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„Inventur“ in Schleswig-Holstein : Ein Land sucht seine Denkmäler

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kulturministerin Anke Spoorendonk (SSW) plant die erste vollständige Bestandsaufnahme seit Jahrzehnten. Für das bauliche Erbe Schleswig-Holsteins soll es nur noch eine Schutz-Kategorie geben.

shz.de von
erstellt am 18.Sep.2013 | 07:46 Uhr

Kiel | „Es ist deutlich geworden, dass der Denkmalschutz gesellschaftlich mehr als legitimiert, ja ausdrücklich gewünscht ist.“ Dieses Fazit zieht der Sprecher von Kulturministerin Anke Spoorendonk (SSW), Oliver Breuer, nach vier Regionalkonferenzen zur Novellierung des Denkmalschutzgesetzes. Die Koalition will das Regelwerk nach der Rückkopplung mit der Basis aus Architekten, Kommunalpolitikern, Baupflegevereinen und anderen Interessierten in Itzehoe, Plön, Lübeck und Flensburg nun 2014 in den Landtag einbringen. Eine Herkulesaufgabe wird die damit einhergehende flächendeckende Bestandsaufnahme: Sie soll erstmals seit Jahrzehnten einen geschlossenen Überblick über die schützenswerte Baukultur zwischen Nord- und Ostsee herstellen.

Bisher gibt es zwei Kategorien: 3000 Kulturdenkmale von besonderer Bedeutung einerseits und rund 16 000 einfache Kulturdenkmale andererseits. Die Eigentümer einfacher Denkmale müssen den Behörden lediglich Auskunft erteilen und auf Wunsch eine Besichtigung gestatten. Weitere Pflichten treffen sie nicht. Demgegenüber müssen die Eigentümer besonderer Denkmale Genehmigungspflichten beachten und das Denkmal erhalten.

Das Ministerium sieht durch das Fehlen eines einheitlichen Denkmalbegriffs Nachteile: Schwierig sei, dass viele Eigentümer nicht wüssten, dass ihr Haus ein einfaches Kulturdenkmal sei. Sie könnten die Beratung durch die Fachleute der Behörden oder die steuerliche Abschreibung für Erhaltung daher nicht in Anspruch nehmen. Andererseits könnten die Behörden die Eigentümer nicht einfach benachrichtigen – denn die Listen mit den einfachen Kulturdenkmalen seien veraltet. Da Veränderungen keiner Genehmigung bedürfen, sind nach Ansicht der Fachleute viele einfache Kulturdenkmale inzwischen so verändert worden, dass sie nach heutigen Maßstäben gar keine Denkmale mehr sind. Andere wurden abgerissen. Bei vielen sei der Zustand schlicht unbekannt.

Ein künftig einheitlicher Denkmalbegriff soll dies ändern. „Das würde der Rechtsvereinfachung und dienen“, argumentiert Ministeriumssprecher Breuer. „Für Behörden und Bürger wäre der Umgang mit diesem Begriff einfacher. Die bisherigen Unterschiede sind Betroffenen und Öffentlichkeit nur schwer zu vermitteln.“ Unterm Strich werde die Summe der Denkmale sinken, versichern Ministerium und der Vize-Leiter des Landesamts für Denkmalpflege, Dirk Jonkanski, unisono. Allerdings wohl nicht wesentlich. Jonkanski schätzt, dass etwa 15.000 Denkmale unter dem künftig einheitlichen Begriff übrig bleiben. Die 3000 aus der bisherigen besonderen Kategorie werden automatisch überführt. Nicht jedes bisher einfache Denkmal hingegen werde sich als so wichtig erweisen, dass es unter den neuen Terminus fällt. Allerdings müsse dazu alles auf den Prüfstand. Hinzu kommt ein Rückstand von 4000 unbearbeiteten Verfahren für eine Erstbewertung. Er hat sich über Jahrzehnte aufgebaut. Das Landesamt plant, acht Personen für eine Schnellerfassung 2014 einzustellen, etwa Berufseinsteiger aus den Bereichen Architektur, Bauingenieurwesen und Kunstgeschichte. Kostenschätzung: 400.000 Euro. Über vier bis fünf weitere Jahre soll dann das Stammpersonal Details erfassen.

Zu Anstößen, die das Ministerium aus den Regionalkonferenzen in die Novelle mit aufnehmen will, zählt eine Stärkung des Umgebungs- und Ensembleschutzes. Demnach müsste intensiver darauf abgestellt werden, welchen Wert ein Haus für das Bild der Nachbarschaft hat. Ein Wunsch, der insbesondere von Kommunalpolitikern geäußert worden sei. Häufig sei auch die Forderung nach einer Barrierefreiheit von Denkmalen gekommen – was auf Grund baulicher Besonderheiten mitunter schwer sein dürfte.

Aus den Reihen der Gutsbesitzer wurden in den Konferenzen Befürchtungen laut, dass die Nutzung vieler derzeit einfacher Denkmäler durch einen einheitlichen Denkmalbegriff erschwert werde. Wenn an alle Gebäude auf einem Gutshof die gleichen Anforderungen wie bisher nur an das Herrenhaus gestellt, könne dies den Besitzer schnell überfordern, hieß es. Denkmalpfleger Jonkanski entgegnet, eine Kate werde man in der Praxis immer anders behandeln als ein Herrenhaus, eine Kirche anders als ein Wohngebäude.

Der Eigentümerverband Haus & Grund befürchtet, dass durch den einheitlichen Denkmalbegriff „auch solche Objekte einem stärkeren Schutz unterliegen, die gar nicht schützenswert sind“. Verbandsdirektor Hans-Henning Kujath prophezeit: „Durch die Masse wird man keine Bürokratie einsparen. Mit der Vielzahl der Objekte werden die Denkmalschutzbehörden personell überfordert sein.“ Auch protestiert Haus & Grund dagegen, dass das Land Denkmäler künftig automatisch durch Gesetz unter Schutz stellen will – und nicht mehr wie bisher von Einzelfall zu Einzelfall durch Verwaltungsakt der Behörden. Ministeriumssprecher Breuer sieht gerade in diesem Wechsel eine Entlastung für das über Jahre zurückgefahrene Personal. Es werde sich weniger um rechtliche Verfahren kümmern müssen und wieder mehr Zeit für Beratung und inhaltliche Arbeit bekommen.

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