schnell und spielen") verklingt und Pollini Schumanns Concert sans Orchestre in der Fassung von 1936 hinterherschickt, ist die Einmaligkeit dieses Abends schon greifbar.

Die zeigt sich auch im Programm. Nach der Pause folgen Werke des Schumann-Freundes und kritischen Wegbegleiters Chopin. Pollini zelebriert mit der b-Moll-Sonate eines der bekanntesten Werke des polnisch-französischen Komponisten. Die Macht Pollinischer Kunst offenbart sich vor allem im Marche funèbre dieser Sonate. Ungezählte Male wurde die schon musikalisch misshandelt, hervorgezerrt für verfilmte Klamauk-Bestattungen und ist damit für viele Ohren "verbrannt". Pollini indessen gibt diesem Lento seine ursprüngliche getragene Schönheit, verharrt nicht im Dramatischen, sondern treibt es voran in die hoffnungsvolleren Klangfarben. Noch vor Chopins Berceuse und Polonaise As-Dur reißt es die Zuhörer aus den Sitzen.

Im Programmheft ist Alfred Brendels Anmerkung zu Schumanns drei langsamen "Kreisleriana" zitiert: "Es ist wunderbar, wenn jemand, der so leidenschaftlich zerrissen ist, dann auch eine solche Ruhe und Versenkung ausstrahlen kann." Am Sonntag hat ein Weltklasse-Pianist große Musik hör- und spürbar gemacht. Sein Publikum dankte mit lang anhaltenden Ovationen im Stehen (die zweimal zum Erfolg einer Zugabe führten). Denn es ist wunderbar, dass ein Weltstar so ruhig und versunken Leidenschaft zeigen kann.

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erstellt am 06.Aug.2013 | 05:59 Uhr

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