Ein Leben für Nolde

Kaum einer kennt sich im Nolde-Haus so gut aus wie Manfred Reuther. Doch nun verlässt er das Museum. Foto: ruff
Kaum einer kennt sich im Nolde-Haus so gut aus wie Manfred Reuther. Doch nun verlässt er das Museum. Foto: ruff

Manfred Reuther, Direktor der Nolde-Stiftung, wird heute in den Ruhestand verabschiedet - nach 40 Jahren in Seebüll

shz.de von
28. Juli 2012, 03:59 Uhr

Seebüll | Nein, Wehmut befällt Prof. Dr. Manfred Reuther nicht, wenn er sein Büro betritt, den gerade in voller Blüte stehenden Garten durchwandert oder die Ausstellungsräume im Nolde-Haus kontrolliert. "Es ist auch eine Befreiung" gibt Reuther unumwunden zu, "sich in Zukunft anderen Themen widmen zu können." In den letzten Jahrzehnten drehte sich bei Reuther alles um ein Thema: Emil Nolde (1867-1956).

Am heutigen Sonnabend wird der 68-Jährige feierlich als Direktor der Nolde-Stiftung verabschiedet. Dann endet nicht nur für Reuther ein intensives Arbeitsleben als Hüter des Nolde-Werkes, es endet in Seebüll auch eine Ära, in der zukunftsweisende Maßnahmen für das abgelegene Refugium getroffen wurden. Für den Wissenschaftler und Museumsmann ist das rückblickend ein überraschender Lebenslauf, denn er wollte "eigentlich nur drei oder vier Jahre bleiben". Daraus wurden 40 Jahre.

Als Reuther sich 1972 nach Studium und einer kurzen Lehrertätigkeit in Tübingen als wissenschaftlicher Assistent bei der Nolde-Stiftung in Seebüll bewarb, waren ihm weder die Arbeiten des Künstlers vertraut, noch war es seine Absicht, sich für den Rest seines Berufslebens ganz und gar auf Leben, Werk und Nachlassverwaltung des Mannes einzulassen, der als einer der bedeutendsten deutschen Maler des 20. Jahrhunderts gilt. Doch Reuther blieb der einsamen nordfriesischen Warft treu, auf der Nolde gemeinsam mit seiner ersten Frau Ada zwischen 1926 bis 1930 sein trutziges Wohn- und Atelierhaus errichtet hatte. Seebüll wurde auch für den Wissenschaftler, seine Frau und die beiden Töchter zu einem Zuhause.

Er arbeitete sich zunächst als Assistenz des damaligen Direktors Martin Urban und seit 1992 als dessen Nachfolger immer tiefer in das umfangreiche Werk Noldes ein, wurde zum intimen Kenner der Biografie des eigenwilligen Künstlers. Er hätte zwar einige Fragen an den Mann, der sein Leben so entscheidend beeinflusste, ist sich aber nicht sicher, ob die Antworten besonders aufschlussreich wären. "Denn Nolde war wohl ein sehr schweigsamer und verschlossener Mensch". Die Bilder und die umfänglichen schriftlichen Selbstzeugnisse des Künstlers sind für Reuther beredete Quellen.

Mit ihnen hat sich der Kunsthistoriker in all den Jahren so tief auseinandergesetzt, dass er längst als Koryphäe für Noldes Werk und Leben gilt. Zahlreiche Publikationen und gut 50 internationale Nolde-Ausstellungen bezeugen nicht nur den exzellenten wissenschaftlichen Ruf Reuthers, sondern auch seine Bemühungen, das Werk des Künstlers weiter bekannt zu machen, es unter immer neuen Themenstellungen lebendig und frisch zu halten. Die Konzentration auf den einen Künstler machte es dem Kunsthistoriker aber schwer, den Blick für andere Entwicklungen offen zu halten. "Für mich war es notwendig, neben Nolde etwas zu haben, was auch tragend ist. Und das war die Auseinandersetzung mit der Kunst der Gegenwart. Ich bedauere ein bisschen, dass ich das durch den Stress hier vernachlässigen musste. Ich hoffe, dass ich jetzt wieder mehr Zeit dafür habe." Reuther will solche Bemerkungen nicht als Frust verstanden wissen, dafür waren Aufgabe und Chancen in Seebüll unvergleichlich interessant. Zu diesen Aufgaben gehörte auch, zukunftsweisende Schritte zu tätigen wie den Abriss der alten, in die Jahre gekommenen Bauten, die nie recht in Einklang mit dem Nolde-Haus und seinem Gartenpark standen. Mit der Eröffnung der neuen, modernen und architektonisch sehr attraktiven Neubauten wurde unter Reuthers Regie 2007 erkennbar der Aufbruch gewagt. Im selben Jahr konnten Reuther und sein Team auch noch die Nolde-Dependance in Berlin eröffnen, die bis hin zu den Ausstellungskonzepten eine Weiterentwicklung gegenüber den bis dahin sehr eng gefassten Schauen darstellt. "Als ich anfing, galt es, Nolde stärker in die Gegenwart zu bringen. Das bedeutete auch in den bau lichen Maßnahmen etwas zu ändern, es musste attraktiver werden, ohne dass das besondere Gesicht von Seebüll kaputt gemacht wurde. Es war auch ein Gralsort. Auch das hieß es abzubauen."

Reuther wollte Seebüll nicht länger als "elitären Ort" wahr genommen wissen, sondern "die Einbindung in die Region" ebenso schaffen wie das Interesse eines jungen Publikums gewinnen. Das scheint gelungen. Es kommen zunehmend jüngere Menschen und Familien. Wichtig dafür waren Angebote wie der Museumsshop, die Malschule für Kinder und Jugendliche sowie ein Bistro und Restaurant mit einem landesweit sehr gutem Ruf. "Seebüll ist auch ein Ausflugsort geworden. Aber wir haben das Ganze noch so im Griff, dass der Ort authentisch geblieben ist." Reuther weiß um den schwierigen Balanceakt eines Musentempels zwischen Kommerz und Anspruch. Aber er weiß auch, dass die Nolde-Stiftung keine öffentliche Förderung erhält, sondern alles selbst erwirtschaften muss. Eine wichtige Einnahmequelle sind zurzeit noch die Einnahmen über das Copyright auf alle Nolde-Motive. Doch das Urheberrecht erlischt 2026. Das "bedeutet, dass wir finanzielle Einbrüche haben werden, die im Jahr rund eine halbe Million Euro betragen können". Stabile, hohe Besucherzahlen (zurzeit sind es jährlich rund 80 000), neue Geschäftsfelder und Marketing werden da zu wichtigen Stichworten. Dann und wann wird auch mal ein Werk aus der Sammlung des hoch gehandelten Expressionisten verkauft. "Die Sammlung ist so umfangreich, dass wir Dinge finden, die uns nicht weh tun", beteuert Reuther, der sich selbst (natürlich) kein großes Werk von Nolde erlauben könnte. Er sammelt Arbeiten von Künstlern der Gegenwart. Sie werden ihren Ort in Zukunft außerhalb von Seebüll haben. Schon seit vielen Jahren hat Reuther mit seiner Frau einen "Zufluchtsort": einen alten Bauerhof in Nordfriesland.

Auch wenn Reuther froh ist, in Zukunft mehr Zeit für Themen und Anliegen außerhalb der Nolde-Stiftung zu haben, bleibt er als Experte mit unschätzbarem Wissen weiter "anzapfbar". Und seine Bilanz von 40 Jahre Nolde-Stiftung fällt nicht schlecht aus: "Also, wenn ich zusammen fassen darf, war es eine sehr intensive, reiche Zeit und auch eine, die Spaß gemacht hat."

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen